Ein Kleinod auf Kreta: Sitia.

Wie berichtet hatten wir ja vor gut einem Jahr das Vergnügen, unser „Unwesen“ auch mal in Sitia, ganz im Nordosten der Insel, zu treiben. Anlass dafür war eine Reportage über ein Foodboom-Projekt, in dem es um extrafeines Olivenöl von Kreta (*) ging.

Bei der Olivenernte in Sitia.

Und wo könnte man das besser dokumentieren, als in Sitia und Umgebung, wo es sicherlich mit die besten Olivenöle der Insel gibt?

Wir haben in der wenigen freien Zeit das Städtchen selbst ein bisschen erkundet, haben uns aber auch hierfür im Reise-Know-How-Kreta-Führer schlau gemacht und wollen genau dieses Wissen mit Euch teilen – denn Sitia ist auf jeden Fall eine Reise und idealerweise einen mehrtägigen Aufenthalt wert! Aber macht Euch selbst ein Bild davon – wir helfen Euch ein bisschen dabei!:

Eine kleine Großstadt

Rund siebzig kurvige Kilometer von Agios Nikólaos entfernt liegt die östlichste „Großstadt“ Kretas: die etwa 8.000 Einwohner zählende Agrarmetropole Sitia (Σητεία). Auf hochgelegener Straße geht die malerische Fahrt von Agios Nikolaos durch die Ausläufer des Órno-Gebirges nach Sitía, das wie eine kleine grüne Oase inmitten einer kargen, ja wilden „Mondlandschaft“ liegt. Doch auch der Ostteil Kretas wird zunehmend vom Tourismus erobert bzw. heimgesucht, und vor allem entlang des Sandstrandes östlich des Städtchens ist ein regelrechter Bauboom ausgebrochen. Nicht immer schön….

Sitía bietet sich als idealer Ausgangspunkt für Ausflüge in den wunderschönen Osten der Insel an, z.B. an den Palmenstrand von Vai oder nach Paleokastro, Zákros oder Kato Zákros. Die Stadt ist das Versorgungszentrum des bäuerlichen Hinterlandes und die Landwirtschaft prägt, wie auch in der südlichen „Schwesterstadt“ Ierápetra, das Bild in Gestalt von Gemüse- und Obstanbau, Olivenplantagen und Weingärten. Der Tourismus steht hier (noch) an zweiter Stelle.

Sitia im Nordosten Kretas.

Auch wenn Sitía auf den ersten Blick keine besonderen Reize hat, sondern eher eine typisch griechische, geschäftig-laute Kleinstadt ist, hat andererseits die geographische Lage ihren Reiz. Auf verschiedenen Terrassen – vergleichbar einer Theatertribüne – breitet sich die Siedlung rund um den Hafen aus, der – um bei dem Bild zu bleiben – die Bühne bildet.

Die weiße Stadt

Man spricht auch von der „weißen“ Stadt, denn von fern präsentiert sie sich malerisch-proper, wie frisch getüncht. Wenn man in der Altstadt schmale Treppenaufgänge hochsteigt und durch die engen Gassen schlendert, eröffnen sich immer wieder schöne Ausblicke auf das alte Sitía und den Hafen. Im oberen Teil hat sich Sitía seinen dörflichen Charakter bewahrt, was angesichts der Tatsache, dass der Ort fast über Nacht zur „Stadt“ aufstieg, beachtlich ist.
Berühmt ist die Region vor allem wegen des exzellenten Olivenöls, aber auch wegen des Weines, z.B, der lokalen Rotweinsorte „Agrilos“. Den kann man ganz wunderbar während des jährlichen Weinfestes im August probieren und dabei die sehr gesangs- und tanztüchtigen Bewohner in Höchstform erleben. Dann versteht man auch, dass nur hier Vitzentzos Kornáros in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die berühmte kretisch-epische Volksdichtung „Erotókritos“ umsetzen konnte.

Ein wenig Geschichte

Sitía gehört zu den ältesten Siedlungen auf Kreta. Zahlreiche Funde aus der Stadt und ihrem Umkreis – u.a. aus Agia Fotia, Petrás oder Piskokéfalo – bezeugen über 3.500 Jahre Siedlungsgeschichte. Die minoischen Funde befinden sich großteils im archäologischen Museum von Agios Nikólaos. In der Antike war der Ort als „Eteia“ oder „Istis“ bekannt und galt als wichtige Hafenstadt an der Nordostküste. Als byzantinischer Bischofssitz wird Sitía im Jahr 731 erstmals in den Akten erwähnt und taucht 980 erneut in den Quellen auf. Um 1000 entstand ein byzantinisches Kastell, das die Genueser später erweiterten, das jedoch in der Folgezeit immer wieder durch Erdbeben und Seeräuberüberfälle zerstört wurde. Besonders die Erdbeben von 1303 und 1508 hatten verheerende Auswirkungen.

Um 1631 veranlassten die Venezianer groß angelegte Ausbaumaßnahmen. Sie nannten die Festung „Kazarma“ – eine Verballhornung des italienischen Namens „Casa di Arma“ (Haus der Waffen) – und den Ort „La Sitía“, so wie später auch der ganze Bezirk genannt wurde. Sitía sollte eine wichtige und große Küstenfestung werden, doch es blieb bei den hochtrabenden Plänen. Wegen türkischer Überfälle und Erdbeben im 17. Jahrhundert gaben 1651 die Venezianer die Festung und den Ort auf und schleiften die Anlage bis auf den heute noch stehenden markanten Befestigungsturm. Lange blieb Sitía eine Geisterstadt, und vom 16. bis zum 18. Jahrhundert hatte der Ort kaum eine Bedeutung, nur wenige Menschen lebten damals hier. Vergessen war jene kurze Blütezeit in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts mit Dichtern wie besagtem Vitzentzos Kornáros.

1870 erwachte das Dorf plötzlich wieder aus seinem Dornröschenschlaf. Die Türken reanimierten den Ort und nannten ihn „Avnié“, nach Avnie Pascha, dem Städteplaner. Dieser wollte auf den Resten der alten Siedlung eine moderne Musterstadt entstehen lassen, die jedoch wegen dem Ende der türkischen Besatzungszeit 1898 nie vollendet wurde. Heute sind zwar kaum noch türkische Bauten erhalten, aber das geschlossene Stadtbild erinnert noch ein wenig an die Ideen des türkischen Städteplaners.

Ein Denkmal in Sitia.

Im 2. Weltkrieg blieb der Ort unbeschadet, lag er doch zu weit weg vom Geschehen. Nicht einmal deutsche Truppen waren hier stationiert, nur Italiener besetzten kurzzeitig die Region.

Sitia „modern“

Im Südosten und Osten der Stadt ist ein neuer und vielversprechender Wirtschaftszweig unübersehbar: Windparks. Das kann man nun gut finden, muss man aber nicht – denn „schön“ ist ja nun mal anders…. Auch werden viele Straßen erneuert und einige Bauprojekte entstehen. Trotz steigender Besucherzahlen hat Sitía dennoch seinen Charakter bewahrt und als wichtige Agrarzentrum (noch) kaum Konzessionen an den Tourismus gemacht.

Ausser den Windparks gibt es auch noch ein großes Projekt für eine Solarthermie-Anlage ganz in der Nähe – Freund Prof.Dr. Dieter Otten arbeitet seit Jahren daran. Potenzial ist da, Sinnhaftigkeit ist all dem ebensowenig abzusprechen – mal schauen, wie es mit dem Willen der Politiker und der Bevölkerung so aussieht. 

Radio Kreta – kreuz und quer über die Insel. 

(*) Und hier gibt es mehr Informationen zur Olivenernte und der professionellen Verkostung des extrafeinen Sitia-Öls.

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