2014: Auf ein Neues – Tunnelbau auf Kreta

Wallstreet-online.de , 06.12.2013

JÄGER BAU erhält Zuschlag für Bau eines Wasserüberleitungstunnels in Kreta

Das österreichische Unternehmen JÄGER BAU GmbH wird im Auftrag der griechischen Baufirma Intrakat im Rahmen eines Service-Vertrages den Tunnelvortrieb mit einer 5-Meter-Doppelschild-Tunnelbohrmaschine und Tübbing-Vollauskleidung maßgeblich begleiten.

Zukünftig soll Wasser vom geschichtsträchtigen Lassithi-Plateau auf Kreta (Zeus soll hier der Sage nach geboren worden sein) in ein neu geschaffenes 600 Meter tiefer gelegenes Wasserreservoir (Aposelemis-Dam) durch einen 3,5 Kilometer langen Tunnel geleitet werden. Von dort wird das Wasser über Pumpleitungen und nach entsprechender Aufbereitung in die Trinkwassernetze von Heraklion und Agios Nikolaos eingespeist.
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VON ALEXANDROS STEFANIDIS, Süddeutsche Zeitung Magazin 05/2010

KOUMPARIA KAI ROUSFETI – Vetternwirtschaft

Diese kurze Geschichte bekommt fast jeder junge Grieche einmal im Leben zu hören, sie ist in den letzten zwanzig Jahren zur Legende geworden: Es war einmal ein Grieche, der einen Comicladen in Heidelberg führte. Der Comicladen ging pleite, und der Grieche war arbeitslos. Obendrein hatte er einige tausend Mark Schulden angehäuft.

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Licht am Ende des Tunnels?

In seiner Verzweiflung rief er seinen Cousin in Athen an und bat ihn um einen Job. Der Cousin war ein ranghoher Funktionär im Bauministerium. Es ist das Jahr 1984. Griechischer Premierminister ist Andreas Papandreou, Vater des jetzigen Premierministers Georgios Papandreou. Korruption und Vetternwirtschaft blühen, goldene Zeiten für viele Griechen. Der EU-Beitritt drei Jahre zuvor spült viel Geld ins Land, Geld, das vor allem in die Infrastruktur investiert werden soll: in neue Straßen, neue Schienen und – im gebirgigen Mittelgriechenland – auch in neue Tunnelbauten.

Was nun folgt, nennt man in Griechenland »Rusfeti«, Gefälligkeit. Meist geschieht dies unter Familienangehörigen, guten Freunden (den wirklich guten Freunden) oder wichtigen Geschäftspartnern. Der Cousin im Bauministerium beruhigt seinen Verwandten: Er habe da eine Stelle für ihn, ein Projekt, das der Cousin leiten könnte. Nichts Dramatisches, er werde verantwortlich sein für einen Tunnelbau nahe der Stadt Kozani. »Tunnelbau?«, fragt der Comicladenbesitzer etwas erstaunt. »Muss man dafür nicht Ingenieurwesen studiert haben?« – »Normalerweise schon«, antwortet der Funktionär. Aber so ein Tunnel sei schnell gegraben, »die Bagger baggern doch alle geradeaus«.

Drei Wochen später ist der Ex-Comicladenbesitzer ohne jede Vorkenntnisse Chef eines Bauprojekts mit mehr als dreißig Mitarbeitern. So weit die Legende.

Nun weiß man aus der jüngeren Geschichte, dass Franzosen und Engländer einen Tunnel unter dem Ärmelkanal gegraben und sich gerade einmal um vier Millimeter verrechnet haben. Eine architektonische Glanzleistung. Der weitaus anspruchslosere Tunnelbau nahe Kozani verläuft weniger glanzvoll.

Auch dort baggert man von beiden Seiten los, um sich in der Mitte zu treffen. Doch leider kommt es nie zu einer Zusammenkunft. Die beiden Grabungen – so hat man später ausgerechnet – verpassen sich nicht um Millimeter, auch nicht um Zentimeter: Zwischen den beiden Endpunkten liegen fünfunddreißig Meter.

In jedem anderen Land der Welt wäre das ein Skandal. In Deutschland würde der Bauminister, wenn es einen gäbe, zurücktreten. Die Konsequenzen in Griechenland? Die Tunnelröhren wurden wieder zugeschüttet, der Bauleiter verschwand, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, der Funktionär im Bauministerium bekam eine Abmahnung. »Rusfeti« (übrigens ein Wort, das wir aus dem Türkischen übernommen haben), diese kleinen Gefälligkeiten, sind die Scharniere der griechischen Ökonomie. Laut einer Schätzung der griechischen Zeitung Real News verdankt beinahe jeder dritte Arbeitnehmer in Griechenland seinen Arbeitsplatz einem Rusfeti.

Alexandros Stefanidis
Vita
Alexandros Stefanidis, Jahrgang 1975, hat in Heidelberg, Thessaloniki und Toronto Germanistik, Politikwissenschaft und Soziologie studiert und anschließend die Deutsche Journalistenschule in München besucht. Er schrieb als freier Autor für Die Zeit und den Stern. Seit 2005 arbeitet er für das Magazin der Süddeutschen Zeitung. Dort betreut er als verantwortlicher Redakteur die Rubrik »Sagen Sie jetzt nichts«. 2007 wurde er vom MediumMagazin zum »Journalist des Jahres« gekürt. 2008 gewann er den CNN Journalist Award in der Kategorie Print.


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