Der griechische Arbeitsmarkt 2018 – Konditionen und Tarife.

Nun ist es mal wieder so weit. Anfang März, die Saison steht vor der Tür und klopft gleich auch schon wieder an, trotzdem wissen viele hier in Griechenland und auf Kreta nicht, ob sie ihre(n) Saisonjob(s) vom vorigen Jahr wieder haben werden, denn viele Arbeitgeber rechnen ganz selbstverständlich damit, dass der/die letztjährige Mitarbeiter(in) natürlich auch in diesem Jahr auf Zuruf Gewehr bei Fuß steht.

Nur kann sich der/die letztjährige Mitarbeiter(in) da seiner- bzw. ihrerseits umgekehrt leider so gar nicht drauf verlassen – und verbindliche Aussagen bekommt man meist erst, wenn die Saison schon angelaufen ist und die Arbeitgeber meinen, ihren Personalbedarf abschätzen zu können.

Auf der Suche nach Alternativ-Jobs

Nun, trotz meiner relativ festen Überzeugung, doch sicherlich bei mindestens einem meiner 3 Saisonjobs, die ich in den letzten Jahren innehatte, wieder antreten zu können, wollte ich auf keinen Fall einfach passiv abwarten, sondern habe mich auch mal anderweitig umgeschaut. Und zwar im Internet. Und da gibt es durchaus Stellenangebote, und es waren welche dabei, die auf den ersten Blick zumindest schon einmal mein Interesse geweckt haben.

Also einfach mal über die entsprechenden Online-Formulare Kontakt aufgenommen, mich auf verschiedenen Portalen registriert und gewartet, was wohl so passieren würde. Dazu muss ich sagen, dass es sich bei den meisten Jobs um solche bei Firmen handelte, die ein „Tele“ im Namen haben. Aufgrund der Tatsache, dass ich auch früher schon öfter mal „tele“ gearbeitet habe – sprich per Internet von zu Hause aus Kundenbetreuung u.ä. gemacht habe – bin ich davon ausgegangen, dass es sich auch bei diesen Jobs um ähnliche Aufgabenstellungen handeln würde.

Tele-dingens.gr

Einer dieser „Tele….. .gr“-Firmen war ziemlich flott, kontaktierte mich noch am selben Tag zurück und fragte nach Telefonnummer, Skype-Adresse und bester Zeit, um mich zu kontaktieren. Kaum hatte ich darauf geantwortet, klingelte auch schon das Telefon. Diese Firma sucht händeringend deutschsprachiges Personal – vorzugsweise Muttersprachler – zur Kundenbetreuung, Reklamationen, Problembehandlung und sonstige „Customer Relations“ – sprich: ein Job im Contact-Center zur Betreuung von wichtigen Kunden. Dazu sollte es vorab ein dreiwöchiges Training geben. Auf die Frage hin, wann ich denn in Athen sein könnte und auf meine Antwort „nächsten Montag“  hin war die Begeisterung groß, fängt doch am Montag genau so eine dreiwöchige Trainingseinheit an.

Arbeiten in Athen?

Ich wollte allerdings vorab natürlich auch noch ein bisschen was über Bezahlung, Konditionen und sonstige Einzelheiten wissen, woraufhin mir gesagt wurde, dass ich innerhalb der nächsten 2 Stunden eine ausführliche Mail bekäme, in der das alles schriftlich ausgearbeitet wäre. Und wenn ich einverstanden wäre, gäb es noch einen Online-Test, ein Skype-Gespräch und dann könnte es losgehen. Zu dem Zeitpunkt ging ich immer noch davon aus, dass es sich um einen Job handelte, den ich von hier aus machen könnte (und zusätzlich vielleicht noch einen meiner Saisonjobs, falls nötig).

Die Spannung war groß

Nun, die Mail kam innerhalb des angegebenen Zeitraums und enthielt tatsächlich auch alle notwendigen Informationen, die mir – außer der Tatsache, dass es sich um einen Vollzeitjob in Athen  handelt – eine ganz konkrete Zusammenfassung der Tarife und Konditionen des (seiner eigenen Aussage nach) „weltweiten Marktführers für outgesourctes omni-Kanal Kundenerlebnismanagement, einer der größten privatwirtschaftlichen Arbeitgeber der Welt und eindeutiger Branchenführer“  lieferte.

Und die sind wie folgt:

  • Vorbereitung: ein dreiwöchiges Training, 8h/Tag in englischer Sprache (die ersten 4 Tage des Trainings zählen als Bewertungszeitraum und werden nicht bezahlt). Bei erfolgreicher Absolvierung des Trainings müssen zwei Referenzschreiben von früheren Arbeitgebern eingereicht werden.
  • Arbeitszeit: das Unternehmen arbeitet von Montag bis Sonntag von 09-24 Uhr. Die individuelle Arbeitszeit beträgt 8h/Tag in verschiedenen, wechselnden Schichten, 5 Tage pro Woche, auch an Wochenenden. Heißt: pro Woche 2 Tage frei, an welchen Tagen auch immer.
  • Gehalt: 1.100 € brutto + 100 € in Gutscheinen nach erfolgreichem Abschluss der Schulung + 300 € in Gutscheinen nach 6 Monaten der Zusammenarbeit ab Einstellungsdatum + 125 € Brutto-Wohnbeihilfe/Monat  + 100 € Netto-Umzugsprämie pro Monat in Gutscheinen (letztere beide nur im ersten Arbeitsjahr). Um welche Gutscheine es sich handelt, wird nicht spezifiziert.
  • Bonus: Zusätzlich monatlicher Performance Bonus von 0 € bis 100 €. Leistungsabhängig.
  • Unterkunft: Für Kandidaten aus dem Ausland oder außerhalb Athens: Unterstützung bei der Flugbuchung nach Athen und bis zu zwei Wochen kostenlose Unterkunft. Unterstützung bei der Wohnungssuche.
  • Extrazahlungen für Arbeit an griechischen Feiertagen und für Überstunden, soweit vom Vorgesetzten vorab genehmigt.
  • Anspruch auf 3 zusätzliche Prämien pro Jahr: Weihnachtsgeld (ein volles Monatsgehalt), Ostern (halbes Monatsgehalt), Urlaubsgeld (halbes Monatsgehalt). Diese zusätzlichen Gehälter sind proportional zu den Tagen, an denen während des Kalenderjahres gearbeitet wurde und beinhalten keine unbefugten Abwesenheiten.
  • Arbeitsvertrag: befristet. Die Dauer hängt vom Abteilungs-Manager ab.
  • Viele andere Vorteile und Rabatte sind für alle Mitarbeiter verfügbar (nicht weiter spezifiziert).

Und nun mal ehrlich: selbst wenn man der absolute Überflieger und Crack ist, alle Feiertage und Überstunden mitnimmt und auch alle Gutscheine, Boni und Sonderzahlungen kassiert – kann man davon in Athen leben? Wo gerade heute z.B. bei keeptalkinggreece mal wieder berichtet wurde, dass 50% aller Haushalte in Athen nicht in der Lage sind, ihre Heizkosten zu zahlen und 20% aller Athener für weniger als 500 Euro im Monat arbeiten müssen?

Wäre dann ja aber eh nur befristet gewesen – nach Gutdünken des Abteilungsmanagers. Das geht allerdings knapp 60% der in den letzten 12 Monaten eingestellten Arbeitnehmer genauso – ist aber ein schwacher Trost….

Dann lieber einen Mini-Job in der „heiligen“ Bar.

Ich habe natürlich abgesagt – denn ich geh nicht weg von Kreta. Auch nicht befristet zum gesetzlichen Mindestlohn von 586,- Euro netto/Monat plus Gutscheine und Brutto-Boni – denn darauf läuft das ganze bei einer 40h-Woche zu flexiblen Arbeitszeiten zwischen 9 und 24 Uhr, gerne auch am Wochenende, schlussendlich raus. Und wenn es sich noch dreimal um Markt- und Branchenführer im Teledingens-Business.gr handelt! 

Neeeneee, da bleib ich lieber hier!

Eure Anna


streamplus.de

Radio Kreta – die Arbeitswelt in Griechenland 2018.

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