Die Besatzungszeit : Paleochora im 2. Weltkrieg.

Wir haben neulich das „goldene Zeitalter“ Paleochoras geschildert. Leider folgen, wie es üblich ist, den guten Zeiten die schlechten, dem Frieden der Krieg. 

Gute Quelle: Das Buch „Paleochora (Ein Rückblick in die Vergangenheit)“, von Nikolaos Pyrovolakis. Erhältlich nur in der Buchhandlung in Paleochora.

Auch Paleochora spürte die Auswirkungen und Folgen des zweiten Weltkrieges. Das geschäftig-gemütliche Dorfleben brach plötzlich zusammen, als am 24.5.1941 die Deutschen nach hartem Bombardement den Ort einnahmen. Der Grund dafür? Nun, ein „verdächtiges Telegramm“ war in´s Hauptquartier des Eroberers von Kreta, Kurt Arthur Benno Student (*), geschickt worden, das besagte, dass in Paleochora englische Einheiten an Land gelängen und von dort auf Maleme zumarschierten.  Da bildeten die Deutschen ruckzuck ein Kommando unter Major Schette, das nach einer tapferen Schlacht, die mit den „Palikaria“ – den „beherzten Männern“ – von Selino ausgetragen, von diesen aber leider verloren wurde, Paleochora einnehmen konnte.

Kriegsschrecken und Unterdrückung

Die meisten Bewohner packten in Angst und Schrecken die notwendigsten Habseligkeiten, Kind und Kegel und flüchteten in die umliegenden Dörfchen – soweit möglich. In de nersten Tagen der Besatzung war Palechora sprichwörtlich ausgestorben. Der Probleme gab es viele, das Unglück war groß. Die Rache für den Widerstand der Palikaria ließ auch nicht lange auf sich warten…

Dass während dem Kampf, der beim Vormarsch auf Paleochora in der Schlucht von Kandanos stattfand, 25 deutsche Fallschirmspringer umkamen bzw. in einen Hinterhalt gerieten, gab den Ausschlag, dass Kandanos niedergebrannt und auch Paleochora zerstört wurde. Die Deutschen fanden Paleochora also verlassen vor, und somit machten sie sich an eine noch nie dagewesene Plünderung. Aus den offenstehenden Häusern rissen sie an sich, was nicht niet- und nagelfest und noch dazu von Wert war, z.B. Gold, kretische Wertarbeiten, Aussteuern für die Töchter und andere kostbare Gegenstände und machten erst halt, als nichts mehr zu holen war;

Der Befehlshaber der Gegend, Hauptmann Nüber, ließ sich – natürlich! – in dem noch am besten erhaltenen Gebäude nieder, wo er auch den Rachefeldzug gegen die Bewohner von Kandanos plante. Anfang Juni 1941 wurde Kandanos dem Erdboden gleichgemacht und gleich darauf ein Schild aufgestellt, auf dem er seine Tat rechtfertigte. Außer zwei provisorisch, auf die Schultafel und auf die Tür eines Geschäftes in Kandanos geschriebenen Schildern, stellten sie später eine andere Marmortafel auf, die erhalten ist und die folgenden Worte trägt:

„Hier stand Kandanos. Es wurde zerstört als Sühne für die Ermordung von 25 deutschen Soldaten.“

Die Deutschen begnügten sich aber natürlich nicht mit der Zerstörung von Kandanos, sondern führten ihre Vergeltungsmaßnahmen und Ermordungen gegen die Selino-Bewohner fort. Sie hatten vor, den unbezähmbaren Bezirk mit härtesten Schlägen zu schwächen und zu verhindern, dass seine Bewohner frei und bewaffnet durch die Berge streiften. 

Am 1. September 1941 umzingelten Elite-Einheiten aus Paleochora und Chania die ganze Provinz Selino, vor allem den Ostteil. Sie nahmen alle Verdächtigen fest und schickten sie nach Paleochora, wo sie sie in der Ölfabrik zusammenpferchten, die als Gefängnis und provisorisches Kriegsgericht diente. Die Verhöre waren reine Formsache: man verlangte Informationen, wo sich der Befragte während der Kämpfe im Mai 1941 aufgehalten habe – danach wurden die bislang nur Verdächtigen zum Tode verurteilt, immer aus dem Hauptgrund der Teilnahme an den Kämpfen von Floria, Anawos und denen der Kandanos-Schlucht.

Eigentlich ging es den deutschen Eroberern aber darum, all diejenigen umzubringen, die sie für gefährlich hielten und durch den Schrecken und die Verzweiflung, die sie somit verbreiteten, diesen widerspenstigen Bezirk zu unterwerfen. Das alles fand in den ersten zehn Tagen des Septembers 1941 statt. Täglich entschieden also SS- Offiziere, aus denen das provisorische Kriegsgericht vor der Ölfabrik zusammengesetzt war, wie viele von den Festgenommenen exekutiert werden sollten. Die Todeskandidaten wurden ein paar Meter hinter das letzte Haus von Paleochora gebracht und dort, nicht weit vom Meer, erschossen. Oft mussten sich andere Gefangen um die Begräbnisse kümmern.

Schwere Jahre in Paleochora und Umgebung

Vor jeder Exekution pflegten die deutschen Soldaten durch die Straßen von Paleochora zu stürmen und mit brüllenden, grob klingenden Stimmen die unglücklichen Bewohner des Dorfes zu zwingen, sich in ihren Häusern einzuschließen. Danach zog eine Abteilung von der Kommandatur aus und marschierte mit jenen unvergesslichen Marschgesängen „olari ti olala“ durch die Hauptstrasse zum Exekutionsplatz.

Diese Erschießungen dauerten 4 Tage lang an und die Zahl der Ermordeten stieg auf 29. Dazu kamen noch 3 Märtyrer des Dorfes, also in Summe 32. Die darauffolgenden Tage waren sehr hart. Jegliche Aktivitäten seitens der Bewohner waren eingestellt; die Eroberer zeigten sich hart und unmenschlich. Die reichen Geschäfte Paleochoras wurden zerstört und geplündert, die Öllager niedergebrannt. Die Häuser, die bei den Bombardements nicht zerstört worden waren, wurden von den Deutschen besetzt.

Der Schwierigkeiten gab es viele, die Unsicherheit und Angst groß. Mit Hunger und Krankheiten aufgrund schlechter Ernährung, dem Mangel an ausreichender Kleidung und Sauberkeit wurde man tagtäglich konfrontiert. Die Armut und Vernachlässigung, die in den Jahren der Besatzung herrschte, zeichnete sich in ihrem vollen Ausmaße auch in den vergrämten Gesichtern der Schüler jener Tage. Die Schulen waren nämlich in Betrieb und jeden Morgen versammelten sich die Schüler vernachlässigt, ärmlich gekleidet, barfuß und hungrig in ihren Schulen. Und wozu? Um Rechnen und Schreiben zu lernen – und um die Geschichte nicht zu vergessen.

Das war das Bild, das Paleochora in jenen schweren Jahren bot. Die Eroberer führten unbarmherzig ihr Werk fort, denn die strategische Lage des Dorfes war sehr wichtig für sie. Die Einfriedung des Kastells reichte nicht zur Sicherung des Dorfes aus. Man stiess überall auf Befestigungsarbeiten, auch an allen Küstenstreifen östlich und westlich davon. Der große Scheinwerfer am „Wigles“ (dem Berg direkt hinter Paleochora, auf dem heute die große Antenne steht) und der „Schwarze Teufel“ auf dem Kastell – ein 40 m hohes, für die damalige Zeit hochmodernes Radargerät zur Kontrolle der Lufthoheit – ragten noch immer in ihrer vollen Größe auf. Die schweren Geschütze und voll ausgestatteten Maschinengewehre ermöglichten die Kontrolle über die Südküste der Gegend.

Zwangsarbeit war an der Tagesordnung, natürlich unentgeltlich – Arbeitskräfte gratis. Rechts und links der Halbinsel Paleochoras waren Munitionslager angelegt, Minen überirdisch verlegt und an der ganzen Küste entlang Maschinengewehre aufgestellt, um feindlichen Landungen zuvor zu kommen bzw. diese schon im Vorfeld durch Abschreckung zu verhindern.

Das Ende der Besatzung – doch das Elend geht weiter

Im Oktober 1944 allerdings nahte das Ende der deutschen Besatzung. Es ging das Gerücht um, dass die Deutschen von Paleochora abzögen – dem war auch tatsächlich so! Viele Einwohner Paleochoras stiegen damals auf den im Norden des Dorfes gelegenen Berg „Wigles“ und erblickten ein erschütterndes und erschreckendes Szenario: Viele Häuser waren zerstört, Geschäfte, Läden und Lager geplündert und in Brand gesteckt oder mit deutscher Munition in die Luft gejagt worden. Die Deutschen ließen rein gar nichts heil zurück – doch sie hatten den Krieg verloren! Paleochora war befreit und die Bewohner kamen nach und nach zurück, um zu sehen, was ihnen noch geblieben war.

Und das war nicht viel. Dreieinhalb Jahre des Aufenthaltes der Deutschen im Dorf reichten aus, diesen in eine allgemeine und profunde Verelendung zu stürzen. In den Häusern fehlte es an allem, viele Mängel waren mit vorhandenen Mitteln überhaupt nicht zu beheben. So wurden Kämme z.B. aus Stücken von Flugzeugaluminium hergestellt – damit versuchten dann 10-15 Familienangehörige sich gegenseitig die Läuse auf den Köpfen aus den Haaren zu klauben.

Besonders findig waren auch alle Mütter und Ehefrauen bei der Herstellung neuer Kinderkleidung, wozu oft hartes Segeltuch, Stücke von Zeltplanen oder Säcken verwendet wurde. Ein netter Kommentar unserer Quelle besagt, dass sich die Hakenkreuze der von den Deutschen hinterlassenen Säcke oft genug auf den Hinterteilen des neuen Hosen-Trägers abzeichnete. „So hat jedes Ding seinen Platz!“ Und noch ein netter Kommentar besagt „Diese Kleider brauchte man zum Trockenen nicht aufzuhängen – sie standen von alleine!“ Die meisten Kinder hatten jahrelang keine Schuhe und liefen Sommers wie Winters barfuß.

Lebensgefährliches Erbe

Aber die Deutschen hatten auch ein weitaus gefährlicheres „Erbe“ hinterlassen: Dynamit, Minen, Handgranaten, Leuchtkugeln und Kanonengeschosse – tödliche Fallen für Mensch und Tier. Ob nun ein Hirte beim Versuch, ein verlorenes Schaf in die Herde zurück zu holen auf eine Mine trat, ein Autofahrer über eine in den Untergrund eingelassene Tellermine fuhr, oder Kinder in ihrer natürlichen Neugier diese tödlichen Hinterlassenschaften aufstöberten und – logischerweise – deren Funktionsweise auf den Grund gehen wollten – es gab auch nach Ende der deutschen Besatzung noch viele viele Todesopfer. Ein Krieg ist nun mal noch lange nicht zu Ende, wenn er zu Ende ist und hinterläßt immer nur Elend und Unglück – und zwar auf allen Seiten!

Radio Kreta – Historie hautnah.

(*) Student war seit Januar 1941 kommandierender General des XI. Fliegerkorps, zu dem die Fallschirmtruppe mittlerweile aufgestockt worden war. Damit war er auch der Befehlshaber der deutschen Truppen in der Luftlandeschlacht um Kreta im Mai 1941 und nach dessen Einnahme kurzzeitig Inselkommandant. Als solcher ordnete er am 31. Mai brutale Vergeltungsaktionen gegen die widerständische Inselbevölkerung an. Beispiele hierfür sind die Massaker von Kondomari und Kandanos.

 

 

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Ein Kommentar

  1. Hallo Jörg,

    als ich vor über 20 Jahren zufällig in Mires in ein Kafenion kam ( unsere Frauen wurden vom Besitzer reingebeten und mit Limo versorgt, da sie auf der Strasse auf uns warteten und sich das nicht gehört,(wir waren beim Frisör:-) aber egal. Mir ist sofort das übergroße Wandgemälde aufgefallen. Die Darstellung zeigte wie gerade 10 wahllos ausgewählte Männer aus Mires mit dem MG erschossen wurden. Ich musste natürlich wissen was da los war. Also die Ursula gefragt ob sie übersetzen könnte. Die Geschichte war jene, dass Partisanen einen deutschen Soldaten erschossen hatten und zur Vergeltung wurden 10 junge Männer erschossen. Der Kafenion Besitzer merkte das mich die Geschichte traurig machte und sagte:
    „Wir haben euch Deutschen verziehen, den Türken allerdings nicht!“ Danach bekamen die Mädels noch ne Limo und wir ein Karaffe Raki.
    Im Herbst waren wir in Mires auf dem Wochenmarkt, das Kafenion gibt es leider nicht mehr.

    LG Marcus

    PS: Ich versuche mal das Dia zufinden.

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