„Saab – dass passt doch zu ihnen als Grieche. Die sind auch pleite!“

Von Stefan Laurin, Ruhrbarone.de

Es war an einem einer dieser warmen Sommerabende, von denen es in diesem Jahr nicht viele gab, und ich sitze mit Athanasios Papapostolou draußen vor einer Kneipe am Kölner Ring.  Am Nachbartisch drei Pärchen. Sie wirken gut situiert. Zwei Flaschen Wein stehen auf dem Tisch, und man unterhält sich laut miteinander. Fußball, Lokalpolitik und dann kommt das Thema irgendwann auf Griechenland. „Ich soll meine Steuern für die faulen Säcke geben? Die sollen erst mal lernen, was arbeiten heißt!“ Der Mann mit blauem Pullover und schütterem Haar lehnt sich zurück und genießt sichtlich die Zustimmung seiner Tischgenossen.

„Das“, sagt Papapostolou, „passiert jetzt ständig. Ich hab schon aufgehört, mich darüber aufzuregen. Aber dumme Sprüche über Griechenland und die Griechen sind mittlerweile an der Tagesordnung“.

Als der Chef eines Kölner Animationsstudios nach Ende des Leasingvertrages seinen alten Saab gegen einen neuen austauschte, war der Vertreter  der Leasingfirma der Ansicht, er hätte die richtige Automarke gewählt: „Saab – das passt doch zu ihnen als Grieche. Die sind doch auch pleite.“

Das Verhältnis zwischen Deutschen und Griechen war schon einmal besser als in diesem Sommer.  Über Jahrzehnte hinweg war es, vor allem was die Sympathien der Deutschen für die Griechen betraf, ausgesprochen gut. Griechenland war der Sehnsuchtsort zahlreicher Aussteiger, die sich in den 70er und 80er Jahren mit Rucksack und Isomatte auf den Weg gen Süden machten und den Sommer über in billigen Unterkünften abstiegen oder gleich am Strand  schliefen. In Frankreich riskierte man dabei, unsanft durch den Fußtritt eines Polizisten geweckt zu werden. Auf Kreta oder Rhodos konnte man sich in der nächstgelegenen Taverne waschen und einen Kaffee trinken.

Griechenland, das war natürlich auch eine für die Deutschen beeindruckende Hochkultur. Zu Zeiten, als im Land der Germanen noch kein einziges Steinhaus stand und Gestalten mit gekalkten Haaren durch dunkle Wälder zogen, beschäftigten sich die Griechen mit Mathematik, Philosophie, wehrten die Angriffe der Perser ab und entwickelten die Demokratie.

Diskriminierung? Solche Erfahrungen haben die in Deutschland lebenden Griechen nie gemacht. Sie sind gut integriert, wirtschaftlich erfolgreich und fallen nicht auf.

Damit ist es erst einmal vorbei. Ruft man bei der griechischen Botschaft in Berlin an, findet man niemanden, der sich zu einem offiziellen Gespräch bereit erklärt. Und zitieren lassen will man sich auch nicht. Aber, wird bestätigt, immer häufiger werden Griechen beschimpft, machen sich Deutsche über die einst respektvoll behandelten Nachbarn lustig. Der Grieche – das ist nun nicht mehr der erfolgreiche Geschäftsmann, der geachtete Kollege und der Nachfahre von Philosophen und Dichtern, sondern ein Hallodri, der auf Kosten der Deutschen lebt, regelmäßige Erwerbsarbeit scheut und schon als schlichter Lokomotivführer mindestens ein Ingenieursgehalt erwartet, um die Retsinaflasche stehen zu lassen.

Mitte Mai hatte es schon die Kanzlerin im sauerländischen Meschede auf den Punkt gebracht:  „Es geht auch darum, dass man in Ländern wie Griechenland, Spanien, Portugal nicht früher in Rente gehen kann als in Deutschland, sondern dass alle sich auch ein wenig gleich anstrengen – das ist wichtig.“

Dass in den Tagen danach Angela Merkel in zahlreichen Artikeln lesen konnte, was an ihren Aussagen nicht stimmte, nämlich dass Griechen länger arbeiten und später in Rente gehen als die Deutschen, änderte nichts an der Wirkung ihres Satzes. Die Vorurteile gegen die angeblich faulen Südländer wurden scheinbar bestätigt. Dazu trugen auch die Medien bei. Da wird den Griechen im Wirtschaftsteil der FAZ vorgeworfen, kein Geschäftsmodell für ihr Land zu haben, und im selben Text wurde eine der wichtigsten Branchen des Landes, das allen Gerüchten zum Trotz nicht von Oliven und Volkstanz lebt, vergessen: Die griechische Handelsflotte. Noch immer ist sie eine der größten der Welt und eines der Standbeine der griechischen Wirtschaft.

Für andere Medien sind die Hellenen ohnehin nur noch  Pleite-Griechen, die an das deutsche Geld wollen.

Das wollte ein Gast sogar Vassilis Sakkalis in die Hand drücken. Neben der Rechnung bot er grinsend dem Betreiber des Bochumer Restaurants Avli ein paar zusätzliche Euro an: „Die brauchen Sie doch jetzt, wo sie soviel in die Heimat schicken müssen.“

Sakkalis nahm es mit Humor und bot dem Deutschen an, sie könnten ja alle Worte griechischen Ursprungs aus ihrer Sprache tilgen: „ Es sind über 5000 – Konversation auf deutsch würde dann schwieriger werden.“

Seit 25 Jahren  lebt Sakkalis in Deutschland. Sein Restaurant, in einem ruhigen und grünen Innenhof in der Bochumer Stadtmitte, ist ein beliebter Treffpunkt. „Was mich stört, ist, wie über Griechenland geredet wird. Das Land hat nach dem Krieg keinen Cent Entschädigungen aus Deutschland erhalten, einen großen Beitrag zur europäischen Kultur geleistet und ist ein wichtiger Kunde deutscher Waren. Da kann man einen etwas solidarischeren Umgang erwarten.“

Sakkalis weiß, dass sich Griechenland neu erfinden muss. Dass es so wie bisher nicht weiter gehen kann: „Das Steuersystem muss dringend reformiert werden, ganze Wirtschaftssektoren bleiben weit unter ihren Möglichkeiten, weil es keinen privaten Wettbewerb gibt, und viele Griechen haben sich daran gewöhnt, auf Pump zu leben. Das muss aufhören. Den Leuten in Griechenland muss klar werden, dass die Party zu Ende ist.“

Was Griechenland jetzt braucht, seien Freude, die dem Land helfen. Auch dabei helfen zu lernen, wie man einen effektiven Staat aufbaut. Und Freunde, die um die besondere Situation des Landes wissen: „Griechenland hatte doch jetzt gerade einmal gut 30 ruhige Jahre. Wir waren lange von den Türken besetzt, dann kamen die Deutschen, ein Bürgerkrieg und die Militärdiktatur – Griechenland hatte nicht die Zeit, sich so zu entwickeln wie andere europäische Länder und muss das jetzt nachholen. Aber auch wenn das schnell geschehen sollte, geht das nicht in ein, zwei oder drei Jahren.“

Und nicht alles läge in der Hand der Griechen: Die Rüstungsausgaben des Landes seien mit die höchsten der Welt. Mit der Türkei habe man einen Nachbarn, der bis heute nicht die Grenzen anerkennt und das Land immer wieder  direkt oder indirekt bedroht. Davon würde Deutschland sogar profitieren: „Ich habe noch nie einen deutschen Politiker gehört, der gesagt hat, Griechenland solle künftig beim Kauf deutscher Panzer und U-Boote sparen.“

Für die Griechisch-Orthodoxe Kirche in Deutschland sind die wenigen, der Kirche bekannten Fälle, in denen Griechen offen beleidigt wurden,  vor allem Schuld der Medien. Dr. Konstantin Vliagkoftis, Sekretär der orthodoxen Gemeinde :„Trotz oder eher aufgrund der negativen Schlagzeilen populistischer Art, die ein Teil der deutschen und der griechischen Presse verbreitet, erfahren die Griechen Deutschlands Verständnis, ja sogar die Sympathie der deutschen Freunde für die Situation Ihrer Landsleute in Griechenland“, teilt er auf Anfrage mit. „Besonders in Deutschland ist der Fleiß der Griechen, die zu Hunderttausenden als Gastarbeiter hierhin gekommen sind und zum Wirtschaftswunder Deutschlands beigetragen haben, bestens bekannt. Sie gelten, was die Integration betrifft, als Modellfall.“

Das dachte sich Athanasius Papapostolou bis vor ein paar Wochen auch: „Es ist ein ungewohntes Gefühl für mich, dass ich in grinsende Gesichter schaue, wenn ich meinen Namen nenne. Und: es ist kein gutes Gefühl.“

Er schaut zum Nachbartisch. Dort wird immer noch laut diskutiert. Nur das Thema ist jetzt ein anderes: Fußball. 1. FC Köln.  Die Sprüche klingen ganz ähnlich: „Ich will die schwitzen sehen. Die sollen mal lernen, was Arbeit bedeutet.“

Radio Kreta – Wir stellen vor: „Die Ruhrbarone“

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