Krise – „Die Griechen werden das überleben“

„Die Griechen werden das überleben“

„Der Sparkurs sei für die Griechen gar nicht so schlimm“.

Harvard- Professor und Papandreou-Berater Richard Parker.

Für den US-Ökonomen Richard Parker ist Griechenlands Sparkurs verkraftbar, das Hauptproblem ein EDV-Mangel in der Verwaltung

Wien – Seit fast drei Jahren starrt die halbe Welt auf das kleine Griechenland fürchtet sich vor der Sprengkraft seiner wirtschaftlichen Probleme. Das geschehe zu Unrecht, glaubt Richard Parker, ein linksgerichteter Ex-Journalist und Ökonom, der an der Kennedy School in Harvard unterrichtet und seinen Freund Giorgos Papandreou bis zu dessen Rücktritt als griechischer Premier im November 2011 beriet.

„Griechenland ist nicht das große Problem. Vor ein paar Jahren hätte man die Budgetprobleme leicht lösen können, erst durch die Finanzkrise wurden sie zu einer Krise des westlichen Kapitalismus und zu einer moralischen Krise hochstilisiert“, sagt Parker im Standard-Gespräch. “ Das ist verständlich, aber nicht hilfreich.“

Das Problem in Griechenland sei weder Faulheit – die Menschen würden länger arbeiten als in Deutschland – noch ein zu großer öffentlicher Sektor oder zu geringe Steuereinnahmen, sagt Parker, der morgen, Mittwoch, bei einer Veranstaltung der Marshallplan-Jubiläumsstiftung über Wachstumsstrategien für Südeuropa spricht. Bei all diesen Werten sei das Land im EU-Mittelfeld. Wo Griechenland hervorsteche, sei die “ unglaubliche Ineffizienz der Verwaltung“, verursacht vor allem durch fehlende Technologie. „Sie sind noch nicht einmal in den 1970er-Jahren angekommen.“

Keine EDV-Systeme
Weder das Finanzamt noch andere Behörden hätten EDV-System für Akten und Listen, fast alles werde noch bei Hand abgewickelt. Dazu komme völliges Unwissen über modernes Personalmanagement, eine kleinteilige Abteilungsstrukturen, die interne Kommunikationsflüsse verhindert, und ein abstruses Rechtssystem, das zwar die Korruption niedrig hält, aber dazu führt, dass Beamte fast nur mit Papierkram beschäftigt sind. „Um eine Schachtel Bleistifte zu kaufen, muss sich eine Behörde ans Parlament wenden“, beschreibt Parker die Auswüchse dieses Erbe der osmanischen Herrschaft.

Bis heute habe die Regierung wichtige Daten und Statistiken nicht zur Verfügung, was auch die Beziehungen zur den EU-Partnern belaste. Parker: “ In den Verhandlungen über die Sparpolitik stieg oft der Verdacht auf, dass die Griechen schwindeln. Dabei wollten sie nicht zugeben, dass sie vieles einfach nicht wissen.“

Allerdings: Gerade bei der Modernisierung des öffentlichen Sektors habe es in den vergangenen Jahren große Fortschritte gegeben, etwa durch neue SAP-Systeme in der Budgeterstellung. Dies werde auch in den Berichten des Internationalen Währungsfonds anerkannt und sei entscheidend für die Sanierung des Landes.

Chaos durch Austritt
Ein Euro-Austritt würde nur Chaos verursachen und dem Land nichts bringen, ist Parker überzeugt. Griechenlands wichtigste Industrien – Schifffahrt und Tourismus – würden von einer schwache Währung wenig profitieren. Überhaupt seien die Lohnstückkosten weniger stark gestiegen als berichtet, denn der Großteil des Arbeitsmarktes spielt sich im informellen Sektor ab. Dies sei auch Griechenlands größtes Zukunftsproblem, denn „mit einer Tavernen-Ökonomie kann man im 21. Jahrhundert nicht wettbewerbsfähig sein“. Der Strukturwandel habe dank Auslandsinvestitionen unter dem Euro begonnen, wurde aber durch die Krise gestoppt.

Den umstrittenen Sparkurs hält Parker für nicht so schlimm. „Ich will nicht hartherzig klingen, aber die Griechen werden das überleben. Die meisten haben Eigenheime, die ihnen bleiben, und starke Großfamilien. Es ist nicht leicht, aber lange nicht so schlimm wie andere Katastrophen in ihrer Geschichte.“ Auch Berichte über eine Verdoppelung der Selbstmorde seien verzerrend, denn das Land hat eine der niedrigsten Selbstmordraten Europas.

Das Problem der Eurozone sei weniger Griechenland als Spanien und Italien, und hier müsse die EU durch mutige Schritte Abhilfe schaffen. Parker schlägt ein fünfjähriges Moratorium auf die Rückzahlung von Staatsanleihen vor, gefolgt von einer Ausgabe von Eurobonds. Die Einsparungen könnten dann für Wachstumsinitiativen genutzt werden.

(Eric Frey, DER STANDARD, 26.6.2012)

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Ein Kommentar

  1. “Sie sind noch nicht einmal in den 1970er-Jahren angekommen.” Diesen Satz kann ich nur unterstreichen. So ist es z. B. bis heute unmöglich, die Rechnung der Wasserwerke Chania per Lastschrift bzw. Einzugsverfahren zu bezahlen (was seit ein paar Jahren wenigstens mit Strom und Telefon geht), wenn man nicht Kunde einer ganz bestimmten Bank ist. Die Emporiki jedenfalls wird nicht akzeptiert, und so muss man entweder ein (ansonsten völlig überflüssiges) Konto bei der „Hausbank“ der Wasserwerke eröffnen oder aber alle zwei oder drei Monate persönlich an deren Kasse erscheinen und bar einzahlen. Und das im 21. Jahrhundert! Ach ja, und noch was: Für die bei Gericht erforderlichen Gebührenmarken gibt es keine Quittung! „Wir sind eine staatliche Behörde und stellen keine Quittungen aus“ musste ich mir sagen lassen, und so hatte ich nichts in der Hand und könnte mir z. B. die Erstattung durch eine Versicherung o. ä. in Deutschland abschminken, hätte mir nicht mein freundlicher Rechtsanwalt (handschriftlich!) eine Art Bestätigung erstellt, die dann kopfschüttelnd ob dieser Zustände akzeptiert wurde.

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