Ein Portrait: Die Gummersbacher Griechen

Autor und Quelle: Karin Grunewald, Bergischer Bote

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Im Café am „Gummersbacher Platz“in Afandou treffen sich Griechen wie Touristen. Eine Marmorsäule trägt die Inschrift zur Freundschaft der Städte und die Flaggen von Afandou, Gummersbach und der EU.

Die Gummersbacher Griechen

Afandou auf der Insel Rhodos ist mehr als „nur“ Partnerstadt von Gummersbach, denn einst lebte jeder zweite Einwohner des griechischen Dorfes im Bergischen. Fast alle kehrten zurück in die Heimat, doch jetzt ist die Krise in ihr Paradies eingefallen. Der Bergische Bote hat Afandou besucht – Auftakt einer neuen Serie über die Städtepartnerschaften der bergischen Kommunen.

Bei meiner Ankunft war es kalt, und ich trug kurze Hosen und Gummistiefel. Ich war zwölf Jahre alt“, sagt Ioannis Moschous. Es war das Jahr 1961. Zwei Jahre zuvor waren sein Vater und zwei weitere Männer von Afandou nach Gummersbach aufgebrochen. „Die Frauen weinten und winkten am Hafen mit Tüchern“, erzählt Ioannis von jenem Tag, an dem sein Vater mit einem kleinen Koffer in der Hand aufbrach, weil es zu Hause keine Arbeit gab.

Einen Tag nach ihrer Ankunft in Gummersbach standen die drei Männer in der Gießerei der Kesselfabrik Steinmüller. Sie hatten ein Zimmer mit Matratzen zum Schlafen, sie hatten Arbeit, und sie bekamen Geld dafür. Das reichte, um den Verwandten und Freunden im fernen Rhodos von ihrem Glück zu berichten, und jenen reichte es, um ihrerseits die Koffer zu packen. Fast 1000 von ihnen kamen in den 60er-Jahren nach Gummersbach – damals das halbe Dorf. Für immer geblieben sind nur wenige Familien, die meisten kehrten zurück nach Afandou.

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Alltag und Träume vom Glück im Gummersbach der 60er Jahre

Was ist aus ihnen geworden? Wie lebt es sich im heute 6000-Seelenort Afandou, das 2001 als i-Tüpfelchen auf die Beziehungen eine offizielle Städtepartnerschaft mit Gummersbach einging? Und wie sieht die „Krise“ aus, wenn man sie nicht vor dem Fernseher, sondern in den Straßen eines griechischen Dorfes erlebt? Ende April mache ich mich auf den Weg, um es herauszufinden. „Es geht nicht um die Urkunde, es geht um die Menschen“, hatte mir Gummersbachs Bürgermeister Frank Helmenstein noch mit auf den Weg gegeben.

Über Gummersbacher Kontakte hatte ich ein paar Emails nach Rhodos geschickt. Die letzte Antwort-Mail lautete: „Wir warten auf dich in Afandou Platz.“ Dazu zwei Handynummern. Nicht gerade viel, dachte ich noch im Flieger. Ich parke den Mietwagen im lebhaften Ortskern und wähle eine der Nummern. Keine fünf Minuten später sitze ich im „Café Gummersbach“ von Nikos Simiakos an einen Tisch voller Menschen, die sich darin überbieten, mir helfen zu wollen. Eine Unterkunft haben sie organisiert und sie sprudeln vor Ideen, was ich sehen und mit wem ich sprechen solle. Ein Sprung ins warme Wasser der griechischen Gastfreundschaft.

Mein Terminkalender wird in dieser Woche weitestgehen ungenutzt bleiben. Erfolgversprechender ist es hier zu telefonieren und sich kurz darauf zu treffen. Sonst telefoniert man eben nochmal. Oder nochmal. Was die Griechen gemacht haben, als es noch keine Handys gab, bleibt mir verschlossen, aber ihr „Management by Zuruf“ funktioniert verblüffend zuverlässig.

Panagiotis Diakou, der Direktor der Grundschule Afandou und seine Frau Dominique zeigen mir die Insel, und in kleinen Tavernen sprechen wir Stunden über Gummersbach, Afandou und das Leben. Panagiotis erzählt von seinem Vater, der Schäfer war und auch im Gummersbacher Garten eine kleine Herde hielt. Er erzählt, wie die ersten Einwanderer eine Biene nachahmten, wenn sie Honig kaufen wollten und ein Huhn, wenn sie Eier brauchten. Und er erzählt von seinem Freund in Gummersbach, der nach langer Zeit wieder anrief. „Die Krise war da und er fragte, ob er helfen könne“, sagt Panagiotis. „Das hat mich wirklich bewegt.“ Dominique erzählt von dem Besuch mit Afandou-Kindern im Gummersbacher Zirkuscamp, einer der Veranstaltungen im Rahmen der Städtepartnerschaft. „Die Kinder haben realisiert, dass sie zu Europa gehören“, sagt sie. „Sie sahen nicht mehr mit den gleichen Augen.“

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Zerbrechlicher Reichtum im 100-jährigen Haus

In Afandou wirkt „Gummersbach“ ein bisschen wie ein Zauberwort. Es lässt die Menschen lächeln, freundlich nicken und ihre Sprache auf Deutsch umstellen. Manche sprechen nur ein paar Wörter, viele fließend, manche völlig ohne Akzent. Hier alleine zu sein, ist kaum möglich. Beim Fotografieren spricht mich Giorgos an, den sie den Erfinder nennen, und der mir bei diversen Kaffee die Geschichte Afandous von Zeus bis heute erzählt. Dann greift er sich an die Brust und sagt: „Wir Griechen haben ein warmes Herz.“ Ich treffe „Papa Ouzo“ im Café Gummersbach, der mit seinen 90 Jahren immer noch abends für Touristen tanzt, und bitte ihn um ein Foto. Gern, aber nicht ohne meine Tracht, meint er und macht sich extra für mein Foto auf den Weg zum Umziehen. Ich lerne die Deutsche Karola Karanikolas kennen, die seit 37 Jahren mit einem Griechen verheiratet. Sich mit erlernter deutscher Effizienz und Ungeduld einzugliedern, sei nicht immer einfach, aber das griechische Miteinander wiege für sie alles auf. „Hier ist niemand allein“, sagt sie. „Als unser Container ankam, haben 20 Leute beim Umzug geholfen – wir kannten keinen.“ Ich treffe Corinna Engel, die in Köln Krankenschwester war, sich hier in einen Barkeeper verliebte und heute mit ihm und zwei Kindern in Afandou lebt und arbeitet, und auch Bernd Schulzki, der mit seiner Frau Renate schon vor vielen Jahren von Reichshof nach Afandou auswanderte.

Bei all dem Reden tut es gut, einmal nur zu schauen – auf die großartige Stadt Lindos zum Beispiel – oder zu hören. Die griechische Musik zum Beispiel, die Panagiotis und Dominique mitsingen, ob im Auto oder in der Taverne. „Es sind einfache Worte“, sagt Panagiotis, „aber sie drücken viel aus.“ Selbst ohne die Worte genau zu verstehen, weiß ich, was er meint.

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Lindos: Kultur, Geschichte und Einkaufsbummel

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Romantisch: Die Therme von Kallithea

Panagiotis öffnet mir eine weitere Tür. Die zum Haus seiner Großeltern. Sie sind seit 20 Jahren tot, das Haus unbewohnt, aber Cousine Katerina kommt regelmäßig zum Abstauben. Von außen unscheinbar purzele ich beim Eintritt durch die alte Holztür in eine andere Zeit. Rund 100 Jahre alt ist das Haus. Ein Zimmer, eine Truhe für Korn, ein Podest mit Kamin, auf dem gekocht, gegessen und geschlafen wurde. Katarina ist auf diesem Podest geboren. Die Familie aß gemeinsam aus einer Schüssel, während die vielen Porzellanteller an der Wand darüber ein Symbol für Wohlstand waren. Der Großvater war Schäfer, die Großmutter züchtete Seidenraupen und webte und stickte beim Schein der Öllampe.

Draußen scheint hell die Sonne. Wie jeden Tag. Doch eitel Sonnenschein herrscht nicht. „Die Unsichtbare“ heißt Afandou übersetzt, weil sie hinter einer Anhöhe vom Meer aus nicht sichtbar angelegt wurde. Vor den Piraten konnten sie sich so schützen, aber gegen die Wucht der Krise hat alles Verstecken nicht genutzt. Ein kleiner Einblick für alle, die in einem Land leben, in dem über Betreuungsgeld für nicht arbeitende Mütter diskutiert wird: Ein griechischer Lehrer, der neu anfängt, verdient derzeit knapp 700 Euro netto, ein Schulleiter bis letztes Jahr etwa 1.600 Euro. Seither sind es gut 30 Prozent weniger. Viele Angestellte der Hotels arbeiten jetzt Anfang Mai noch ohne Verträge. Sie wissen nicht, was sie verdienen werden, obwohl sie jeden Tag zur Arbeit gehen. Giorgos Vasilarakis ist einer von ihnen. „Im Moment warten noch 3.500 Hotelangestellte auf einen Anruf, um anzufangen. Ich schätze, dass nur die Hälfte das Glück haben wird“, sagt er. Das Arbeitslosengeld liegt bei 350 Euro für maximal ein Jahr. „Wir haben offiziell 22 Prozent Arbeitslosigkeit“, sagt Hotelmanager Christos Papanikolas, „aber ich weiß nicht ob die, die kein Arbeitslosengeld mehr bekommen, überhaupt registriert sind.“ Eine Rente von 500 Euro gilt derzeit als hoch. „Wenn sie es nicht schaffen, die Rentenkassen zusammenzulegen, werden einige von ihnen schon im Sommer nicht mehr zahlen können“, sagt Dominique und fasst sich an den Nacken. Sie hat seit Wochen Schmerzen, die sie nicht schlafen lassen. Ihre Krankenversicherung gab ihr eine Liste mit 25 Ärzten, die sie besuchen darf. „Alle anderen müssen voll bezahlt werden“, sagt sie. Ein einziger Physiotherapeut auf der ganzen Insel steht auf der Liste.

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Kräuter wachsen und trocknen vor den Häusern

Das Sparprogramm hat die Griechen überrollt wie ein Tsunami. „Das kann keiner schaffen“, sagt Ioannis Koumnakis, der einen Baustoffhandel hat. Nur baut niemand mehr. Vielmehr müssen Häuser verkauft werden, doch es kauft sie auch niemand. Kredite sind praktisch nicht zu bekommen. Der Liter Benzin kostet 1,90 Euro, Lidl ist teurer als bei uns, und der Mehrwertsteuersatz mit 23 Prozent der höchste in der EU. Ioannis Frau Anastasia zeigt auf einen Stapel Rechnungen. Wasser teurer, Strom teurer, 600 Euro Gebäudesteuer – zweimal im Jahr und eingezogen über die Stromrechnung. Keine Steuer, kein Strom. Wie bei der alten Dame im Dorf mit 220 Euro Rente. Der Nachbar hat ihr jetzt einen Abzweig von seiner Stromleitung ins Haus gelegt. In Athen, so sagen sie, sei alles noch viel schlimmer, weil die Gemeinschaft in der Großstadt nicht so auffangen könne wie hier im gewachsenen Inseldorf.

„Man kann nicht in drei Monaten alles aufholen, was man über Jahre versäumt hat“, sagt Christos. Sie haben ihre Politiker gewählt, aber sie hatten einfach keine besseren. Und nun sind sie wütend auf sie. Sehr wütend. „Sie sind da nur für ihren Stuhl, damit sie selbst immer reicher werden. Aber die Menschen? Nein!“, schimpft Anastasia. Positive Perspektiven? Keine. Schon im Juni stehen die nächsten Kürzungen an. Wählen wollen sie die alten Politiker nicht mehr.

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„Papa Ouzo“ tanzt auch mit 90 noch für Touristen

Ich versuche mir vorzustellen, unsere Bundeskanzlerin würde im Café Gummersbach sitzen und an meiner statt die Fragen der Menschen beantworten. Zum Beispiel, was in Deutschland los wäre, wenn – wie hier – die Staatsausgaben innerhalb von zwei Jahren um 17 Prozent gesenkt würden, wie sich Wirtschaft und Steuereinnahmen erholen sollen, wenn niemand mehr Geld verdient, und warum sie „die Griechen“ für faul hält.

Sie könnte sich mit Fani Nikolis unterhalten, der sieben Tage die Woche von morgens neun bis abends elf in seinem Lederwarenladen steht. „Von Sonne und Meer kann ich nicht leben“, sagt er. Oder mit Panagiotis, der parallel zum Lehrerjob in Hotels und auf dem Bau arbeitete und eine Autovermietung aufmachte. „Ich habe 18 Stunden am Tag gearbeitet“, würde er ihr erzählen. Oder mit Christos, der ihr erklären würde: „Eltern nehmen manchmal zwei oder drei Jobs an, um den Kindern das Studium zu ermöglichen.“ Doch die Kanzlerin wird nicht kommen, denn Berlin hat zwar Partnerschaften mit Los Angeles und Brüssel, aber nicht mit Afandou. Überhaupt gibt es nur etwa 40 Kommunen in Deutschland mit griechischen Partnerstädten; mit Frankreich über 2000.

So verpasst die Kanzlerin die Chance zu verstehen, was ihr Sparpaket für die Menschen bedeutet. Für diese geht es um die blanke Existenz. Daneben geht es auch noch um so etwas wie politisches und menschliches Fingerspitzengefühl, ohne das eine Gemeinschaft sich nicht als Gemeinschaft fühlen kann. Hier aber kommen von der deutschen Politik nur ein unerbittlich pressender Daumen und ein hoch erhobener Zeigefinger an. Dazu Häme und Spott der Presse. Der viel zitierte verletzte Stolz ist dafür das falsche Wort. Eher trifft es das Wort Würde. Jene Würde, die im deutschen Grundgesetz in Paragraph 1 als „unantastbar“ verankert ist. Die Griechen fühlen sich übergangen, beschuldigt, entmündigt. Selbst, was sie wählen sollen, scheint ihnen Deutschland vorschreiben zu wollen. Doch was bleibt dann noch außer Ohnmacht?

Die Spirale, die folgt, ist für die Menschen im vom Tourismus abhängigen Afandou fatal. „Als ich gesehen habe, wie sie in Athen die deutsche Fahne verbrennen, bin ich unglaublich wütend geworden“, sagt Tassos Spanos, der ein kleines Hotel in Afandou besitzt. „Die Fotos sind immer aus der gleichen Straße in Athen“, sagt Dominique. Ihr Sohn studiert dort und er habe nichts mitbekommen. Doch deutsche Touristen nehmen die Presseberichte so selektiv wahr wie sie sind. 30 bis 40 Prozent weniger werden für dieses Jahr prognostiziert. Eine weitere Katastrophe für die Menschen hier. Zwar haben auch auf Rhodos schon Taxifahrer gestreikt, aber, erzählt Tassos, „die Hotels haben die Gäste mit privaten Autos abgeholt. Es blieb niemand stehen.“ Ich glaube ihm. Im spontanen Organisieren sind sie einfach gut.

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Kleiner Hafen von Kolymbia bei Afandou

Gut informiert sind sie auch. Sie wissen, dass ihr Land letztes Jahr 400 Millionen Euro Zinsen für den Hilfskredit zahlte, den sich Deutschland selbst quasi zum Nulltarif leihen konnte. Sie wissen, dass die griechische Politik und Verwaltung so dringend einer Reform bedarf wie die Korruption der Eindämmung. Aber sie wissen auch, dass sich deutsche Politiker nur durch eigenes Handzeichen ihre Diäten und Renten erhöhen, sie lesen von Doktortiteln und Bundespräsidenten und wer in Gummersbach war, kennt den Begriff des Kölschen Klüngels. Eigene Schuld weisen sie nicht zurück, aber fremden Hochmut und Besserwisserei.

Ich setze mich zu Vasilis in seine Taverne gleich gegenüber dem Rathaus. „Absolutes Halteverbot“, sagt er und zeigt dorthin, wo die Rathaus-Angestellten ihre Autos in Zweierreihen geparkt haben. „Das ist nicht die Schuld der Deutschen. Wir müssen auch unsere Mentalität ändern und begreifen, dass wir ein Teil des Problems sind. Wir brauchen mehr Verantwortungsgefühl und Integrität.“ Dann sprudelt er vor Ideen, wie sich mit dem Tourismus mehr als nur fünf Monate Geld verdienen ließe. „Kreativer, professioneller, effizienter“, sagt er. Ich frage ihn, warum er nicht in die Politik ginge. „Im Moment wollen sie solche nicht, die reden wie ich, aber die Zeit wird kommen und dann geh ich“, sagt er und nickt mit dem Kinn Richtung Rathaus.

In der Grundschule 100 Meter weiter ist gerade Pause und sofort umringt mich eine Traube fröhlicher Kinder. Die zwölfjährige Danae fragt mich in gutem Englisch, wer ich bin, woher ich komme und ob ich ein Foto von ihnen machen könne. Es werden viele Fotos und mein Notizbuch füllt sich mit in kindlicher Handschrift eingetragenen Email-Adressen. „Ich will Sängerin werden“, erzählt Danae, „und meine beste Freundin Katerina wird meine Managerin.“ Zum Abschied pflückt sie eine Hibiskusblüte und schenkt sie mir. Ich schaue noch im Klassenraum vorbei, in dem Panagiotis gerade Unterricht gibt. „Es geht um Freundschaft“, erklärt er. „Wir haben Religion, aber ich mache keine Religion. Ich habe gerade erklärt, dass man Freundschaft erkennt, wenn man in Schwierigkeiten ist.“

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Vom letzten Geld wird die Grundschule renoviert

Am Abend treffe ich mich mit Panormitis Bakiris und seinen Freunden im Café Gummersbach. Es wird zehn Uhr bis alle da sind. Viele arbeiten bis die Touristen fertig sind mit Essen. „Ich mag alle Deutschen, nur nicht Merkel“, begrüßt mich Michalis, über den seine Freunde sagen, er sei einst der beste Fußballer von Rhodos gewesen. Dann lacht er schallend. In einem Mix aus Deutsch, Englisch und Griechisch reden sie wort- und gestenreich über Fußball, Politik und das, was sie sonst noch bewegt. Die Flüchtlinge aus Asien und Afrika zum Beispiel. Drei Millionen sind es, die über die griechische Grenze in die EU kamen – bei elf Millionen Einwohnern. Manche arbeiten auf Rhodos illegal, für zehn Euro am Tag. „Wir sind keine Rassisten“, sagt Panormitis. „Leider gibt es aber schon für uns keine Arbeit. Das ist nicht lustig.“

Nicht nur lustig finden sie auch das Thema All-Inclusive-Hotels. „Viele Geschäfte und Tavernen mussten zumachen. Das Leben in den Orten hat sich verändert“, sagt Panormitis. Immer mehr Urlauber sehen in Rhodos ausschließlich Strand, Pool und Hotel-Restaurant. Im Ort konsumieren sie kaum, vielleicht ein paar Postkarten oder einen „I love Rhodos“-Anhänger. Fern vom Land und dessen großartiger Kultur verspeisen sie ihren „Greek salad“, der mit Balsamico-Essig und Rucola höchstens noch ein entfernter Verwandter desselben ist.

Griechisch essen geht anders. Die obligatorische Plastikdecke wird am Gummizug festgemacht und das Essen kommt in die Mitte. Einzelbestellungen gibt es nicht. Sie schieben mir die Teller hin, reden, lachen und schenken Souma ein, einen auf Rhodos hergestellten Schnaps mit besorgniserregendem Alkoholgehalt. „Aber man merkt nichts am nächsten Tag“, verspricht Panormitis. An jenem nächsten Tag soll ich zum Fußballstadion kommen und mir das Spiel der „Veteranoi“ ansehen. Am Morgen treffe ich Panormitis Vater und frage schon mal nach dem Weg. Er erklärt ihn mir nicht, er steigt auf sein Moped und fährt mich hin.

„Philoxenia“, die Gastfreundschaft ist tief verwurzelt in der griechischen Geschichte und Kultur, und hier in Afandou ist sie ist ohne jeden Zweifel weit mehr als nur ein Wort. Genau wie jenes „Carpe diem“ – lebe den Tag, das sich die Deutschen als Leitspruch an den Kühlschrank pappen, aber selten realisieren können. Der römischen Dichter Horaz hat den Spruch übrigens vom Griechen Epikur, der schon 400 Jahre früher über den Weg zu individuellem Glück und Seelenheil philosophierte. Ob es nun an den Philosophen, den Genen, dem „warmen Herz“ oder dem warmen Wetter liegt: Touristen, die auf Gespräche mit den Griechen über die Krise verzichten, werden sie zu Hause als glückliche Menschen beschreiben. Afandou lebt, Kommunikation ist allgegenwärtig und es wird deutlich mehr gelacht als bei uns. „Was wäre das, wenn wir nichts mehr zu lachen hätten!“, sagt Ioannis Koumnakis, und auch darüber lacht er wieder. Für die Schwermut darin muss man zweimal hinhören.

Am letzten Tag zeigt der Musiker Giorgos Chatziantonis mir Rhodos Stadt, führt mich zum „Europäischen Haus“, in dem Ehrenamtler EU-Projekte zur Völkerverständigung organisieren, schleust mich durch Gassen und durch Türen. „Haben Sie einen Tisch bestellt?“, werden wir in einer halbleeren Taverne gefragt und der Besitzer lacht über seinen gelungenen Witz über die deutsche Mentalität. Dann gibt er eine Flasche Retsina aus. Wir trinken und reden über die Möglichkeiten, der Städtepartnerschaft auf privater und Vereinsebene mehr Leben zu geben, denn Afandou ist in der Krise und Gummersbach im Nothaushalt. Hier wie dort kein Geld für die Völkerverständigung.

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3 Kommentare

  1. Sehr guter Bericht!

    Ich kann alles bestätigen! Nach 6 erfolgreich geführten Reisegruppen in 2013 kann ich nur sagen: „Leute kommt nach Griechenland und schaut Euch selber das Land an!“

    Griechenland ist weiterhin ein sicheres Land und wir sind (nicht nur) als Gäste willkommen!

    Man kann Griechenland weiterhin lieben.

    Aber kritisch und hilfreich…

  2. Danke Jörg für den tollen Artikel und Danke auch an die Autorin: Karin Grunewald.
    DAS sollten die Merkel-Fans und die schwarz-gelben Politiker, allen voran die CSU, lesen.
    Alles Liebe,
    Katja & Wolfgang

  3. Kann vielen Punkten zustimmen.
    War gerade im August auf Rhodos, „natürlich“ auch in Afandou, ohne jedoch selber aus Gummersbach zu kommen.
    Wie an vielen Orten (nicht nur Griechenlands) existiert etwas abseits der (touristischen) Abzockerei ein ganz anderes Leben, sehr viel natürlicher und ehrlicher.

    Die insbesondere von der deutlichen Presse forcierte Hetzerei wirft ein vollkommen falschen Licht auf dieses schöne Land. Nirgendwo gab es Anfeindungen, ruhigen Gewissens kann man auf die Frage nach der Herkunft „Deutschland“ sagen, wird freundlich aufgenommen, angenehme Gespräche und mehr.

    Bedauerlicherweise müssen alle Griechen das ausbaden, was Generationen von deren gewählten Politikern falsch gemacht haben.
    Diesbezüglich hat jedoch niemand, weder Deutschland noch andere Länder, das Recht, den Finger zu erheben. Die Leistungen der Politik lassen in allen Ländern sehr zu wünschen übrig.

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