Buchtipp: „Kreta – Ein Reisebegleiter“.

Zu Gast in Kreta

Michaela Prinzingers vorzüglicher Reisebegleiter

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Michaela Prinzinger, Diablog.eu.

Text von Thomas Plaul

Allein die Literatur vermag das „Weltgefühl“ eines Volkes zu vermitteln, schreibt Michaela Prinzinger in Anlehnung an den englischen Romancier Lawrence Durrell, und dass dies zutreffend ist, belegt sie mit ihrem hervorragenden literarischen Reisebegleiter „Kreta“, der nun im Frankfurter Insel Verlag in jener Reihe erschienen ist, die es einem seit Jahren erlaubt, mit „großen Autoren unterwegs zu den schönsten Orten der Welt“ zu sein.

Kreta gehört nun also auch dazu und die Autorin Michaela Prinzinger, bekannt auch als Übersetzerin z.B. von Petros Markaris und Ioánna Karystiáni, stellt uns die südlichste Insel Europas mithilfe vieler Literaten und Künstler vor, die sich seit jeher von den Geschichten, Legenden und Mythen Kretas angezogen fühlen. Neben griechischen Namen wie den in Iráklio geborenen Nikos Katzanzákis oder Rhea Galanaki und Míkis Theodorákis, deren Familien aus Kreta stammen, zitiert Prinzinger in ihren Ausführungen Autoren wie Patricia Highsmith, Marie Luise Kaschnitz, Wolfgang Koeppen, Christa Wolf und auch den umstrittenen Erhart Kästner (nicht zu verwechseln mit seinem Namensvetter Erich), der 1941 als Soldat mit dem militärischen Auftrag nach Griechenland kam, Reiseberichte zu verfassen (die auch nach dem Krieg noch, in „gereinigten Versionen“, weithin beachtet wurden).

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Unser Buchtipp

Den „Wunden des Zweiten Weltkriegs“ widmet die Autorin denn auch ein eigenes Kapitel und auch die unschönen Seiten von Kreta selbst werden nicht ausgespart, etwa dann, wenn sie Christa Wolf konstatieren lässt, dass die modernen Kreter den „Schönheitssinn ihrer entfernten Vorfahren … nicht geerbt“ hätten; gemeint sind vor allem die vielen architektonischen Sünden, mit denen das heutige Kreta unsere Augen verdrießt.

Die Schön- und Eigenheiten der Insel

Das Hauptaugenmerk richtet sich dann allerdings doch auf die Schön- und Eigenheiten der Insel, und derer gibt es viele. So führt uns Prinzinger in ausgewählten Spaziergängen durch die Städte Iráklio, Réthymno und Chaniá mit ihren verwinkelten Altstadtvierteln und schönen venezianischen Häfen, besucht historische Orte wie Knossós, Górtys und mit Phaistós und Ajía Triáda auch „die archäologischen Höhepunkte Kretas“. Daneben gibt sie Einblicke in die minoische Kultur und schildert den langen Freiheitskampf der Kreter gegen die osmanischen Besatzer, widmet sich Persönlichkeiten wie dem Maler El Greco und dem Politiker Elefthérios Venizélos und klettert in die Zeusgrotte auf dem Lassíthi-Plateau. Und dann erzählt Prinzinger, immer unterstützt von literarischen Texten, auch ein paar Geschichten, die jenes „Weltgefühl“ ganz eindringlich spürbar werden lassen, von dem eingangs die Rede war.

So etwa die Begegnung und lang anhaltende Freundschaft Henry Millers mit dem „Antikenwächter Aléxandros Venetikós“: 1939 führte den amerikanischen Skandalautor eine fünfmonatige Griechenlandreise auch nach Kreta, wo er weniger die Bekanntschaften „mit den großen Literaten und den Intellektuellen“ genoss, sondern die mit den „einfachen Menschen“. Aus der Begegnung mit Venetikós ging ein bemerkenswerter Briefwechsel hervor, und wer dieser Freundschaft nachspüren will, der sollte, so Prinzinger, in Vorí in der Pension von Margit Venetikós nächtigen, der deutschen Schwiegertochter des 1989 verstorbenen Wächters.

Und auch die faszinierende Geschichte des einst in der berühmten Samariá-Schlucht beheimateten Wiglís-Clans lässt tief in die kretische Lebensart und ihr Selbstverständnis blicken, zumal die Autorin hier die mit dieser Familiengeschichte verbundene (und heute auf Kreta gelegentlich immer noch praktizierte) Tradition der Blutrache zwar von innen heraus zu verstehen sucht, sie aber doch distanziert und kritisch genug betrachtet.

Michaela Prinzinger, das ist auch Diablog.eu. DIE deutsch-griechische Seite im Internet. Schaut einfach mal rein.


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Danke, Michaela, für Dein tolles Buch.

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