Der östliche Mittelmeerraum könnte Schauplatz des ersten Konflikts von 2018 sein.

Nun wollen wir das alte Jahr ja nicht mit trüben Aussichten beenden – und das Neue auch nicht damit anfangen, aber manche Meldungen verdienen u.E. doch eine gewisse Beachtung. Denn das östliche Mittelmeer ist nicht nur der Traum aller Segler, Insel-Hopper und Balkan-Liebhaber, sondern doch halt immer wieder auch ein Konfliktpunkt. Diesmal auf den Punkt gebracht von Metin Gurcan*

Wachsende Spannungen zwischen der Türkei und den griechischen Zyprioten bzgl. neu entdeckter Kohlenwasserstoffreserven im östlichen Mittelmeer 

Der östliche Mittelmeerraum wird voraussichtlich den ersten Konflikt im Jahr 2018 erleben, da die Entwicklungen Ende 2017 eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen der Türkei und dem griechisch-zypriotisch-griechisch-israelisch-ägyptischen Block signalisieren. Territoriale Auseinandersetzungen um Erdgas und neu entdeckte Kohlenwasserstoffreserven im östlichen Mittelmeerraum sind der Grund.

Bis vor einigen Jahren bestand die Hoffnung, dass diese Kohlenwasserstoffreserven eine echte Chance für eine friedliche Beilegung des Zypernkonflikts bieten würden. Aber diese optimistischen Hoffnungen verschwanden, als sowohl die Türken als auch die griechischen Zyprioten die Explorations- und Bohrarbeiten jeweils einseitig beschleunigten.

Im Jahr 2004 hatte die Europäische Union die griechischen Zyprioten zur alleinigen Vertretung der Insel Zypern erklärt und sie als EU-Mitglied anerkannt. In dem Glauben, dass ihre Rechte nach der Entscheidung der EU gestärkt wurde, beanspruchten die griechischen Zyprioten das Recht auf Exploration natürlicher Ressourcen in der „exklusiven“ Wirtschaftszone um Zypern herum.

Die Türkei bestand jedoch darauf, dass die griechisch-zypriotische sche Regierung in Nikosia nicht einseitig „Gesetze zur Ausbeutung natürlicher Ressourcen im Namen der gesamten Insel erlassen kann“, da sie nicht die türkischen Zyprer vertritt. Außerdem gibt es im östlichen Mittelmeerraum eine separate umstrittene „exklusive“ Wirtschaftszone zwischen der Türkei und Griechenland – ein weiterer Punkt der Spannung in dem Konflikt.

Ankara reagiert mit militärischen Aktivitäten

Ankara hat auf die Erdgasbohraktivitäten der griechischen Zyprioten im Juli stark reagiert. Die türkische Armee entsandte eine Fregatte im östlichen Mittelmeer, um „ein Bohrschiff zu überwachen, das trotz der Einwände der Türkei mit der Suche nach Öl und Gas vor dem ethnisch geteilten Zypern begonnen hat“, berichtete Associated Press.

KTG

Am 20. November besuchte der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi griechische Zyprer zu einem trilateralen Treffen in Nikosia, um die Kohlenwasserstoffressourcen in der Region zu erörtern. Neben dem ägyptischen Präsidenten nahm auch der griechische Premierminister Alexis Tsipras an dem vom griechisch-zypriotischen Präsidenten Nicos Anastasiades ausgerichteten Treffen teil. Das türkische Außenministerium erklärte das Ergebnis des trilateralen Treffens dagegen für „null und nichtig“.

Trotz der türkischen Opposition manövrierte das Bohrschiff Saipem 12000 im Auftrag der französischen TOTAL- und italienischen ENI-Unternehmen in der Calypso-Region zwischen dem 1. März und dem 26. Dezember in der Gegend um Explorations- und Bohrarbeiten durchzuführen  – entsprechend einer Vereinbarung, die während des trilateralen Gipfels getroffen wurde.

Darüber hinaus hatten sich Italien, Griechenland, Zypern und Israel bereits auf den Bau einer Gaspipeline aus neu entdeckten Feldern geeinigt. Das Projekt – „East-Med“ genannt – wird rund 6 Milliarden Dollar kosten. Eine über 2.000 Kilometer lange Pipeline wird Offshore-Reserven im levantinischen Becken nach Griechenland und Italien leiten.

Das East-Med-Projekt

Das East-Med-Projekt könnte als Versuch interpretiert werden, ein regionales Bündnis zwischen dem griechisch-zyprischen und dem griechischen Staat zu bilden, um den Einfluss der Türkei im östlichen Mittelmeer zu beschränken. Die griechischen Zyprer und Griechenland unterzeichneten außerdem ein gesondertes Abkommen mit Israel, um die Erdgasreserven im Mittelmeerbecken über eine Unterwasserleitung zu kanalisieren. Die Teilnahme Italiens an diesem Projekt kam nicht überraschend, da Italien bereits im Auftrag der Griechen Erdgasvorkommen im Mittelmeer erforscht hat. Der Plan ist, dass die Unterwasser-Pipeline Erdgas aus dem israelischen Leviathan-Becken und Griechenlands 12. „Plot“ – auch „Aphrodite“ genannt – nach Kreta und weiter über Griechenland nach Europa leitet.

Am 5. Dezember unterzeichneten die Energieminister Griechenlands, der griechischen Zyprioten und Israels, sowie der italienische Botschafter Griechenlands in Zypern ein Abkommen über den Bau der Ost-Mittelmeer-Pipeline in Nikosia. Die Teilnahme von EU-Vertretern an der Zeremonie zeigt, dass das Projekt von Brüssel unterstützt wird.

Im Jahr 2017 führten die griechischen Zyprioten, Israel und Griechenland im März, Juni und November drei gemeinsame Übungen durch. Anfang November 2017 haben Griechenland und Ägypten zum ersten Mal seit langer Zeit mal wieder eine gemeinsame Marineübung durchgeführt.

Und Ankara reagiert erneut

Als Reaktion darauf leitete Ankara seine eigenen Aktionen ein und gab ein Navigationstelex aus, um ein Gebiet für militärische Übungen zu reservieren. Das Gebiet umfasst die umstrittenen sechsten, siebten, achten und neunten „Plots“, die die griechischen Zyprioten als ihre ausschließliche Wirtschaftszone ausgewiesen hatten. Ankaras Erklärung kam zu einer Zeit, als o.g. Bohrschiff „Saipem 12000“ bereits im Mittelmeer ankam.

Die türkische Armee hat einige ihrer Kräfte im östlichen Mittelmeer nach der Ständigen Maritimen Task Force der NATO gehalten, die vom 7. bis 16. November durchgeführt wurde. Viele Fregatten der türkischen Marine, Tankfahrzeuge und Unterwasser-Kommandoteams befinden sich immer noch im umstrittenen sechsten Block.

2018 wird die Türkei ihr erstes brandneues Bohrschiff, die Deepsea Metro II, in Betrieb nehmen. Laut Navigationsdaten verließ das Schiff vor zwei Wochen den norwegischen Hafen Hoylandsbygda und fährt derzeit westlich von Portugal in Richtung Türkei, wo es genau heute erwartet wird.

Die entscheidende Frage ist nun, ob die türkische Marine militärische Eskorten für das neue Bohrschiff zur Verfügung stellen wird. Wenn die Deepsea Metro II von einer türkischen Armee-Flotte begleitet werden sollte, wird sich die Affäre sicherlich aufheizen.

Nikosia bleibt hart

In der Zwischenzeit kündigte Zyperns Regierung in Nikosia an, dass die Bohrarbeiten in ihrer „exklusiven Wirtschaftszone“ am 30. Dezember beginnen würden und dass auch das zypriotische Bohrschiff „Saipem 12000“ an den Operationen teilnehmen würde. Jetzt wird sich die Frage stellen, ob die türkische „Deepsea Metro II“ und besagte „Saipem 12000“, sowie die Flotten, die sie begleiten werden, im umstrittenen sechsten Block miteinander in Konfrontation treten.

Allerdings sollte man auch inländische Entwicklungen in den jeweils betroffenen und relevanten Ländern berücksichtigen, wenn man versucht, das Ausmaß einer möglichen Krise zu messen. Eine mögliche Kohlenwasserstoffkrise ist ein ausgezeichnetes innenpolitisches Problem, das alle Regierungen nutzen können, um ihre nationalistische Unterstützungsbasis zu konsolidieren. In Summe – und im Vergleich zu 2017 – wird man im Jahr 2018 noch ereignisreichere Szenen im östlichen Mittelmeer erleben. Der einzige Akteur, der zwischen Ankara und Nikosia vermitteln könnte ist diesmal nicht Washington, sondern Moskau, der „neue leuchtende Stern“ des Nahen Ostens.

Radio Kreta – wir wünschen trotzdem ein frohes neues Jahr 2018 und drücken uns allen alle verfügbaren Daumen.

* Metin Gurcan ist Kolumnist für „Turkey Pulse“ von Al-Monitor. Er diente von 2002 bis 2008 als türkischer Militärberater in Afghanistan, Kasachstan, Kirgisistan und im Irak. Nach seinem Rücktritt vom Militär wurde er unabhängiger Sicherheitsanalyst in Istanbul. Gurcan promovierte 2016 mit einer Dissertation über Veränderungen im türkischen Militär im vergangenen Jahrzehnt. Er hat ausführlich in türkischen und ausländischen Fachzeitschriften veröffentlicht und sein Buch „Was in Afghanistan falsch gelaufen ist: Aufstandsbekämpfung in tribalisierten, ländlichen, muslimischen Umgebungen verstehen“ wurde im August 2016 veröffentlicht.

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