„Das Internet ändert alles“

Der Twitter-Investor Albert Wenger sagt dramatische Umbrüche voraus. Medien und Handel seien bald nicht mehr wiederzuerkennen. Die Veränderungen seien so gravierend wie jene beim Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft.

Albert Wenger hat selbst Internetfirmen gegründet. Jetzt hilft er als Partner der Union Square Venture bei Gründungen und denkt über die Zukunft nach.
Albert Wenger hat selbst Internetfirmen gegründet. Jetzt hilft er als Partner der Union Square Venture bei Gründungen und denkt über die Zukunft nach.

Der Deutsche Albert Wenger ist Partner der Firma Union Square Venture, die in Internet-Firmen mit dem Potential investiert, ihre Branchen auf den Kopf zu stellen. Twitter, Shapeways und Zynga gehören zum Portfolio der New Yorker. Wenger, selbst Gründer mehrerer Firmen, hat in Harvard Wirtschaft und Computerwissenschaft studiert und wurde am MIT promoviert. Er bloggt über das Internet und gibt online Programmierstunden.

Herr Wenger, Google, Amazon, Facebook, Wikipedia und Twitter sind nicht mehr wegzudenken. Trotzdem ist da das Gefühl, dass die Wirkung des Internets aufs normale Leben nachlässt.

Das Gegenteil ist richtig. Allein die fünf Namen von Amazon bis Twitter haben die Welt schon mehr verändert, als viele offenbar wahrnehmen. Und dennoch stehen wir erst am Anfang.

Können Sie Beispiele nennen?

In Amerika und Europa schließen Buchladenketten, vor allem wegen Amazon, aber auch wegen Twitter. Es macht mir am Abend oft Spaß, meinen Twitter Feed zu lesen statt eines Buches. Elektronikhändler stehen als Nächstes unter Druck. Der stationäre Einzelhandel steht im Prinzip zur Disposition.

Okay, das hören wir schon lange.

Bei den Zeitungen haben wir das auch lange gehört. Und jetzt kommt das Ende für viele Publikationen. Die Umbrüche für die Welt haben die gleiche Qualität wie jene beim Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft.

Das klingt jetzt übertrieben.

Wir glauben fest dran und investieren dementsprechend. Medien und Handel sind schon bald nicht mehr wiederzuerkennen. Streng hierarchische Organisationen werden durch dynamische Netzwerke ersetzt in der Wirtschaft und in der Politik, nationale Grenzen, das Eigentum und selbst die Mobilität werden neu definiert.

Bleiben wir bei der Mobilität.

Okay. Ein Teil des Autoverkehrs ist Informationsverkehr. Ich fahre zum Supermarkt, informiere mich über das Angebot, packe ein und nehme den Einkauf mit nach Hause. Stattdessen kann ich jetzt im Internet bestellen und ein Lieferwagen kann das zu mir und vielen anderen bringen. Das spart Zeit, schont die Umwelt und bedeutet, dass ich kein Auto brauche oder mein Auto weniger auslaste. Das Letztere macht dann die Teilnahme an einem Carsharing-Club wie RelayRides interessant. Dramatisches tut sich auch im Bildungswesen.

Was passiert da?

Die Khan Academy macht es vor. Das ist eine Non-Profit-Online-Schule, die unentgeltlich Lehrfilme ins Netz stellt. Der Gründer Salman Khan erreicht mit mehr als 3000 Lehrvideos schon mehr als zehn Millionen Menschen. Es gibt inzwischen viele Anbieter wie Udacity und Codecademy. Das wird das globale Bildungswesen verändern. Jeder Mensch kann lernen, was er will, wann er es will, wo er es will und mit seinem eigenen Tempo.

Fernschulen gab es bisher schon.

Das stimmt. Es gab auch schon Zimmervermittlungen und Mitfahrzentralen. Aber im Internet sind die marginalen Kosten nahegehend null und dadurch können diese Netzwerke und Marktplätze um viele Größenordnungen wachsen. Den Zimmervermittler AirBnB kostet es nichts, noch ein Bild von einer Wohnung ins Netz zu stellen. Für Online-Universitäten kostet es fast nichts zusätzlich, ob 50 oder 50.000 der Vorlesung folgen. Selbst höhere Bildung wird überall verfügbar und oft unentgeltlich sein. Privatuniversitäten in Amerika müssen sich sorgen. Doch für Amerikaner, die noch große Studentendarlehen aufnehmen und abbezahlen müssen, kann es nicht schnell genug kommen.

Wenn so vieles umsonst ist, wer verdient dann noch Geld im Internet?

Nach unserer Beobachtung wachsen in der Tat jene Netzwerke am schnellsten, die nur wenig oder kein Geld für Dienste nehmen. Die globale Kleinanzeigen-Plattform Craigslist veröffentlicht die meisten Inserate unentgeltlich. Sie hat den amerikanischen Zeitungen die Kleinanzeigen weggenommen mit 40 Mitarbeitern. Etsy, ein Marktplatz für einzigartige Produkte, verlangt 3,5 Prozent vom Verkaufswert. Kickstarter mobilisiert privates Fördergeld für künstlerische Projekte wie ein Album oder einen Spielfilm und begnügt sich mit fünf Prozent.

Propagieren Sie jetzt das Zeitalter der kleinen Gewinne?

In der Tat bewegen wir uns von einer Welt, in der Firmen einen großen Teil der Gewinne für sich reservieren, in eine Welt, in der die Kunden den Profit haben. Musik, Bildung, Nachrichten sind schon umsonst. Das Internet verteilt die Wertschöpfung neu.

Wenn die Produzenten von Musik kein Geld mehr verdienen, dann gibt es weniger davon. Das gilt auch für Qualitätsjournalismus.

Ein klassischer Einwand. Es stimmt, Schallplatten-Label und Zeitungen verschwinden. Das Thema des Internets ist Unbundling. Die Zeitung fasst historisch Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport und Lokales zusammen, vor allem wegen der Druck- und Logistikkosten. Der Kunde bekommt das ganze Paket und zahlt dafür, auch wenn er nur den Leitartikel lesen will. Das zielgenaue Beliefern leistet das Internet.

Leider fehlt das Geschäftsmodell für guten Internetjournalismus.

Da bin ich optimistischer. Dank des Internets entstehen neue Möglichkeiten. Wikileaks hat mehr Scoops produziert als viele investigative Journalisten. Gute Blogger können sich mit den besten Zeitungskolumnisten messen. Für anspruchsvolle Berichte wird es so etwas wie Kickstarter geben – in Amerika haben wir einen Versuch mit spot.us. Von Bürgern direkt finanzierter Journalismus ist wahrhaft unabhängig. Ich bin hier optimistisch.

Sie nehmen allerdings die Zerstörung ganzer Branchen in Kauf für die Hoffnung, dass alles irgendwann gut wird.

Tatsächlich wird vieles erst schlimm, bevor es gut wird. Die Firmen, die von der alten Ordnung profitieren, werden sich wehren, ebenso Parteien oder Regierungen. Denn dank des Internets werden alternative Formen der politischen Willensbildung möglich. Das ängstigt die Politiker. Aber es wird noch schwieriger, wenn man sich den Entwicklungen nicht stellt. Wir reden von einer historischen Entwicklung zu einer Welt, die weniger Hierarchien kennt, mehr Freiheiten bringt, die Leute zielgenauer und billiger bedient und weniger Ressourcen verschwendet. Das ist eine gewaltige Chance, die wir nutzen sollten, statt sie zu bremsen.

Wer bremst denn?

Selbst Demokratien haben Probleme mit der Realität des Internets. Die Olympischen Spiele in London konnten Amerikaner nur zeitversetzt sehen, weil NBC zur besten Werbezeit sendete. Also haben die Leute die Wettkämpfe über Livestreams verfolgt auf illegalen Umwegen. Was also sollte die Politik tun? Die Umwege dichtmachen oder die grenzüberschreitende Realität des Internets akzeptieren?

Sie sind natürlich für die offene Variante.

Ja. In vielen Bereichen brauchen wir Regulierung, aber nicht zur Begrenzung, sondern damit das Internet offen bleiben kann.

Wie stelle ich meine Kinder auf die neue Zeit ein? Müssen sie jetzt alle programmieren lernen?

Schwierig. Wir fahren Auto, ohne ein Auto reparieren zu können. Aber ein Computer ist kein Auto. Er ist auch kein besseres Radio. Er ist etwas Generelles: Was der Computer für mich machen kann, ist heute nur durch meine Vorstellung begrenzt. Deswegen sollten ihn viele Leute beherrschen. Vielleicht sollten Kinder das schon in der Schule lernen mit einem besonderen Effekt: Programmieren kann nur, wer ein Problem genau verstanden hat. Aber zu viele Sorgen muss man sich nicht machen.

Nein?

Nein. Die Kinder verstehen das Thema intuitiv. Es sind die Erwachsenen, die Schwierigkeiten haben.

Quelle: Frankfurter Allgemeine. Das Gespräch führte Winand von Petersdorff.

Thema demnächst: Internet-Radios verändern die Welt.


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