„Der Kapitalfehler war, die Griechen in den Euro zu lassen“, von Heinz A. Richter.

HISTORIKER HEINZ A. RICHTER

„Der Kapitalfehler war, die Griechen in den Euro zu lassen“.

Von: Ferdinand Knauß, zuerst erschienen in der WirtschaftsWoche.

INTERVIEW: Die Griechen verarmen, doch an den Ursachen der Finanzmisere ändert die Regierung nichts. Historiker Heinz Richter über Parteien als Klientelverbände, versickerte deutsche Reparationszahlungen und eine verpasste Chance.

WirtschaftsWoche: Sie sind Historiker. Aber reden wir zunächst über die Gegenwart. Sie kommen gerade aus Griechenland zurück. Wie empfanden Sie die Stimmung dort?

klaus-stuttman-griechenlands-neue-attraktivit%c3%a4t
Karikatur von Freund Klaus Stuttmann.

Richter: Ich war auf Samos. Die Taverne, in der ich immer einkehre, war bis vor zwei Jahren abends immer gut gefüllt. Doch jetzt waren wir fast alleine. Die Leute müssen sparen, sie sind arm geworden. Griechenland ist ein fast deindustrialisiertes Land. Als ich 1976 in Athen lebte, gab es nur einen Supermarkt mit europäischen Waren. Heute gibt es fast keine einheimischen Produkte mehr zu kaufen. Sogar ein Teil des Weins stammt aus Zypern oder gar Australien. Leiden tun in Griechenland vor allem die kleinen Leute, inklusive der unteren Mittelschicht, die abdriftet. Eine Mittelschicht gibt es immer weniger. Die Oberschicht, die griechische Oligarchie, lebt ohnehin steuerfrei seit der Unabhängigkeit 1832 und leidet offensichtlich nicht unter der Krise.

WW: Seit damals war Griechenland mehrfach bankrott. Wie konnte Griechenland in der Vergangenheit aus dem Schlamassel kommen?

Richter: Im Grunde ist der griechische Staat fast durchgehend pleite gewesen. Aber früher gab es immer Schutzmächte, die die Schulden übernahmen. Das war bis 1947 vor allem Großbritannien. Dann haben die Amerikaner im Rahmen der Truman-Doktrin übernommen. 1981, als Griechenland der Europäischen Gemeinschaft beitrat, nahm die Schuldenmacherei noch deutlich zu. Bis dahin waren die Schulden so gering, dass die Schutzmächte sie begleichen konnten. Aber unter der PASOK-Regierung in den 1980er Jahren stiegen sie gewaltig.

Zur Person

Prof. Dr. Heinz A. Richter (geb. 1939) lehrte moderne griechische und zypriotische Geschichte an der Universität Mannheim. 2000 verlieh ihm der griechische Staat das Goldkreuz des Phönix-Ordens. Er hat über 20 Monographien verfasst über historische und politologische Themen des modernen Griechenlands und Zyperns. Er ist Mitherausgeber der jährlich erscheinenden Zeitschrift THETIS und der Monographienreihe PELEUS heraus, die sich interdisziplinär mit der Archäologie und der Geschichte Griechenlands und Zyperns befassen.

WW: Warum?

Richter: Weil man in Athen den Eindruck gewann, eine Quelle angezapft zu haben, ohne kritische Fragen beantworten zu müssen. Bis zur Einführung des Euro hielt sich das noch einigermaßen im Rahmen. Die letzte Drachmen-Anleihe musste mit neun Prozent verzinst werden. Mit dem Euro rutschten die Zinsen nach unten. Nicht nur der griechische Staat, auch die Banken machten nach der Euro-Einführung munter Schulden, während man die Bevölkerung zum Konsum drängte. Jeder Bankkunde bekam eine kostenlose Kreditkarte.

WW: Warum konnten die europäischen Staaten das nicht verhindern?

Richter: Man versteht nicht, wie der griechische Klientelismus funktioniert.

WW: Unter politischem Klientelismus versteht man ein inoffizielles System von Gefälligkeiten gegen politische Unterstützung, letztlich eine Art Korruption. Sie halten das für ein wesentliches Merkmal der Balkan-Länder inklusive Griechenlands.

Richter: Der Klientelismus in Griechenland hat mit dem in Westeuropa nichts zu tun. Bei uns geht es da um Verbindungen wie die FDP und die Hoteliers. In Griechenland ist es ein Gesamtsystem, das die ganze Gesellschaft bestimmt. Und das geht auch unter der Regierung Tsipras munter weiter. Er hat in jedes Amt seine Leute gesetzt. Der öffentliche Dienst ist sogar noch weiter aufgebläht worden. Zur Zeit der Nea Demokratia waren die Berater in den Ministerien meist Anwälte. Die Syriza hat sogar einen Kellner zum Regierungsberater ernannt – mit Pensionsberechtigung. Tsipras sagt: Wir werden dies und jenes tun. Aber es passiert absolut nichts. Was man von ihm hört, klingt gut, aber es steht nichts dahinter.

GRIECHENLANDS REPARATIONSFORDERUNGEN. Das Geld aus Deutschland kam nie an.

WW: Nach Ansicht Griechenlands schulden die Deutschen dem Land eine Viertelbillion Euro wegen des Zweiten Weltkriegs. Die Regierung blendet dabei nicht nur die Geschichte der versickerten deutschen Zahlungen aus. Und das obwohl Tsipras und seine Syriza-Partei nicht zu dem alten Parteiensystem gehören?

Richter: Solange er von der Macht noch fern war, war Tsipras vernünftig. Aber als er an die Macht kam, passierte dasselbe wie früher mit der PASOK, also den Sozialdemokraten. Die waren 1981mit vielen guten Vorsätzen angetreten. Doch es änderte sich nichts am Klientelismus. Im Gegenteil. Die PASOK hat den Turbo-Klientelismus eingeführt. Man darf nicht vergessen: Die Syriza besteht zur Hälfte aus ehemaligen PASOK-Leuten. Griechische Parteien sind keine Programm-Parteien, wie wir sie kennen, sondern Klientelverbände mit einem Boss oder einer Clique an der Spitze.

Zusammengehalten werden diese Parteien nur durch so genannte „Rousfetia“ – Gefälligkeiten, das heißt, indem man staatliches Geld von oben nach unten weiterverteilt oder Posten im öffentlichen Dienst vermittelt. Innerparteiliche Demokratie, wie wir sie kennen, existiert nicht. Nur Parteien, die keine Chance haben, an die Macht zu kommen, zum Beispiel die Grünen, ähneln unseren Parteien. Die haben Programme und Vorstellungen. Sobald eine Partei an der Macht ist, benimmt sie sich wie alle Vorgänger und wird zum Klientelverband.

„In Griechenland ist man gewohnt, finanziert zu werden“

WW: Was Sie sagen, lässt an afrikanische Verhältnisse denken.

Richter: Nicht ganz. Außerdem gibt einen zweiten griechischen Staat, und der ist nicht klientelistisch: nämlich Zypern.

WW: Woher kommt der Unterschied?

Richter: Die britische Herrschaft von 1878 bis 1960 hat aus Zypern, das vorher genauso zum Osmanischen Reich gehörte wie Griechenland selbst, einen westeuropäischen Staat gemacht.

WW: Aber Zypern war doch bis vor kurzem bekanntlich auch völlig überschuldet.

Richter: Weil man den Griechen zu viel Geld geliehen hatte. Und ein griechischer Bankier die Laiki Trapeza, die Volksbank, geplündert hatte. Aber die Zyprioten hielten sich an die Vorgaben der Troika und sind jetzt wieder auf dem aufsteigenden Ast. In ein paar Monaten werden sie voraussichtlich wieder Nettozahler in der EU sein. Bei Griechenland ist das ausgeschlossen. Dort ist man gewohnt, finanziert zu werden.

Athens Reparationsforderungen an Deutschland.

Zwangsanleihe
Während des Zweiten Weltkriegs musste Griechenland den deutschen Besatzern netto umgerechnet 476 Millionen Reichsmark zur Verfügung stellen. Die heutige griechische Regierung interpretiert das als „Zwangsanleihe“, die heute noch rückzahlbar sei.

Rückzahlung
1953 verschob das Londoner Schuldenabkommen die Regelung deutscher Reparationen auf die Zeit nach Abschluss eines „förmlichen Friedensvertrages“. Das Londoner Moratorium wurde 1990 durch den „Zwei-plus-Vier-Vertrag“ gegenstandslos. Die Staaten der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) – darunter Griechenland – stimmten 1990 der „Charta von Paris“ für eine neue friedliche Ordnung in Europa zu.

Ansprüche
Nach Auffassung Berlins ergibt sich aus der Zustimmung zur „abschließenden Regelung in Bezug auf Deutschland“ in der Charta, dass die Reparationsfrage nicht mehr geregelt werden sollte. In Athen wird dagegen argumentiert, die Entschädigungsfrage sei ungeklärt, denn die Unterzeichner hätten den Vertrag nur zur Kenntnis genommen.

Entschädigung für Kriegsverbrechen
2003 wies der Bundesgerichtshof (BGH) Forderungen wegen eines SS-Massakers in Distomo von 1944 ab. Ansprüche der Hinterbliebenen ließen sich weder aus dem Völkerrecht noch aus deutschem Amtshaftungsrecht ableiten. 2006 bestätigte das Bundesverfassungsgericht diese Auffassung und nahm eine Klage von vier Griechen nicht zur Entscheidung an.

Griechische Rechtsauffassung
Ein griechisches Gericht sprach 1997 Nachkommen der Opfer knapp 29 Millionen Euro zu. Laut BGH verstößt das Urteil aber gegen den Völkerrechtsgrundsatz der Staatenimmunität. Danach darf ein Staat nicht über einen anderen zu Gericht sitzen. Diesen Grundsatz hatten 2002 der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte und – in einem ähnlichen Fall – das Oberste Sondergericht Griechenlands bestätigt. Damit habe das griechische Urteil in Deutschland keine Rechtskraft, befand der BGH.

Griechische Berechnungen
In den vergangenen zwei Jahren haben Experten des griechischen Finanzministeriums und der Zentralbank in Athen die Höhe der Reparationen aus griechischer Sicht berechnet. In einer Studie, die die griechische Sonntagszeitung „To Vima“ im März 2015 veröffentlicht hatte, wurden die Gesamtforderungen auf zwischen 269 und 332 Milliarden Euro beziffert. Der griechische Vize-Finanzminister Dimitris Mardas nannte am 6. April dann in einer Rede vor dem Parlament nach einer ersten Auswertung des zuständigen Parlamentsausschusses eine Summe von 278,7 Milliarden Euro.

Gefordert, gezahlt
Deutschland vereinbarte zur Wiedergutmachung für NS-Unrecht Ende der 1950er Jahre Entschädigungsabkommen mit zwölf Ländern. Athen bekam 1960 Reparationen in Höhe von 115 Millionen D-Mark. Bereits in diesem Vertrag ist laut Bundesregierung festgehalten, dass die Wiedergutmachung abschließend geregelt sei. Doch verlangten griechische Politiker weiterhin Reparationen. 2014 wurde die Forderung nach Entschädigungen auch beim Athen-Besuch von Bundespräsident Joachim Gauck laut. Die Bundesregierung wies die Ansprüche zurück. Athens Forderungen seien geregelt, heißt es bis heute.

WW: Gibt es innerhalb Griechenlands eine Selbstkritik am Klientelismus?

Richter: Wenn ich mit Griechen rede, stimmen mir alle zu – bis auf die direkten Nutznießer des Systems.

WW: Die Weltgeschichte zeigt, dass kollektive Großereignisse manchmal Lernprozesse auslösen und ganze Gesellschaften grundlegend verändern. Gab es nie so eine Gelegenheit für Griechenland, vom Klientelismus loszukommen?

ks-akropolis
Karikatur von Freund Klaus Stuttmann.

Richter: Doch, die gab es. Im Zweiten Weltkrieg während der deutsch-italienischen Besatzung entstand eine breite Widerstandsbewegung, die EAM, die nichts zu verteilen hatte. Die haben leidenschaftlich für eine Republik europäischer Art gekämpft. Aber der britische Premier Winston Churchill wollte die Monarchie und das Vorkriegsregime restaurieren, um seine eigene Mittelmeerpolitik abzusichern. Die britische Armee griff im Dezember 1944 ein und installierte mit Gewalt das gewünschte Regime wieder. Nach außen hin war die Rede von einem kommunistischen Aufstand.

WW: Ministerpräsident Tsipras fordert von Deutschland Reparationszahlungen für die Besatzungszeit während des Zweiten Weltkriegs. Mehr als 270 Milliarden Euro. Wie ist diese Forderung zu beurteilen?

Richter: Es geht um zwei Dinge: Reparationen und die so genannte Besatzungsanleihe. Was die Reparationen angeht: Nur zwei Staaten in Europa haben von Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg Reparationen erhalten, nämlich Jugoslawien und Griechenland. 1948 bis 1950 bekam Griechenland wie andere alliierte Länder Demontagegüter zugeteilt, also Anteile an deutschen Fabriken. Die Griechen bekamen 30.000 Tonnen.

Das war kein Schrott, sondern das waren funktionsfähige Maschinen, Drehbänke, Fräsmaschinen. Güter in einem Wert von 120 Millionen D-Mark von 1950 wurden zum Hamburger Hafen gebracht. 1950 hat ein englisches Schiff 10.000 Tonnen geladen. Aber es fand nie den Hafen von Piräus. Der Rest war nach zwei Jahren verrostet und wurde in England verschrottet. Der Erlös kam nie in Griechenland an.

WW: Wo genau kamen die Maschinen und das Geld denn an?

Richter: Das wissen bis heute nur die Götter. Das Geld wurde jedenfalls komplett unterschlagen. Das kann man in einem Spiegel-Artikel nachlesen.

WW: Und dabei blieb es?

Richter: Nein. 1952 hatte das Londoner Schuldenabkommen festgestellt, dass man erst nach einer deutschen Wiedervereinigung über Wiedergutmachung verhandeln werde – also niemals. Adenauer hatte den Amerikanern klargemacht: Uns geht es langsam besser, aber wir können nur entweder Reparationen zahlen oder eine neue Armee aufstellen. Die Amerikaner bewirkten daraufhin, dass die Westeuropäer auf Reparationen verzichteten.

Aber dann schien sich eine Annäherung zwischen Chruschtschows Sowjetunion und Titos Jugoslawien abzuzeichnen. Die Amerikaner waren alarmiert und machten Druck auf die Bundesrepublik: Zahlt Tito Reparationen, damit er neutral bleibt. Bonn hat 300 Millionen Mark gezahlt, getarnt als Investitionskredit auf 99 Jahre. Die Griechen bekamen das mit und stellten eigene Forderungen. Bonn wollte erst nicht hören.

„Deutschland dient als Sündenbock“

Richter: Dann kam es zu einer ganz seltsamen Geschichte: Die Griechen kidnappten einen gewissen Max Merten, der während des Krieges ein kleiner Verwaltungsoffizier im besetzten Saloniki war. Er wurde vor ein Kriegsgericht gestellt und unter ziemlich verrückten Umständen zu 130 Jahren Haft verurteilt – später dann auf 25 Jahre reduziert. Der Mann war eigentlich eine Geisel. Bonn hat nachgegeben und 200 Millionen Mark gezahlt, getarnt als Investitionskredit, um ihn freizukaufen.

Dieses Geld wurde dafür verwendet, dass deutschen Firmen Griechenland elektrifizierten. Vorher gab es Strom nur in den Großstädten. Außerdem bekam Griechenland von Deutschland 115 Million Mark in bar, um Opfer von Nazi-Verbrechen zu entschädigen. Vor allem ging es um den Juden-Mord und Geiselerschießungen. Das war 1958. Ich weiß von einem damaligen deutschen Diplomaten, dass mindestens zwei Drittel der 115 Millionen Mark irgendwo im politischen Klientelsystem landeten und nicht bei den Opfern ankamen.

WW: Die Wiedervereinigung kam dann 1990 doch noch. Im Zwei-plus-Vier-Vertrag, der einen Friedensvertrag ersetzte, haben alle früheren Kriegsgegner Deutschlands auf Reparationen verzichtet. Griechenland auch?

Richter: Griechenland hat keinen Einspruch erhoben. Davon und von den genannten Demontage-Gütern und Reparationen – abgesehen von den 115 Millionen Mark – will man in Griechenland angeblich nichts wissen.

WW: Und was ist mit der „Besatzungsanleihe“?

Richter: Die Vorstellung in Griechenland ist in etwa, dass sich das nationalsozialistische Deutschland bei Griechenland Geld lieh, um den Zweiten Weltkrieg zu finanzieren. Das ist Unsinn. Es handelt sich um keine „Anleihe“. In einem Bericht der Reichsbank von April 1945, erkennt man, dass es um eine Bilanz geht. Die deutschen Besatzer ließen Bunker und andere Militärbauten errichten, Griechenland hat die Löhne der Arbeiter vorgestreckt.

Das sind die 376 Millionen Reichsmark, die heute im Raum stehen. Man muss aber auch die andere Seite der Bilanz betrachten. Während der Besatzungszeit herrschte eine irrsinnige Inflation in Griechenland. Die deutsche Reichsbank hat eine Million Goldpfund zur Verfügung gestellt – zwei Drittel Gold-Francs, ein Drittel Gold-Sovereigns. Die wurden in Athen spekulativ eingesetzt, um den Wert der Drachme zu stützen. Deutschland lieferte außerdem Waren und Lebensmittel im Wert von je 1,5 Millionen Goldpfund. Wenn man das umrechnet, kommt man zum Ergebnis, dass die Bilanz ausgeglichen war.

WW: Das ist also das Ergebnis eines Dokuments aus dem nationalsozialistischen Deutschland. Gibt es auch griechische Quellen?

Richter: Es gibt dafür eine Bestätigung in den Memoiren von Konstantinos Logothetopoulos, des zweiten Ministerpräsidenten der Kollaborationsregierung. Er beruft sich auf Daten des griechischen Staatsanwaltes im Prozess gegen ihn nach dem Krieg. Aber: Diese Memoiren sind in fast keiner griechischen Bibliothek vorhanden. Da wurde gesäubert. Ich habe das Buch aber und es auch neu aufgelegt. Ich werde sehr bald auch ein Buch über „Mythen und Legenden der griechischen Zeitgeschichte“ veröffentlichen.

GRIECHENLANDS REPARATIONSFORDERUNGEN. Das Geld aus Deutschland kam nie an.

WW: Nach Ansicht Griechenlands schulden die Deutschen dem Land eine Viertelbillion Euro wegen des Zweiten Weltkriegs. Die Regierung blendet dabei nicht nur die Geschichte der versickerten deutschen Zahlungen aus. Also haben die Griechen keine Ansprüche auf Reparationen?

Richter: Nein. Und Tsipras weiß das. Seine Vorgänger wussten das auch. Die Forderungen waren auch nie regierungsamtlich, sondern für die heimische Öffentlichkeit bestimmt. Deutschland dient als Sündenbock.

WW: In Griechenland ist man ziemlich empfindlich, wenn es um die eigene Geschichte geht. Sie selbst wurden bereits vor einem griechischen Gericht angeklagt.

Richter: Ich hatte – angeblich – einen griechischen General beleidigt. Es ging um den Sechs-Wochen-Mythos. Demnach hat Hitler-Deutschland den Krieg verloren, weil die Griechen 1941 sechs Wochen so tapfer gekämpft hätten. Diese Wochen hätten den Deutschen dann im Herbst 1941 vor Moskau gefehlt.

Das steht auch in manchen Schulbüchern, obwohl die internationale Forschung diesen Blödsinn längst widerlegt hat. Die 200 Divisionen des deutschen Ostheeres mussten nicht auf die zwei Divisionen warten, die auf Kreta kämpften. Aber der griechische General hatte das auf seiner Offiziersschule so gelernt und sorgte dafür, dass ich verklagt wurde. Die Anklage lautete, dass ich Nazi-Propaganda mache.

„Der Kapitalfehler war, die Griechen in die Eurozone reinzulassen“

WW: In Deutschland haben vermutlich viele Beobachter den Eindruck, dass Griechenland ein Fass ohne Boden sei. Wenn man Ihre Forschungsergebnisse über die neuere griechische Geschichte kennt, könnte man sich in diesem Eindruck bestätigt sehen.

Richter: Das stimmt. Der Kapitalfehler war, die Griechen in die Eurozone reinzulassen. Ohne den Euro wäre die Katastrophe ein paar Zehnerpotenzen kleiner. Wenn ich mit griechischen Geschäftsleuten diskutiere, stimmen die mir zu.

WW: Gab es vor der Einführung der Währungsunion in Griechenland warnende Stimmen?

Richter: Dass man in die Eurozone wollte, wurde in der oligarchischen Herrschaftsclique beschlossen. Die griechischen Bürger wurden nicht gefragt. Demokratische Prozesse sind in Griechenland ziemlich unüblich.

WW: Die letzten Parlamentswahlen haben aber doch einiges bewegt. Die alten Parteien verschwanden fast in der Bedeutungslosigkeit, neue Parteien, vor allem die linke Syriza des aktuellen Ministerpräsidenten kamen hoch.

Richter: In Griechenland stimmt man bei Wahlen nicht wie in Westeuropa für eine Partei. Sondern man stimmt gegen die Partei, die in der Vergangenheit nicht das geliefert hat, was man erwartete. Tsipras zu wählen, war ein verzweifelter Versuch, aus der Misere herauszukommen. Die Vorgängerregierung unter Papandreou hat halbwegs vernünftig agiert, indem sie versuchte, eine Volksabstimmung durchzusetzen. Er wollte das Volk hinter sich bringen, sozusagen als Gesamtklientel.

WW: Die Europäer erscheinen gegenüber Griechenland immer wie ein Schulmeister, der die Griechen zu einer neuen Finanzpolitik erziehen will. Geht das?

Richter: Auf Griechisch würde ich sagen: Apokliete – es geht nicht. 1897 waren die Griechen so pleite wie heute. Sie wurden unter Finanzaufsicht der Schuldnerstaaten gestellt. In ganz Griechenland saßen Finanzkontrolleure aus europäischen Staaten. Und plötzlich war Geld in der Kasse. Ich höre auch aus Griechenland den Ruf: Nehmt uns unter Kontrolle. Vernünftige Griechen wissen, dass es ohne Kontrolle einfach so weitergehen wird.

WW: Die Aufnahme Griechenlands in die Europäische Gemeinschaft 1981 hatte zum Ziel, das Land ebenso wie Portugal und Spanien an europäische Verhältnisse heranzuführen und nach dem Ende der autoritären Regime zu stabilisieren und zu demokratisieren. Das scheint, wenn man ihre Diagnose hört, in Griechenland gescheitert zu sein.

Richter: Der europäische Süden besteht aus zwei Teilen. Die südwesteuropäischen Länder Portugal, Spanien, Italien ähneln mitteleuropäischen Gesellschaften – mit gewissen Eigenheiten. Europa ist von Portugal bis Polen im Grunde relativ homogen, zumindest von außen betrachtet. Aber Südosteuropa, also der gesamte ehemals zum Osmanischen Reich gehörende Balkan, ist anders.

Diese Völker waren dreihundert Jahre lang von Europa abgekoppelt durch die osmanische Herrschaft. Alle geistigen Bewegungen Europas – Reformation, Gegenreformation, Aufklärung – haben dort nicht stattgefunden. Diese Länder sind allesamt klientelistisch organisiert. Ich habe neulich einer Journalistin aus Mazedonien ein langes Interview gegeben und ihr Griechenland erklärt. Sie sagte am Schluss: Das verstehe ich gut, denn das ist genau wie bei uns. Aber in Brüssel und Berlin versteht man es nicht.

WW: Wenn Sie den Rettern in Brüssel oder Berlin etwas zu raten hätten…

Richter: Es läuft letztlich darauf hinaus, dass die Europäer Griechenlands Schulden bezahlen müssen. Und diese nehmen von Monat zu Monat zu. Die einzige vernünftige Lösung wäre: Als Gegenleistung für die Schuldenübernahme durch die Europäer verlassen die Griechen freiwillig den Euro und kehren zur Drachme zurück.

Dann haben sie die Chance, den Tourismus auf Touren zu bringen, weil Urlaub in Griechenland sehr preisgünstig würde. Dies könnte vielleicht die Lösung sein.

Mehr von Heinz A. Richter: “Griechenland ist zu orientalisch, um ein europäisches Land zu sein, und zu westlich, um zum Orient zu gehören.”

Mehr von Klaus Stuttmann: Karikaturen.

Post to Twitter Post to Delicious Post to Facebook Post to MySpace

Ein Kommentar

  1. Hallo Jörg, ich halte die Verknüpfung der Karikaturen mit dem Heinz A.Richter Artikel für nicht seriös und ich glaube auch nicht, dass Herr Richter davon in Kenntnis gesetzt worden ist von Dir. Weiterhin ist keine genaue Quellenangabe zur Wirtschaftswoche gemacht worden- welche Nr. welches Datum. Schade

  2. Hallo Jörg, Und der noch grössere Fehler war, die EU zu erschaffen. Bei jeglichen Anfragen an die Zuständigen Stellen in Brüssel ist man nicht zuständig. Traurige Bilanz.

Kommentare sind geschlossen.