Aussehen, Wesensart und Charakter des Kreters

Von Michael Andreas Dirksen

Wie verschieden das äußere Erscheinungsbild der Kreter ist, kann man eindrucksvoll beobachten, wenn man die große Parade anlässlich des Nationalfeiertages am 28.10. auf Iraklions Hauptstraße verfolgt. Da sieht man feingliedrige, dunkelhaarige Gestalten, die direkt von den minoischen Fresken herabgestiegen zu sein scheinen, neben hochgewachsenen, blonden und blauäugigen Sfakioten, die wie man sagt, Nachkommen der Dorer sein sollen, jenes kriegerischen Volksstammes aus dem Norden, der gegen 1.100 v. Chr. die Insel unterwarf. Auch andere Einwanderungswellen und Besatzungsmächte (Araber, Byzantiner, Franken, Venezianer, Juden, Ägypter, Albaner und Griechen vom Festland) haben ihre “typologischen“ Spuren hinterlassen.

Ein Kreter

Die heutige Bevölkerung Kretas stellt eine Mischung aus verschiedenen Rassen und Charakteren dar. Nach den Forschungsergebnissen der Anthropologen konnte anhand von Schädelvermessungen bewiesen werden, dass der heutige Kreter als rassische Fortsetzung der Minoer, immer noch den idealen “Homo mediterraneus“ verkörpert. Klein und zierlich, aber sehnig gebaut, dunkelhaarig und dunkeläugig. Am reinsten erhalten findet man diesen minoischen Typus hoch oben in den schwer zugänglichen Dörfern Ost-Kretas, wohin sich die Minoer während der dorischen und mykenischen Invasion zurückgezogen hatten (Eteokreter). Teilweise hört man heute noch im schweren Dialekt der Bergler starke zumindest phonetische Parallelen zum klassischen Altgriechisch aus der dorischen Zeit.

Das Erstaunliche ist, dass man trotz des so unterschiedlichen Aussehens der Bevölkerung von einem kretischen Nationalcharakter sprechen kann. Zwar zeigt auch der Kreter die allen Griechen gemeinsamen Wesenszüge, wie starken Individualismus, großen Familiensinn, Freude an Spiel und Geselligkeit, politischen Diskussionen, Gastfreundschaft, eine immer wache Neugier und den intensiven Genuss des Augenblicks. Viele dieser Eigenschaften sind beim Kreter jedoch ins Überdimensionale gesteigert, was sich aus der Historie erklärt. Allem voran der leidenschaftliche Freiheitsdrang des Kreters, dessen Insel jahrhundertelang Fremdherrschaft zu erdulden hatte und diese Fesseln erst 70 Jahre später als das Festland abwerfen konnte.

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Die Kreter

Der Kreter ist für Hellas, was der Korse für Frankreich – er ist der Supergrieche. Alle Eigenschaften des Griechenvolkes steigert er zum Äußersten, Tugenden und Laster, im Guten wie im Bösen. Kein besserer Freund als er, kein schlimmerer Feind. Er kippt leichter aus Maß und Gleichgewicht als sein Landsmann; es fällt ihm schwer sich unter Kontrolle zu halten – noch schwerer ihn unter Kontrolle zu bringen. Außer Kreta nichts, was er nicht in Frage stellt. Über alles geht ihm seine Freiheit, Bindung setzt er gleich Fessel, ausgenommen die Sitte seiner Insel, der er sich in einem Akt der Selbstkorrektur bedingungslos unterwirft. Der Kreter reagiert empfindlich auf leiseste Kritik, lässt auf der anderen Seite oft kein gutes Haar an seinen Mitmenschen und hat das Gefühl, mehr wert zu sein als alle anderen zusammen.

Nirgends bekommt man so unglaubliche Geschichten erzählt wie auf Kreta. Kein Kreter, der nicht die größte Firma am Platz besäße, der nicht der erfolgreichste Geschäftsmann, der beste Mechaniker oder sonst ein Spezialist wäre. Offensichtlich war diese Prahlsucht schon im Altertum bekannt, ist doch des Apostels Paulus vielzitiertes Wort aus seinem Brief an Titus erhalten: “Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche“, ein Ausspruch, der in seinem ersten Teil auf den Griechischen Weisen “Epimenídes“ zurückgeht, dessen geflügeltes Wort alle Kreter sind Lügner durch die Tatsache, dass auch Epimenides gebürtiger Kreter war, eine paradoxe Logik erhält. Die Redensart von Kreti und Pleti bezeichnet eine Söldnertruppe, die unter König David diente und die aus Kretern und Philistern bestand.

Im Kafenio

Der Kreter ist zumindest verbal überzeugt, alle Probleme lösen zu können, denn was die Realität nicht schafft, schafft die Phantasie. Er mag nicht nein sagen, weil ihm das als unhöflich erscheint, und er hält nicht viel von Pünktlichkeit, denn seltsamerweise wird er meistens durch unvorhergesehe Umstände aufgehalten. Wie der Grieche kennt der Kreter keine Ressentiments gegen Ausländer. Den Fremden und den Gast bezeichnet er mit demselben Wort: “Xenos“. Es ist beeindruckend, mit welcher Weltoffenheit und Herzlichkeit der Kreter den ihm völlig Unbekannten empfängt, ihn einlädt und sich mit entwaffnender Ungeniertheit nach dessen persönlichsten Lebensumständen erkundigt.

Das Leben der Kreter wird stark durch die Familie bestimmt, deren Erfordernissen sich der Einzelne bedingungslos unterwirft. Der Mann (Vater, Ehemann, Bruder Sohn) nimmt eine Vorzugsstellung ein, die allerdings mit festen Verpflichtungen verknüpft ist. Die Moralbegriffe werden für Mann und Frau mit zweierlei Maß gemessen: dem Mann sind alle Freiheiten erlaubt, die den Mädchen und der Frau verboten sind. Ausländische Frauen und Mädchen werden stets von kretischen Männern und Jünglingen umworben, da die Touristin für den Griechen wie für alle Südländer, deren eigene Landestöchter tabu sind, als unkomplizierte Partnerin flüchtiger Abenteuer betrachtet wird.

Die Frauen

Die Frauen, auch die moderne berufstätige Frau, leben noch immer in den Häusern, in denen sie fast uneingeschränkt herrschen. In der Öffentlichkeit tritt sie nicht allein auf, und ihr wichtigstes Ziel im Leben scheint die Heirat zu sein, die durchaus keine Liebesheirat sein muss. Der Fremde bekommt zu ihr nur schwerlich Kontakt außerhalb ihres Familienzusammenhanges, und er kann sich daher auch kein Bild machen von ihrer liebevollen Fürsorglichkeit, mit der sie ihre Familie umhegt, und von ihrem stets zum Spaßen aufgelegten lebhaften Temperament. Ebensogut kann sie auch von einer geradezu ansteckenden Trägheit sein, und wenn es ihr nicht gut geht, entwickelt sie eine beachtliche Fertigkeit im Wehklagen und Zurschaustellung ihrer vielen Leiden. Besonders ältere Frauen lieben es sehr, sich stundenlang miteinander über ihre Krankheiten und Symptome zu unterhalten. Über körperliche Leiden sprechen alle Kreter mit völliger Offenheit, psychische dagegen werden lieber totgeschwiegen.

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Michael Dirksen

Der Autor

„Meinem erstem Kreta-Aufenthalt 1965 folgten weitere. Das Ergebnis: „akutes Insel-Fieber“, auch „Virus creticus“ genannt. Daraufhin bin ich 1984 auf die Insel umgezogen. Eine Heilung ist allerdings nicht in Sicht. Während ausgedehnter Streifzüge über die Insel habe ich mein Wissen über die hiesige Flora, Fauna und Geologie erweitert. Zu meinen besten Freunden und Informanten gehören die einheimischen Schäfer und Dorfbewohner.

Mehr als die Hälfte meiner 24 Jahre auf der größten griechischen Insel habe ich geführten Wanderungen, Trekkingtouren und Busausflügen gewidmet und so nebenher mehr als 100.000 km mit meiner Enduro gesammelt. Griechische Sprachkenntnisse, vor allem des kretischen Dialektes, haben mir Türen bei der Bevölkerung geöffnet und das Verständnis für Sitten und Gebräuche erleichtert.

Es wird mir eine Freude sein, diese Kenntnisse über Land und Leute mit Ihnen zu teilen.“


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Ein Kommentar

  1. der bericht ist ja ganz nett, aber ich frag mich warum nur uralte fotos von – sagen wir mal nicht so besonders schnuckeligen kretern abgebildet sind. der junge kreter schaut doch ganz anders aus. oder irre ich mich da? wäre mal nett solche fotos reinzutun – von den männern weswegen wir frauen diese insel so gerne besuchen. oder liege ich da vielleicht falsch, lol

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