Exot beim Weltwirtschaftsforum: Der letzte Grieche

Aus Davos berichten David Böcking und Stefan Kaiser, SPIEGEL ONLINE

Seit 20 Jahren kommt Dimitris Papalexopoulos zum Weltwirtschaftsforum in Davos, heute ist er dort der einzige griechische Unternehmer. Der Chef einer angeschlagenen Zementfirma sucht in den Alpen keinen Glamour – sondern eine Perspektive für sein Land.

Dimitris Papalexopoulos: Chef der griechischen Firma Titan Cement
Dimitris Papalexopoulos: Chef der griechischen Firma Titan Cement

Eigentlich sollte Dimitris Papalexopoulos gar nicht hier sein. Immerhin leitet er ein Unternehmen, dessen Gewinn binnen eines Jahres um knapp 90 Prozent eingebrochen ist, das rund ein Drittel seiner Mitarbeiter entlassen hat und zum ersten Mal seit 1953 keine Dividende zahlt. Da erschien eine Reise zum Weltwirtschaftsforum, dieser Zusammenkunft der Reichen und Mächtigen, ziemlich unpassend.

Jetzt ist der Chef von Titan Cement doch da. Er habe sich selbst überzeugt, dass die Reise das Geld wert ist, sagt er. Aber er versucht, die Kosten zu drücken. „Ich wohne in einem Drei-Sterne-Hotel und ich bin Economy hierhergeflogen. Das verlange ich schließlich auch von allen meinen Managern.“ Seine E-Mails ruft er über die kostenlosen Netzwerke im Kongresszentrum ab. Und sein Jackett und die Lederslipper sehen nicht so aus, als habe er sie extra für das Treffen gekauft.
Wenn man so will, ist Papalexopoulos der letzte Grieche in Davos. Zwar stehen noch Manager von zwei anderen Unternehmen mit Sitz in Griechenland auf der Gästeliste. Doch es sind arabische Namen, beide Firmen haben ihre Wurzeln im Nahen Osten und machen den Großteil ihrer Geschäfte dort. Griechenland, das wie kein zweites Land in den vergangenen Jahren die Wirtschaftsnachrichten beherrschte, ist auf dem wichtigsten Wirtschaftstreffen der Welt kaum vertreten.

„Wir tauschen uns über unser Elend aus“

Papalexopoulos kommt bereits seit 20 Jahren nach Davos. Er vertritt dort einen der wenigen Großkonzerne, die sein Land vorweisen kann. Dafür bringt der 50-Jährige alle Attribute mit, die im Davoser Mikrokosmos gut ankommen: perfektes Englisch, ein Studium in Zürich und Harvard und ein markt- und reformfreundliches Weltbild. Im vergangenen Jahr diskutierte er auf einem Podium mit dem damaligen EZB-Chef Jean-Claude Trichet und US-Starökonom Nouriel Roubini.

Doch bei allem internationalen Flair wird Papalexopoulos seine Heimat nicht los. „Es ist schwer, heutzutage irgendetwas außerhalb von Griechenland zu tun, ohne auf die Krise angesprochen zu werden“, sagt er. Andere Unternehmer aus Südeuropa scheinen diese Fragen regelrecht zu fürchten: Mehrere Firmenchefs aus Spanien und Portugal lehnten Interviews in Davos ab oder entschuldigten sich mit übervollen Terminkalendern. Papalexopoulos dagegen trifft in den Alpen auch auf Bekannte aus anderen Krisenländern. „Wir tauschen uns über unser Elend aus.“

Fragt man Manager, warum sie nach Davos kommen, ist die häufigste Antwort: Effizienz. Vier Tage in den Alpen würden Dutzende Flüge zu einzelnen Geschäftspartnern ersparen. Nicht immer ist das glaubhaft, so mancher scheint auch einfach Lust auf ein paar Tage Glamour in den Alpen zu haben. Und einzelne Großkonzerne reisen mit einer Entourage an, die unmöglich komplett fürs Netzwerken gebraucht wird.

Für Papalexopoulos, dessen Unternehmen 85 Prozent seiner Geschäfte außerhalb Griechenlands macht, scheint die Zeit in Davos dagegen tatsächlich entscheidend zu sein. „Wer wie wir in Teilen der Welt sitzt, die nicht zu den führenden gehört, bekommt hier einen sehr guten Eindruck von den wichtigsten Trends.“

Warum aber sind dann nicht viel mehr griechische Geschäftsleute auf dem Treffen? Schließlich will das Land nach jahrelanger Rezession bis zum Jahresende endlich wieder wachsen – was ohne die Anbahnung neuer Geschäfte kaum funktionieren dürfte.

Eine simple Erklärung ist: Es mangelt an geeigneten Teilnehmern. „Vor dem EU-Beitritt war die griechische Wirtschaft sehr isoliert, bis 1990 es gab es kein einziges internationales Unternehmen“, erzählt Papalexopoulos. „Das lag auch daran, dass die Zentralbank keine Fremdwährungen für Investitionen verliehen hat, das galt als Verrat.“

„Das größte Risiko ist jetzt der Verlust des sozialen Zusammenhalts“

Das Klima wandelt sich, griechische Mittelständler wie der Kosmetikhersteller Korres oder der Matratzenproduzent Coco-Mat sind mit ihren Produkten auch im Ausland erfolgreich. Doch zugleich droht die Flucht der wenigen verbliebenen Großunternehmen. Kürzlich kündigte der größte Konzern des Landes, der Coca-Cola-Abfüller Hellenic Bottling an, seinen Sitz zu verlagern – ausgerechnet in die Schweiz.

Auch Titan Cement erlebt einen kleinen Exodus. „Wir haben mehrere junge Mitarbeiter verloren“, erzählt Papalexopoulos. „Sie gingen nach London, Brüssel und in die USA.“

Wie viele seiner Landsleute verweist Papalexopoulos auf die enormen Einschnitte, die sein Land im Gegenzug für Finanzhilfen hinnehmen musste. „Das größte Risiko ist jetzt der Verlust des sozialen Zusammenhalts“, sagt er. Dennoch befürwortet er die Reformen, die in seiner Heimat so unpopulär sind.

„Ich habe in Deutschland gelebt, in der Schweiz und den USA“, sagt Papalexopoulos. „Wenn man dort einen Fehler macht, hat er Konsequenzen.“ In Griechenland sei das lange anders gewesen. „Wenn zum Beispiel Demonstranten ein Gebäude besetzen, muss die Polizei eingreifen dürfen. Wir hatten uns dem Konzept gebeugt, dass so etwas undemokratisch sei. Das ist Unsinn!“ Außerdem müsse das Land besser dabei werden, seine Produkte zu vermarkten. Er frage sich, warum griechisches Olivenöl billig nach Italien geliefert und von dort teuer weiterverkauft werde.

Dann muss Papalexopoulos weiter, verschwindet im Gewusel vor der Kongresshalle. Dort wirbt heute Peru um Investitionen, Hostessen verteilen selbstgewebte iPad-Taschen. Vielleicht gibt es ja beim nächsten Mal Olivenöl aus Kreta.

Quelle: Spiegel.de

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