Buchtipp: Griechenland endet im Nichts – oder in Gewalt

Ehemann weg, Sparschwein weg – und vor der Tür lauert ein Schäferhund, der an die EU erinnert: In seinem Buch „Warte nur, es passiert schon was“ erzählt der Grieche Christos Ikonomou melancholisch schön von den Verlierern der Finanzkrise.

Normalerweise verpackt der Tütenmacher Zeitungen und Prospekte, in diesem Sommer aber hat er einen Spezialauftrag: Er soll auf dem Anwesen seines Chefs nach dem Rechten sehen, während der sich auf seiner Yacht sonnt. Hin und wieder den Rasen mähen, die Blumen gießen – die übrige Zeit im Pool baden und Cocktails schlürfen, so malt es sich der Tütenmacher aus. Aber: Zwischen Traum und Wirklichkeit liegt ein belgischer Schäferhund. Ein schwarzes Ungetüm, das die Gitterstäbe der Gartenpforte umkrallt und die Zähne fletscht.

Der Tütenmacher kennt nur einen Ausweg: Sich ins Auto setzen und abwarten. So wie fast alle Figuren in Christos Ikonomous Erzählband. Der griechische Autor veröffentlicht in „Warte nur, es passiert schon was“ Kurzgeschichten und literarische Reportagen, deren Protagonisten den Glauben daran verloren haben, ihr Schicksal noch selbst beeinflussen zu können.

Seit acht Jahren hat Ikonomou beobachtet, wie sich in seinem Heimatland die wirtschaftliche Depression in den Alltag der Unter- und Mittelschicht fräst – und daraus Stoff für Erzählungen gewonnen. 2011 wurde der mittlerweile 42 Jahre alte Autor und Journalist dafür mit dem griechischen Literaturstaatspreis ausgezeichnet. Jetzt ist sein Band auf Deutsch erschienen.

Stahlarbeiter, Packer, Lageristen, vor allem aber Arbeitslose und Frührentner, das sind die Figuren des Buchs. Sie leben im Hafenviertel von Piräus und wissen nicht, wie sie sich gegen den Wirtschaftskollaps wehren sollen. Zu fern erscheinen ihnen die Wohlhabenden, die ihn zu verantworten haben. Sie verhalten sich wie Hühner, die in eine Schockstarre geraten, während über ihnen der Habicht kreist. „Nicht das Fallen ist das, was einen umbringt, sondern der Stillstand“, schreibt Ikonomou in einer seiner fünfzehn wundersam-tristen Geschichten.

Feuer vor dem Sozialversicherungsgebäude

In einigen lassen sich Erklärungen für das wirtschaftliche Dilemma Griechenlands entdecken: So kommt man nicht umhin, im Schäferhund, der dem Tütenmacher den Zugang zur Villa versperrt, die EU zu vermuten. Aber: Darum geht es in dem Buch nicht vordergründig. Der feinfühlige Chronist Ikonomou will den Leser in erster Linie spüren lassen, wie sehr die Arbeiter zwischen Docks und Mietskasernen unter existenziellen Ängsten leiden.

Eine Frau betritt ihre Wohnung und stellt fest, dass nicht nur ihr Mann sie verlassen hat, sondern auch ihr Sparschwein weg ist, das sie fast ein Jahr lang täglich mit einem Euro fütterte. Ein Vater schlendert den ganzen Tag durch die Stadt, sucht Nahrung für sich und seinen Sohn, und traut sich abends nicht mit leeren Händen heim. Eine Gruppe gebrechlicher Rentner schart sich in einer kalten Nacht vor einem Sozialversicherungsgebäude um ein Feuer, um am nächsten Morgen in der Schlange vorn zu stehen und so einen Termin zu bekommen.

Ikonomou erzählt von den Verlierern der Finanzkrise in reduzierter und rhythmischer Sprache. Man hofft in jeder Geschichte von neuem, dass sich in ihrem Leben etwas zum Guten verändert – und wird doch jedes Mal wieder ins Nichts entlassen. Keine Pointen, kein Happy-End. Selten schimmert zwischen all der Tristesse, den Geldsorgen und der sozialen Kälte, so etwas wie Lebensfreude und Zuversicht hindurch. Allerdings besonders dann, wenn sich die Figuren dieses Buches in der Taverne treffen, mit Tsipouro zuprosten und von früher erzählen.

In diesen Momenten legt sich ein zauberhaft melancholischer Filter über die Geschichten. Man möchte sich neben die krisengeplagten Hafenarbeiter an den Tresen setzen, ihnen den Arm um die Schulter legen und sagen: Geduld, das wird schon wieder. Aber das wäre wohl zwecklos. Letztlich, dieses Gefühl vermittelt Ikonomou mit seinem Erzählband eindringlich, wird das Warten der Arbeiter kein gutes Ende nehmen. Er befürchte, die sozialen Spannungen in seiner Heimat entlüden sich bald in Gewalt, sagte der Schriftsteller auf der Leipziger Buchmesse.


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3 Kommentare

  1. Hatte ich schon im Spiegel vom 27.3 2013 gelesen. Der Verfasser heißt Johann Dehout .

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