Erzbischof von Kreta: Perspektivenlosigkeit ist am schlimmsten

Oberhaupt der halbautonomen orthodoxen Kirche von Kreta, Irenaois, über aktuelle gesellschaftspolitische Lage Griechenlands

21.06.2013. Athen (KAP). Das Schlimmste an der Krise in Griechenland ist nicht einzig materielle Not, sondern eine um sich greifende Perspektivenlosigkeit, die den Möglichkeitshorizont und die Zukunftsfähigkeit von Gesellschaft und Individuen lähmt. Das hat das Oberhaupt der halbautonomen orthodoxen Kirche von Kreta, Erzbischof Irenaois, im Gespräch mit dem orthodoxen Metropoliten von Austria, Arsenios (Kardamakis), und einer österreichischen Journalistengruppe in Heraklion betont. „Armut und materielle Entbehrungen kannten die Griechen auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Neu ist das Fehlen von Orientierung und Zielgerichtetheit im Handeln, woran gerade viele junge Menschen zerbrechen“, so der Erzbischof wörtlich.

Die Krise nehme den Menschen nicht bloß Arbeitsplätze, Einkommensniveau und Lebensstandard; sie verneble vor allem die Sicht, wofür es sich einzusetzen, zu arbeiten und zu entbehren lohne, und damit begrabe sie die Zuversicht. Erzbischof Irenaios: „In den harten Kriegs- und Nachkriegszeiten gab die Eindeutigkeit zu wissen, wer auf der anderen Seite stand, Halt und Orientierung. Die Menschen kämpften für ihre Freiheit und Selbstbestimmung, besaßen zwar nichts und wurden doch in den allerwenigsten Fällen in Depression und Selbstmord getrieben.“ Die gegenwärtige Krise habe hingegen die Selbstmordrate deutlich ansteigen lassen und vielen Menschen den Glauben an eine Zukunft genommen.

„Andere sehen einen Ausweg in der Emigration des Landes. Wirklich Sorge bereiten mir die vielen jungen Menschen, die in eine Handlungs- und Zukunftsstarre verharren“, so der Erzbischof von Kreta.

Die Mittel der Kirche für finanzielle Hilfestellungen seien zwar bescheiden, aber die Kirche lasse niemanden alleine: „Wir gehen offen auf die Notleidenden zu, versuchen Zuversicht und Trost zu geben.“ Der orthodoxen Kirche gehe es nie um politische Beeinflussung der Menschen, und dennoch erfülle sie eine unersetzliche gesellschaftspolitische Funktion: „Ohne die Kirche gebe es niemanden, der den Zusammenhalt der Gesellschaft leisten könnte“. Seit Ausbruch der Krise würden sich wieder mehr Menschen zur Kirche hinwenden.

Kirche nicht „Trittbrettfahrerin“ der Krise

Diese wachsende Hinwendung zur Religion dürfe jedoch nicht als Nutznießung seitens der Kirche ausgelegt werden, wie der kretische Metropolit Nektarios von Neapolos gegenüber den österreichischen Journalisten zu bedenken gab: „Die Kirche freut sich nie an Lebensdramen und existenziellen Nöten, die Krise ist nicht ihr Trittbrett zur Befriedigung eskapistischer Trostbedürfnisse“.

Er interpretierte die Krise auch als möglichen Zeigestab für einen positiven Blick auf die Geschichte: „Die Krise zeigt uns die Geschichte als Lehrmeisterin der Hoffnung und zugleich als Lehrmeisterin zur Vermeidung vergangener Fehltritte. Die Griechen haben auch schon ganz andere Schwierigkeiten bewältigt“.

Selbst in solchen Schwierigkeiten einen Segen zu erblicken heiße, die Zusammengehörigkeit von Kreuz und Auferstehung zu erfahren, so der Metropolit. Die „Vergötzung der Ökonomie zu einem Altar mit ausgestellten Götzen“ sei in der Tiefenschicht der aktuellen gesellschaftlichen Probleme zu finden, betonte Metropolit Nektarios.

Die ökonomischen, politischen und sozialen Erosionen in Griechenland seien auch auf dessen spezifische geopolitische Lage am „Kreuzungspunkt dreier Kontinente“ zurückzuführen, wobei der globale Kampf um Rohstoffe und Ressourcen wie Öl und Gas ebenso eine Rolle spielen würden wie die räumliche Nähe zu den Ländern des „Arabischen Frühlings“. Demgegenüber müsse Europa auf einem neuen Fundament aufgebaut werden, das sich aus den Säulen von Religion, Kultur, Sprache und Traditionsbewusstsein konstituiere, so Nektarios.

Quelle: Kathweb.at

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