Ein Bericht aus Ierapetra – Feindbild Deutschland?

Autoren: Alf Meier und Stephanie Stauss / ARD Athen

Ierapetra ist die südlichste Stadt Europas. Im Sommer tummeln sich hier die Touristen, doch in den Wintermonaten sind die Einheimischen fast unter sich.

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Manos in Ierapetra - klick auf das Bild

Wir sind auf Kreta, eine Flugstunde von Athen entfernt. Griechenland, wie man es in den Medien seit Wochen nicht mehr gesehen hat: Durch die Euro-Krise sind solche Bilder fast in Vergessenheit geraten.

Jorgos Tomadakis ist hier im tiefen Süden geboren. Geheiratet hat der 52-Jährige aber eine Deutsche aus dem hohen Norden: Silke Braune stammt aus einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein.

Jorgos Tomadakis:
„Ich glaube trotzdem nicht, dass die Unterschiede zwischen uns so groß sind. Die Welt ist ja heute ein kleines Dorf; die Menschen sind ziemlich gleich und davon abgesehen, ist das hier ja keine Geschichte zwischen Europa und Asien. Wir sind ja beide Europäer. Wir verstehen uns gut.“

Das Nähen ist ein Hobby: Silke ist eigentlich Bauzeichnerin. Nach ihrem Studium in Deutschland arbeitete sie lange in einem Architekturbüro in Athen, schwenkte um, betrieb mit Jorgos ein italienisches Restaurant. Dann kam die Krise: Die Gäste blieben aus und innerhalb weniger Monate waren sie pleite. Deutschland, für beide keine Alternative. Also zogen sie nach Kreta, um hier noch einmal von vorne anzufangen.

Jorgos Tomadakis:
„Wir möchten hier etwas mit Kräutern und Oliven machen. Lokale Produkte zu pflanzen und exportieren, auch Ökotourismus hätte Potential.“

Silke und Jorgos auf dem Weg zu ihrem neuen Job: Die Olivenbäume müssen beschnitten werden. Über 600 stehen auf einem Grundstück von Jorgos Eltern. Jahrelang hat sich niemand um den Olivenhain gekümmert. Für das Ehepaar wird er jetzt zur Lebensgrundlage.

Jorgos Tomadakis:
„Wenn alles gut läuft, können wir vier bis fünf Tonnen hochwertiges Olivenöl produzieren.“

Ein gutes Geschäft, wenn sie es schaffen, das Öl selbst abzufüllen und zu exportieren. Auch Kräuter und Obstbäume könnten etwas Geld bringen, glauben Silke und Jorgos. Als sie nach Ierapetra kamen, hatten sie nur wenig Geld. Hilfe vom Staat gab es nicht. Verwandte und Nachbarn zeigten sich solidarisch. In Deutschland würde man das vielleicht schon Schwarzarbeit nennen.

Griechische Lebensfreude trotz wirtschaftlicher Depression: Es ist Tsiknopempti, der letzte Tag in der Faschingszeit, an dem Fleisch gegessen werden darf. In Ierapetra feiern sie bis tief in die Nacht. Zu dem traditionellen Fest ist jeder willkommen.

Jorgos Tomadakis:
„Die Leute hier sind leicht zugänglich. Es kommt nicht so darauf an, wer du bist oder woher du kommst. Es ist eine offene Gesellschaft.“

In Zeiten der Euro-Krise fällt es vielen Nordeuropäern schwer, Qualitäten anzuerkennen, die sich nicht kapitalisieren lassen. Das Leben im Süden wird oft als rückständig aufgefasst; poetisch ist es allenfalls im Sommerurlaub.
Dabei könnten vermutlich alle profitieren, wenn nur der Süden etwas nördlicher und der Norden etwas südlicher werden würde.

Quelle und hier geht es weiter: DasErste.de

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