„11 Fragen an…“ – Stefano Polis.

Autor von: „Milch in Papier“.

Als 1965 in Kozani/Griechenland geborenes „Kofferkind” eines nach Deutschland emigrierten Gastarbeiterpaares gibt Stefano Polis damit die Wirkung von Milch in Papiertüten auf ihn als staunenden kleinen Buben wieder: „Eine merkwürdige Vorstellung, die in mir den Verdacht schürte, die Deutschen müssten zaubern können.”

Stefano Polis

Erschienen ist Polis Erstlingswerk beim „Größenwahn”-Verlag in Frankfurt. Mit Größenwahn hat das Buch über den „langen Weg” zur Integration in einem fernen Land aber nicht das Geringste zu tun, denn der literarische Newcomer beherrscht das Handwerk des Schreibens: Mit gut ausgewählten Adjektiven lässt Polis in seinen ausführlichen Beschreibungen Landschaften in der Fantasie des Lesers entstehen, ebenso werden aufreibende Gefühle zwischen zwei Familien und zwei Kulturen für den Leser nachfühlbar.

Polis schloss in Düren die Schule ab und erlernte das Friseurhandwerk. Nach der Meisterprüfung 1987 eröffnete er einen eigenen Friseursalon in Jülich. Seit 1994 ist er mit Monika, seiner deutschen Ehefrau, verheiratet, die geduldig seine Texte las und korrigierte. Sie haben zwei Kinder, Sterjani (Stella) und Romeo. Polis Eltern „haben Düren nie verlassen. Den Wunsch, in die Heimat zurückzukehren, haben sie irgendwann vor Jahren, als ihre Enkel geboren wurden, endgültig aufgegeben”.

Wir haben Stefano kontaktiert und er hat sich spontan und erfreut bereit erklärt, sich unseren „11 Fragen an….“ zu stellen.

Das was dann kam, hatten wir allerdings nicht erwartet, denn nach all den bereits erhaltenen lustigen, ernsthaften, komischen, kritischen und stellenweise auch sehr knappen Antworten auf unsere „11 Fragen an…“ sind uns einige dieser 11 Antworten einfach nur ganz tief unter die Haut gegangen. Aber seht selbst, wie Ihr das empfindet…

Hier nun das Interview mit Stefano:

  • Wenn Du nur 5 Worte hast, um dich selbst zu beschreiben. Was würdest Du sagen?

Unberechenbar und reizbar, aber auch zuverlässig, leidenschaftlich und sehr kreativ.

  • Was war Dein Lieblingsbuch als Kind und als Jugendlicher?

Odyssee von Homer

  • Was liest du heute am Liebsten?

Gut recherchierte und historisch einwandfreie Romane.

  • Gibt es auch Bücher, die du nur gezwungenermaßen oder nie zu Ende gelesen hast? Welche (und warum)?

Sofie Kinsellas „Shopaholic“ habe ich nach ca. 30 Seiten abgelegt, weil das Maß der Unerträglichkeit weit überschritten wurde. Es war der klägliche Versuch in weibliche Sphären einzudringen

  • Wie bist du selbst zum Schreiben gekommen?

Die Idee war eigentlich, etwas für meine Kinder zu schreiben. Dann entdeckte ich die heilende Wirkung des Schreibens. Ich unternahm eine weite Reise – Die Milch in Papier war ursprünglich über 500 Seiten lang- in meine Vergangenheit und entdeckte dort Passagen meines Lebens, die ich, wie ich bis Dato geglaubt hatte, mit Erfolg verdrängt hatte. Ich durchlief jede diese zum Teil schmerzlichen Passagen und wo immer ich eine Reparatur vornehmen konnte und wollte, tat ich es und das mit Erfolg.

  • Wieso dieses Genre (autobiografischer Roman eines griechischen „Kofferkindes)?

Ich versuche mich auch in anderen Genres, doch das Thema ist nun mal meine Steckenpferd.
Wie könnte es auch anders sein? Es sind Erlebnisse, die mich geprägt haben.

  • Wieso gerade Griechenland? Was verbindet dich mit diesem Land?

Ich will es mal so ausdrücken: Ich bin in diesem fabelhaften Land geboren. Habe die für die Griechen typische Sehnsucht mit der Muttermilch eingeflösst bekommen. Konnte als Kind in die Geschichten meiner Großeltern eintauchen und habe den Geist des Griechentums gespürt- auch wenn heute nicht mehr viel davon übrig geblieben ist. Alexander zeigte mir als Kind die unvergessliche, hügelige Landschaft Makedoniens. Mit Kazantzakis tanzte ich als Schüler an einen einsamen Strand in Kreta Syrtaki und als Erwachsener stieg ich gestützt von Sokrates die heiligen Stiege der Akropolis in Athen hinauf. Ein lieber Lehrer aus meiner Jugend schenkte mir Flügel aus Wachs mit der Bitte, nie höher zu fliegen, als nötig ist. Auch heute noch und immer dann, wenn die Sehnsucht am unerträglichsten, wird lege ich mir jene Flügel an und überfliege Griechenland, mein Griechenland, das mich geboren hat.

  • Sind die Handlungen und Protagonisten rund um die historisch belegten Tatsachen und Ereiginisse reine Fiktion, oder gibt es da Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Geschehen und realen Personen oder gar autobiographische Züge?

Sowohl die Handlung, als auch die Protagonisten sind keine Fiktion. Mehr als zwei Drittel der Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten.

  • Woher nimmst du die Inspiration für deine Bücher im Allgemeinen? Was treibt dich um?

Ich bin von Hause aus ein recht präziser Beobachter. Ich beobachte und mache mir dann meine Gedanken. Meine Neugier treibt mich an und die daraus resultierende Frage: Warum Menschen – bewusst oder unbewusst – sich und andere verletzen? Zuletzt versuche ich mit meinen Geschichten darauf hinzuweisen.

  • Vielleicht hast du vom 1. deutsch-griechischen Lesefestival im September 2013 in Paleochora auf Kreta gehört oder gelesen. Für 2016 steht ein weiteres solches an – auf Kreta oder „irgendwo“ in Griechenland. Was hältst von einer solchen interkulturellen Initiative und hättet du Lust, daran teilzunehmen?

Ja, ich habe von dem deutsch-griechischen Lesefestival gehört. Ob ich daran teil nehmen würde, grundsätzlich ja, doch wie immer ist es auch ein Zeitproblem.

  • Was wünschst du dir für die Zukunft Griechenlands – und für deine Eigene?

Ich wünsche mir von den Griechen die Entdeckung verloren gegangener Werte, mehr Gleichberechtigung und eine Heimatliebe jenseits nationaler Gedanken. Ebenfalls wünsche ich den Griechen Offenheit, Veränderungen und Fortschritt zuzulassen. Ein Fortschritt, der nicht nur auf materiellen Errungenschaften beruht, sondern messbar ist mit dem europäischen Gedanken. Leben getreu dem Motto, dass man den Geist eines Volkes daran misst, wie behutsam es mit den schwachen Geschöpfen umgeht.
Für mich persönlich wünsche ich mir weitere Veröffentlichungen meiner Bücher.

Wir danken für das Interview, Stefano.


streamplus.de
Unser Buchtipp: „Milch in Papier”: Eine Liebeserklärung an Stefano Polis´ Wahlheimat.

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