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Ausflugstipp: das „Märtyrerdorf“ Kandanos.

Mitten im wilden Südwesten Kretas, direkt auf/an der Hauptstrecke von Chania nach Paleochora liegt das beschauliche Dorf Kandanos, das eine lange, aber auch traurige Geschichte aufzuweisen hat.

Kandanos Kirche
Die Kirche in Kandanos.

Über die frühe Historie dieses Dorfes, das seinen Namen dem ganzen Bezirk „Kandanos – Selino“ gegeben hat, ist leider sehr wenig bekannt, da bisher keine größeren archäologischen Nachforschungen und Grabungen hier stattgefunden haben. Dennoch scheint Kandanos in römischer Zeit eine gewisse Relevanz gehabt zu haben, denn bei der bisher einzigen Ausgrabung im Jahr 1937 kam ein großes Fundament zu Tage, das vermutlich Teil des Praetoriums des Dorfes war, weist doch der Sockel einer Statue eine Widmung an den Kaiser Septimius Severus auf.

„Innenleben“ von Agios Georgios Anisarakis

Es gibt aber ausführlichere Informationen aus byzantinischer Zeit – hier scheint Kandanos für mehr als ein Jahrtausend eine Art Bischofssitz gewesen zu sein, an dem ökumenische Synoden abgehalten wurden. Auch die Fülle bzyantinischer Kirchen und Kapellen in und um Kandanos sprechen für die große klerikale Bedeutung des Ortes in grauer oder auch byzantinisch-bunter Vorzeit. Die Dörfchen Floria, Spina, Trachiniakos, Koufalatos, Kavalariana, Anisaraki und Plemeniania sind weitere Zeugen dieser Epoche und des offensichtlich intensiven kirchlichen Lebens in und um Kandanos, das als wahres Freiluftmuseum byzantinischer Hagiographie bezeichnet werden kann.

Während der über 250 Jahre andauernden Türkenherrschaft auf Kreta war Kandanos offensichtlich ein Verwaltungshauptsitz der Besatzer – die griechische Bevölkerung hatte sich in die Bergdörfer des östlichen Bezirkes geflüchtet. Der Kommandositz der Türken soll an dem Ort gewesen sein, wo sich heute die Polizei und die Grundschule befinden.

Doch das traurigste und zugleich heroischste Ereignis, für das der Ort Kandanos heutzutage hauptsächlich bekannt ist, war seine komplette Zerstörung durch die deutschen Besatzer Kretas während des Zweiten Weltkrieges: als Ende Mai 1941 deutsche Fallschirmspringer in Maleme landeten und sich in Richtung Paleochora aufmachten, wohin sich alliierte Soldaten zurückgezogen hatten, um nach Ägypten ausgeschifft zu werden, hatten die Kreter in einer Schlucht zwischen Kandanos und Floria einen Hinterhalt gelegt, um die deutschen Truppen daran zu hindern, nach Paleochora vorzudringen.

kandanos

Als Vergeltungsmaßnahme für die Tötung von 25 deutschen Soldaten dieses Fallschirmjägerbataillons wurde der Ort Kandanos und teilweise auch die Dörfer Kakopetro und Floria auf Befehl von Generaloberst Kurt Student am 3. Juni 1941 dem Erdboden gleichgemacht – es wurden 189 Männer, Frauen und Kinder erschossen.
Kandanos wurde nach der Zerstörung zur ‚Toten Zone‘ erklärt, d.h. den Bewohnern wurde verboten, in den Ort zurückzukehren und ihn wieder aufzubauen. Daran hat sich aber zum Glück dann doch niemand gehalten und Kandanos wurde sehr wohl wieder aufgebaut – war und wird aber nie mehr so sein, wie zuvor.

Bedrückende Gedenktafeln unterhalb der Kirche in Kandanos

Zur Erinnerung an dieses Kriegsverbrechen sind Kopien der Originaltafeln, die von den deutschen Besatzern zur Abschreckung aufgestellt wurden, an einem kleinen, unterhalb der imposanten und das Dorf überragenden Kirche gelegenen Gedenkplatz ausgestellt. Die Inschriften sind in griechischer und deutscher Sprache verfasst und man wird als deutscher Besucher ob dieser Gräuel unweigerlich von schlechtem Gewissen und großer Demut heimgesucht.

Heute leben im Dorf Kandanos ca. 500-1000 Menschen die vor allem in der Landwirtschaft und Viehzucht tätig sind – Oliven und Olivenöl sind die Hauptprodukte der ganzen Gegend. Es gibt ausser den zahlreichen Kirchen und Kapellen auch besagte Polizeistation und Grundschule, ein Gymnasium, kleine Kafenia, Tavernen und auch moderne Cafés, kleine Supermärkte (eher Tante-Emma-Läden) mit allen Waren des täglichen Gebrauchs und ein leider nicht allzu üppig ausgestattetes „Health Center“  – allerdings auch richtig leckere traditionelle Restaurants. Und im November – dieses Jahr war das bereits am vergangenen Sonntag, das legendäre Raki-Fest (wir berichteten bereits 2014 von kulinarischen und musikalischen Schmankerln – dieses Jahr haben wir es leider nicht dorthin geschafft….).

Es ist also immer noch was los im Bergdorf Kandanos – ein Ausflug lohnt sich allemal!

Radio Kreta – gute Informationen, gute Tipps.


streamplus.de

Mehr über Kirchen und Kapellen von Hans Kieser in und rund um Kandanos findet Ihr auch hier.

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5 Kommentare

  1. Wir haben bei unserem Urlaub im Mai diesen Jahres Kandanos besucht und das Verbrechen der Deutschen Wehrmacht an unseren Film aus Kreta angehängt.

    Da solche brutalen Fälle leider auch in anderen Gegenden Griechenlands erfolgten, kann man die Forderung der Griechen nach Ausgleichzahlungen verstehen.

  2. Märtyrerdorf als Ausflugstip -das ist doch eine Reise wert und dann noch das Rakifest es ist immer was los im Märtyrerdorf!

  3. Herr Schnautz, der Begriff Märtyrerdorf klingt ziemlich albern und provokativ.

    In Wirklichkeit ist es doch so, dass die meisten Bundesbürger vor der nationalistischen Vergangenheit flüchten und daher sich nur wenige Gedanken machen um die Geschichte eines solchen Dorfes.

  4. Hallo Herr Lehmann, ich hab diese Wort von Su übernommen und die Kombi Märtyrerdorf und Rakifest, es ist immer was los, finde ich völlig abstrus inhaltlich wie journalistisch.
    Darauf wollte ich hinweisen und nicht in eine Debatte, ob der Nichtbeachtung der deutschen Kriegsverbrechen in Griechenland durch die Nachkriegsregierungen in der BRD ,einsteigen. Ta leme

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