Die Zerstörung des griechischen Gesundheitswesens

Von Ernst Wolff, 6. Dezember 2012

Fünf Sparpakete innerhalb von zweieinhalb Jahren haben das Gesundheitssystem in Griechenland auf das Niveau eines Entwicklungslandes gebracht und der arbeitenden Bevölkerung das Grundrecht auf eine angemessene medizinische Versorgung genommen.

Obwohl der Winter bevorsteht und die bisherigen Kürzungen bereits lebensbedrohliche und teilweise tödliche Folgen hatten, besteht die Troika aus Internationalem Währungsfonds, Europäischer Union und Europäischer Zentralbank auf weiteren Einschnitten im medizinischen Bereich. Als Folge wird die mittellose Bevölkerung systematisch vom Zugang zur medizinischen Versorgung ausgeschlossen, die Verbreitung von Krankheiten und Seuchen gefördert und das Gesundheitssystem auf Jahrzehnte hinaus ruiniert.

Um 1,74 Mrd. Euro einzusparen wurden die Selbstbeteiligung bei Medikamenten erhöht, die Ausgaben staatlicher Kliniken für Medikamente gekürzt und Überstunden von Ärzten eingeschränkt. Im Januar kommen neue Einschnitte hinzu. Der Eigenbeitrag beim Kauf von Medikamenten wird ein weiteres Mal heraufgesetzt und eine Krankenhausreform zur zusätzlichen Kostenreduktion soll noch mehr Personal abbauen.

Ab 2014 wird dann eine Gebühr von einem Euro pro ausgestelltem Rezept erhoben und der bereits von 5 auf 10 Euro erhöhte Betrag für eine Krankenhauseinweisung auf 25 Euro erhöht. Das wird vor allem Rentner, Obdachlose und kinderreiche Familien davon abhalten, sich in Notfällen stationär behandeln zu lassen.

Innerhalb der kommenden sechs Monate sind fünfzig Krankenhäuser von der Schließung bedroht. Zwei haben bereits wegen ausbleibender Überweisungen der Krankenkassen den Betrieb einstellen müssen, nachdem ihr Personal zuvor vier bis sechs Monate lang keine Löhne mehr erhalten hatte. Die Verschuldung der Krankenhäuser bei Pharmakonzernen liegt bei über 1,3 Mrd. Euro.

In den meisten Kliniken fehlen unverzichtbare Grundmaterialien wie Einmalhandschuhe, Gips und Katheter. Ärmere Frauen müssen zu Hause entbinden, da sie sich eine Krankenhausgeburt, die zwischen 700 Euro und 1.500 Euro kostet, nicht leisten können. Kinder werden nur noch gegen Barzahlung geimpft.

Drogensüchtige Patienten, deren Zahl sich in den vergangenen fünf Jahren verzwanzigfacht hat, erhalten auf Grund der Sparmaßnahmen nur noch 15 Nadeln im Jahr – ein Zehntel dessen, was ihnen in anderen Ländern der Eurozone zugestanden wird. Das Europäische Zentrum für Krankheitsverhinderung und Kontrolle (ECDE) warnt vor einer neuen AIDS-Welle vor allem in den Großstädten. In Athen müssen Heroinabhängige eine Wartezeit von 44 Monaten in Kauf nehmen, bevor sie an einem Methadon-Programm teilnehmen können.

Eine Beobachtung und Eindämmung von Ansteckungsherden ist wegen der gesunkenen Hygiene-Standards in ganz Griechenland nicht mehr sichergestellt. Chronische Atemwegserkrankungen, Hautkrankheiten und Tuberkulose nehmen zu.

In fünf Landesteilen sind wieder Malariainfektionen gemeldet worden, obwohl die Krankheit seit 1974 als überwunden galt. Auch hier trifft es vor allem die ärmsten Schichten: In der See- und Orangenregion Skala wohnen viele Einwanderer aus Afghanistan und Pakistan auf engem Raum zusammen und sind den krankheitserregenden Stechmücken ungeschützt ausgesetzt.

Die europäische Seuchenschutzbehörde hat vor kurzem wegen der Vermehrung multiresistenter Keime Alarm geschlagen. In Italien ist der Anteil solcher Keime unter den Blutstrominfektionen von 15 Prozent 2010 auf 27 Prozent 2011 angestiegen, in Griechenland von 49 auf 68 Prozent. Die Ursache: Viele Menschen greifen schon bei leichten Erkrankungen aus Angst um ihren Arbeitsplatz zu Breitband-Antibiotika und setzen so ungewollt ihre Resistenz herab.

„Wir haben Kinder, die hungern müssen, dehydrierte Säuglinge“, klagt Nikitas Kanakis, Präsident des Netzwerks „Ärzte der Welt“. Gleichzeitig leidet das Land unter einem nie gekannten Exodus an Ärzten. Ein Facharzt verdient im Zuge der Sparmaßnahmen ab Januar 2014 nur noch 1007 Euro brutto – noch nicht einmal ein Viertel von dem, was er in Deutschland erhalten würde.

Statt sich in einer solchen Situation an die Grundprinzipien der Menschlichkeit zu erinnern, reagieren Pharmakonzerne mit unnachsichtiger Härte. Wegen ausstehender Zahlungen hat der Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern Merck die Lieferung des Krebsmedikaments Erbitux an griechische Krankenhäuser Anfang November eingestellt – vierzehn Tage, bevor das Unternehmen für das dritte Quartal einen Gewinnsprung um 16 Prozent auf 754 Mio. Euro bekannt gab.

Im Juni hatte der deutsche Pharmakonzern Biotest bereits die Lieferung seiner Blutplasmaprodukte eingestellt. Die ausstehenden Zahlungen für die lebenserhaltenden Medikamente machen nicht einmal zwei Prozent des Jahresumsatzes von Biotest aus.

Während die arbeitende Bevölkerung diesen unmenschlichen Bedingungen hilflos ausgesetzt ist, wenden sich die wohlhabenden Schichten Griechenlands für ihre medizinische Versorgung zunehmend dem Ausland zu. Die Krankenhäuser Nordeuropas melden vermehrt Operationen von Patienten aus dem Süden der Eurozone. „Wir stellen auch fest, dass immer mehr Personen aus Griechenland, Spanien, Portugal, aber auch England in der Schweiz Medikamente kaufen“, sagt Lorenz Schmid, Präsident des Zürcher Apothekerverbandes.

„Eigentlich ist unser Gesundheitssystem schon zusammengebrochen“, beschreibt Nikitas Kanakis die derzeitige Lage in seiner Heimat. „Eine Stabilisierung ist nicht in Sicht. Ich denke eher, dass es noch schlimmer werden wird. Gerade jetzt, da ein harter Winter bevorsteht und die Heizkosten doppelt so teuer geworden sind. Die Schere zwischen Arm und Reich wird größer werden, was sehr gefährlich ist. Auch die soziale Mobilität ist nicht mehr vorhanden, Kinder von armen Familien haben kaum eine Chance auf ein besseres Leben.“

Anders sieht die Lage Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker. „Griechenland ist auf einem guten Weg“, sagte er bei der Verabschiedung des letzten „Rettungspaketes“ in Brüssel, das 13,5 Mrd. Euro umfasst. Von dieser Summe fließt nicht ein einziger Cent in das griechische Gesundheitssystem, dafür aber mehr als 80 Prozent zur Zinstilgung in die Tresore internationaler Banken.

Quelle: World Socialist Website

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