„Ein quietschgelber Chardonnay mit rosa Tupfen“

Der Weinmaler

„Ein quietschgelber Chardonnay mit rosa Tupfen“

„Harmonisch im Abgang“? Mit einer „Note von Orangenschale“? Wein-Beschreibungen sind oft eher komisch als treffend. Sensorikexperte Martin Darting malt stattdessen Bilder. Im Interview erklärt er, warum ein gelbes Gewuschel mit rosa Klecksen mehr über ein Aroma sagt als tausend Adjektive.

Frage: Herr Darting, ich sehe hier ein abstraktes Bild mit rosa und roten ineinanderlaufenden Farbflecken, zwischendrin ein wenig Blau. Sieht hübsch aus, aber was um alles in der Welt hat das mit Wein zu tun?

Darting: Generell hat es etwas mit Riechen und Schmecken zu tun. Wir können Geruch und Geschmack problemlos visualisieren. Worte können nicht das vermitteln, was Formen und Farben können. Und das ist bei den Menschen erstaunlich einheitlich. An welche Farbe denken Sie, wenn Sie an etwas Süßes denken?

Frage: Rosa.

Darting: Und etwas Saures?

Frage: Ein grünliches Gelb, würde ich sagen.

Darting: Frisch, salzig-mineralisch?

Frage: Am ehesten Blau.

Darting: Sehen Sie: So antworten 98 Prozent der Leute, die im westlichen Kulturkontext aufgewachsen sind. Ich selbst bin Synästhetiker. Ich habe konkrete Farbeindrücke, wenn ich etwas schmecke. Aber das, was ich sehe, scheint sehr kompatibel zu sein mit dem, was die Mehrheit der Leute empfindet. Auf den Bildern setze ich diese Eindrücke um. Ich bin kein Künstler. Ich dokumentiere Inhaltsstoffe. Alles, was riech- und schmeckbar ist, kann man damit darstellen.

Frage: Und wie sieht das konkret aus?

Darting: Oben links auf dem Bild sieht man, wie die Weine riechen, nach unten rechts kommt dann der Geschmack, die zeitliche Reihenfolge der Empfindungen ist von links oben nach rechts unten dargestellt. Je größer das Bild ist, desto intensiver ist der Geruch, je stärker die Farbe ist, desto intensiver erleben Sie den Geschmack. Die Art der Pigmentierung stellt das Mundgefühl dar: Spitz oder rund.

Frage: In der Welt des Weines ist ja sonst ein eher, nun ja: lyrischer Zugang üblich. Man liest in Verkostungsnotizen von „langen Abgängen“ oder „Orangenschale in der Nase mit einem Gruß von Apfel“.

Darting: Bei einer normalen Verkostung wird nicht bedacht, dass Riechen und Schmecken holistisch sind. Das Geschmacks- und Geruchserlebnis findet immer auf einmal statt, das teilt sich nicht in Einzelsequenzen auf. Beim Bild ist das auch so. Bei Texten nicht: Da kommt ein Wort nach dem anderen. Deshalb ist der Informationsgehalt eines solchen Bildes um ein Vielfaches größer als der eines Textes. Bilder sind in diesem Zusammenhang ein wesentlich exakteres Medium als Sprache.

Frage: Wie haben Sie das herausgefunden?

Darting: Ich mache seit vielen Jahren Weinseminare. Die Leute kommen und lassen sich erklären, wie der Wein schmeckt. Die sprachlichen Beschreibungen sind aber immer schwierig nachzuvollziehen. Da habe ich angefangen, mit den Leuten neue Wege zu gehen. Wir haben Kurven gemalt, die die Intensität des Geschmacks im Verlauf darstellen sollten. Die waren dann sehr ähnlich. Die habe ich dann gekoppelt mit Farben und Formen. Und da kommen wir locker auf einen Wiedererkennungs- und Übereinstimmungswert von 80 Prozent. Bei einem Text sind es nur 20 Prozent. Das ist schlechter als Raten.

Frage: Und wie erzeugen Sie die Bilder?

Darting: Am Anfang steht eine chemische Analyse des Weins: Säure, ph-Wert, Süße, Alkohol und Tanningehalt. Dann kommt eine PAR-Analyse (siehe Kasten in der Spalte), die darauf eingeht, welche Aromen enthalten sind. Daraus ergibt sich eine Profilkurve. Manche Weine haben zwar viel Säure, schmecken aber nicht sauer, weil sie auch viele Mineralstoffe haben, die die Säure puffern. Dann wird gerochen und geschmeckt, und dann male ich das Bild auf Grundlage der Kurve. Zur Zeit forscht eine Gruppe von Studenten daran, wie man diesen Prozess auch per Computer umsetzen kann.

Frage: Wofür setzen Sie die fertigen Bilder ein?

Darting: Ich habe bis vor einigen Jahren selbst eine Vinothek gehabt und mit den Bildern Leute beim Weinkauf beraten. Die Bilder, die ihnen gefielen, gehörten immer zu den Weinen, die ihnen dann ausgezeichnet schmeckten. Das kann man auch in der Etikettengestaltung einsetzen, um ein riechbares Produkt gleich so darzustellen, dass es die richtigen Leute anspricht. Das ist keine Frage von Nachdenken. Die Kaufentscheidung hängt schließlich maßgeblich an der Verpackung.

Frage: Wie kommt es, dass Geschmacksempfindungen an Farben gekoppelt sind?

Darting: Wir sind wahrscheinlich alle Synästhetiker, von Geburt an – das verliert sich erst mit der zunehmenden Fähigkeit zur Differenzierung. Aber wir alle haben noch Zugang zu diesen ursprünglichen Erfahrungen. Die meisten Menschen sind bildhafte Synästhetiker, aber rund ein Fünftel ist eher auditiv und assoziiiert Geschmacksempfindungen mit Klängen, etwa einen sauren Geschmack mit einer Triangel und einen schweren Rotwein mit einem Kontrabass.

Frage: Wie lässt sich das zunutze machen?

Darting: Wenn Sie etwa eine Riesling-Weinprobe machen, ist es eine gute Idee, einen Raum gelbgrün auszuleuchten und dazu vielleicht ein Flötenkonzert zu spielen. Dann wird das Aroma zum gesamtsinnlichen Erlebnis. Manche Leute lassen sich auch ihren Lieblingswein malen, weil der Eindruck so noch sehr lang erhalten bleibt. Ich mache auch Beratungen etwa für Winzer und gestalte Räume, die zu den Weinen passen. Das läuft dann alles selbsterklärend – wenn die Farben stimmen, gehen die Leute von selbst in die richtige Ecke.

Das Interview führte Maren Hoffmann, Online-Redakteurin beim manager magazin. Dort erschien ihr Beitrag zuerst.

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