„Die Griechen und die Furcht vor dem nächsten Tag“

LAND IN DER DEPRESSION

„Es gibt eine Furcht der Griechen vor dem nächsten Tag“

VON MARKUS BERNATH |  17. Oktober 2010, 18:23

Die griechische Psychologin Fotini Tsalikoglou versucht die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Gemüter ihrer Landsleute zu erklären

tsalikoglou

Ein Land steckt in der Depression. Die griechische Psychologin Fotini Tsalikoglou versucht die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Gemüter ihrer Landsleute zu erklären. Markus Bernath hat die Sparkurskritikerin in Athen getroffen.

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„STANDARD: Wie geht es den Griechen mit ihrer Wirtschafts- und Finanzkrise?

Tsalikoglou: Reden wir über die griechische Gesellschaft als Ganzes. Ich spüre, dass die geistige Gesundheit in dieser Zeit der schweren Krise, die nicht nur wirtschaftlich ist, sondern psychisch wird, gefährdet ist. Sehr verschiedene Gesellschaftsgruppen, sogar jene, denen es noch gut geht, haben Angst, etwas zu verlieren. Es gibt jetzt eine allgemeine Furcht der Griechen vor dem nächsten Tag. Diese Furcht ist ein wenig irrational, es ist ja nicht logisch, Angst zu haben, dass man gleich alles verliert.

STANDARD: Beschreiben Sie diese Angst vor dem Verlust ein bisschen näher.

Tsalikoglou: Die Angst vor dem Verlust ist immer das zentrale Stück der Depression. Es kann um einen wirklichen Verlust gehen oder um einen symbolischen oder einen eingebildeten. Die Depression, so lehrt uns die Psychologie, steht jedenfalls in Verbindung mit dem Verlust. Wir waren eine Gesellschaft, die sich wie ein Baby im Mythos des Überflusses gewiegt hat, in der Idee, dass einfach alles gut ginge. 20, 30 Jahre haben wir so gelebt.

Wir sind in der Euphorie geschwommen wie in einem Meer. Das war nicht real. Der Augenblick musste kommen, wo alles das zerplatzen würde. Weil dieser Bruch aber so plötzlich kam, ist die Angst nur noch größer geworden. Griechenland steckt jetzt noch in einem Zustand der Entschlusslosigkeit.

STANDARD: Es gibt Gewerkschaftsführer in Griechenland, die sagen, sie hätten jetzt nichts mehr zu verlieren, und die damit Blockaden und Besetzungen rechtfertigen.

Tsalikoglou: Ja, aber man spricht hier jetzt auch schon von der 400-Euro-Generation. Vor zwei Jahren war es die 700-Euro-Generation, und jeder hat gesagt, das sei unannehmbar. Wir haben gedacht, neun Prozent Arbeitslosigkeit sind viel, aber jetzt sind wird schon bei über elf Prozent, und unter den Jugendlichen bei 25 Prozent. Wir sollten eine Chance zum Leben ohne diese fundamentale Angst haben.

STANDARD: Diese Probleme der Arbeitslosigkeit gibt es mehr oder minder überall auf der Welt. Warum also diese Angst in Griechenland?“

Quelle und weiter hier: derStandard.at

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