Bemerkenswerter Brief an die Bundeskanzlerin.

Von Papanikolau, Ioannis.

Betrifft: Einige Bemerkungen / Vorschläge zur Griechenland Krise

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin.

Vielleicht ist es für Sie interessant, die Hintergründe oder besser gesagt, den Zusammenhang zwischen der griechischen Krise und den Eigenschaften und Verhaltensweisen des griechischen Volkes aus der Sicht eines eingebürgerten Griechen zu erfahren. Ich bin in Griechenland geboren, habe in Deutschland studiert und lebe hier seit 54 Jahren. In all diesen Jahren habe ich einen sehr engen Kontakt zu meiner Geburtsheimat gehalten.

Die Wirtschaftskrise, in Griechenland Staatskrise, hat uns allen aufgedeckt, in welchem desolaten Zustand der griechische Staat sich befindet. Die Auslöser waren sehr schnell ausgemacht. Korruption, Vetternwirtschaft und Inkompetenz führten zu einem chaotischen Gebilde des Staates, dessen Funktionsweise lediglich nur der einheimischen Bevölkerung bekannt ist. Legislative (teilweise), Judikative und Exekutive sind ausgesetzt. Den Ist-Zustand sowie dessen Auslöser haben wir alle sehr schnell festgestellt.

Die Ursachen aber, die das griechische Volk dazu gebracht haben, sich dem Staat gegenüber so destruktiv zu verhalten, kennen wir nicht. Und solange es so bleibt, ist es nicht möglich eine nachhaltige Umkehrung zum Positiven herbeizuführen. Denn wir werden immer nur an den Symptomen, durch Mitteln wie Schuldenschnitt, Kredite, Investitionshilfen und Verwaltungsreformen hantieren, ohne die wirklichen Ursachen zu beseitigen. Die Ursache, Frau Bundeskanzlerin, ist schlicht und einfach der griechische Mensch und seine Beziehung zu seinem Staat.

Diesen und dessen Denk- und Handlungsweisen müssen wir analysieren und ihm entsprechende Hilfsinstrumente beistellen, die ihm den Weg zu der heutigen modernen Industriegesellschaft zeigen. In diese Industriegesellschaft hat sich Griechenland völlig unvorbereitet hinein gemogelt. In den drei Jahrtausenden seiner Geschichte hat das Land nur zweimal ein vereinigtes Staatswesen erfahren. In der Zeit Alexander des Großen (356 bis 323 v. Chr.) und zuletzt seit 1912, nach der Befreiung Thessalonikis von den Türken und Anschluss an das damalige Mutterland.

Die wichtigsten Zeitabschnitte nach dem Mittelalter, Renaissance, Aufklärung und Reformation, die Europa zu dem demokratischen Staatswesen geführt haben, hat Griechenland als Staat bis heute nicht durchlebt. Immanuel Kant’s Definition der Aufklärung als den Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit ist bis heute in Griechenland nicht verarbeitet.

Die nach dem Mittelalter aufkeimende Renaissance, „Orientierung der Gesellschaft in Europa nach der griechisch/römischen Antike“, hat in Griechenland auch nicht stattgefunden. Aus diesem geschichtlichen Hintergrund entwickelte sich der griechische Homo Sapiens zu einem dem Staatswesen feindlichen Individuum. Unmündig. Verantwortungslos, Misstrauisch.

Unmündig

In den letzten 190 Jahren haben die Griechen niemals selbstständig und eigenständig gehandelt. Nach jedem Staatsbankrott (mindestens sechsmal in dieser Periode) rief er nach ausländischer Hilfe und begab sich in fremde Abhängigkeit. Ein zeitgenössischer Philosoph (Stelios Ramfos) hat den Reifezustand der heutigen Griechen wie folgt definiert: Die heutigen Griechen sind 2500 Jahre alte infantile Geschöpfe. Sie sind nicht erwachsen geworden.

Verantwortungslos

rettungsboot
Ein griechisches Rettungsboot.

Sie werden in Griechenland niemanden finden, vom einfachen Bürger bis zum Staatspräsidenten, der jemals seine eigene Fehler eingestehen und Verantwortung übernehmen wird. Es sind immer die anderen, zuletzt waren Sie es, Frau Bundeskanzlerin, die die Schuld an der eigenen Misere haben. Über einen Fall wie den der Frau Ministerin Schavan würde man in Griechenland nur müde lächeln. Dieses Unverantwortungsbewusstsein schließt a‘ priori den Weg zur Verbesserung (Verantwortung übernehmen) des menschlichen Verhaltens aus.

Misstrauisch

Die größte Gemeinschaft, der ein Grieche vertraut, ist der Verbund der Familie. Aufgrund der langen Fremdherrschaft, ist sein Vertrauen gegenüber jedem Fremdartigen verschwindend klein. Die griechische Gesellschaft ist eine introvertierte, in sich gekehrte, jede Innovation ablehnende Gesellschaft. Das Motto der Griechen lautet: wir sind die Besten, haben das beste Essen, das schönste Meer, das schönste Land und wissen alles besser als alle anderen.

Aus diesem Grunde haben sie kein Potential mehr, um etwas Neues zu lernen. Diese Xenophobie ist aus der Geschichte verständlich, hindert aber die Weiterentwicklung zu einem modernen und der Zeit angepassten Staat mit einer freien und demokratischen Gesellschaftsform. Auch die nicht reformierte, rückständige Kirche hat einen großen Anteil an dem desolaten Zustand der griechischen Gesellschaft.

Vetternwirtschaft

Das Hauptmerkmal des griechischen Staatswesens ist die Vetternwirtschaft. Alle Bürger sind in diesem System eingebunden. Es gibt keine Axiokratie. Für die Einstellung zu einem einfachsten Job braucht man Beziehungen und keine Diplome. In Griechenland kennt jeder jeden, sie sind alle auf irgendeiner Art und Weise verwandt oder verschwägert. Jeder ist jedem verpflichtet. Ein wunderbarer Zustand zur Förderung der Korruption.

Alle oben beschriebenen Eigenschaften sind exzellent geeignet, um in einem diffusen Raum, ohne Strukturen und mit variablen Begrenzungen, zu agieren. Die Griechen lieben die Ungenauigkeit. Das beliebteste Word der Griechen ist peripou (ungefähr) und wird überall verwendet, ja sogar wenn es auch um eine Toleranz im Nanometer Bereich geht. Es lässt sich so leicht im ungefähren Raum leben. Dazu kommt der übermäßige Optimismus.

Verspricht er einen Termin, so ist die Hauptbeschäftigung des Griechen, bis zu diesem Termin nicht die Einhaltung, sondern die „back up“ Lösung, nämlich welche Ausreden kann ich erfinden, um den Termin zu verschieben. Nur nicht festlegen. Fragen Sie die Troika, sie können sicherlich ein Lied davon singen. Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum z.B. die Forderung des IWF, 150.000 Beamten bis 2016 zu entlassen, nie erfüllt werden kann. Bis jetzt ist noch keiner entlassen worden und es wird keiner entlassen werden. Die Einhaltung von Vereinbarungen wird so lange aufgeschoben, bis es keinen Sinn mehr macht, sie zu erfüllen. Sie können so viele Gesetze verabschieden wie Sie wollen, der Grieche wird immer einen Weg finden, um sie zu umgehen bzw. zu brechen.

Lösungen!

Die Bemühungen der Europäer, Griechenland zu helfen sind bewundernswert, Strukturen verändern, neue Hilfsmittel wie interagierende Computersysteme einführen, ineffektive Dienststellen zusammenführen, Personal entlassen (optimieren). Judikative und vor allem Exekutive verstärken. Das ist alles Behandlung von Symptomen. Es gibt einen einzigen Weg, einen halbwegs gut funktionierenden Staat aufzubauen.

Aufklärung und Erziehung

Massive Aufklärung der Bürger über Sinn, Zweck und Grund eines Staatswesens. Warum wir einen Staat haben müssen, was ist ein Staat, was sind die Pflichten des Staates, was die des Bürgers. Bereits im Kindergarten Unterricht im Fach Ethik und soziales Verhalten der Bürger in der Gesellschaft, Achtung vor dem Mitmenschen. In den griechischen Schulen wird zwar stupide, konservative und kontraproduktive Religion gelehrt, aber nicht Ethik…

Es muss ein Fach des Verwaltungswesens für den mittleren und höheren Staatsdienst bereits in den Schulen und Universitäten eingeführt werden. Nur nach strengeren Aufnahmeprüfungen der Absolventen dürften sie in den Staatsdienst übernommen werden. Die „Task Force“ unter Herrn Reichenbach und die Gruppe um Herrn Fuchtel könnten entsprechende Anstöße an die griechischen Verantwortlichen unterbreiten.

Unter besten Bedingungen wird der Prozess der Transformation Griechenlands zu einem Staat der „VERNUNFT“ mindestens zwei Generationen dauern.

Hochachtungsvoll

Ioannis Papanikolau
80636 München, den 18.03.2013.


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3 Kommentare

  1. Lieber Ioannis,
    ich meine, Ihr Bild vom Griechen ist etwas pauschal und übertrieben, aber im Prinzip mag das stimmen. Wenn das so ist, frage ich mich, ob und warum man die Griechen „erziehen“ soll. Es sind liebenswerte Menschen – solange man sie als Tourist und nicht als Geschäftsmann besucht ! Es gibt z.B. das Sprichwort – auch in Deutschland: Beziehungen schaden nur dem, der keine hat ! Wer damit groß und glücklich geworden ist, hat keine Lust, sich „umerziehen“ zu lassen. Warum lassen wir die Griechen nicht einfach in Ruhe ?
    Wenn sie die Kuh Europa nicht mehr melken können, ist das der einzige Anreiz, etwas zu ändern – nicht sich selbst, sondern die Geschäfte. Niemand glaubt noch an die Rückzahlung der Schulden, aber auch niemand ist bereit, die Griechen endlos durchzufüttern, wenn sie sich nicht zu nachhaltigen Reformen durchringen können.
    Es bedarf nicht Ihres Briefes an die Kanzlerin, um die Griechen zu verstehen. Das hat sie längst aus anderen Quellen erfahren, aber sie hilft so lange, bis die Stimmung umkippt. Das kann durch die Flüchtlinge geschehen, an denen man sieht, dass es Menschen gibt, denen es noch viel schlechter geht als den Griechen. Wenn man denen primär helfen will und muss, bleibt für die Griechen nicht mehr viel übrig – jedenfalls nicht mehr so viel wie bisher. Sie werden also auf jeden Fall den Gürtel noch enger schnallen müssen, wenn sie es nicht schaffen, ihre Geschäfte anzukurbeln – nicht unbedingt nach deutschem Vorbild, sondern auf ihre Weise. Not macht erfinderisch !

  2. Alles was in dem Brief an die Bundeskanzlerin steht ist ganz bestimmt richtig.
    Die Griechen sind ein stolzes Volk. Warum sind die Griechen nicht so stolz, loyal zu
    ihrem Staat zu stehen (Steuern zu zahlen und die Ärmel hochzukrempeln), um ihm aus der Krise zu helfen. Statt dessen lassen sie sich vom IWF, der EZB und der EU alimentieren.

  3. Der Brief ist vom März 2013…..
    Und wieder mal hat Radio Kreta eine Uraltsache recycelt ohne explizit darauf hinzuweisen.
    Ist Ihnen das nicht selbst peinlich?

Kommentare sind geschlossen.