FOCUS – „Der Feind sitzt in Berlin“

Griechische Medien hetzen mit Nazi-Vergleichen gegen Deutschland

Der Feind sitzt in Berlin

Mittwoch, 15.02.2012, 11:52 · von FOCUS-Online-Autor Wassilis Aswestopoulos, Athen

Wolfgang Schäuble als Gollum, Angela Merkel als Hitlers Tochter: Mediale Ausrutscher belasten die ohnehin strapazierten Beziehungen zwischen Deutschland und Griechenland. Was steckt dahinter?

Giorgos Trangas kommentiert allabendlich bei dem kleinen griechischen TV-Sender Extra 3 das Zeitgeschehen. Der Name seiner Sendung: „Choris Anästhetiko“ („Ohne Betäubung“). Morgens weckt er die Griechen mit ironischen Wortspielen über den Radiosender Real FM. Mit deftigen Sprüchen wettert er dabei gegen alles, was nicht seinem Weltbild entspricht.

Das Spiel ist seit Beginn der Finanzkrise stets dasselbe. Der Feind sitzt in Berlin, in den Ratingagenturen und in Brüssel. Überall wittert Trangas eine Verschwörung. Dabei führt er geschickt die Tagesnachrichten als Beweise an. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble wird als Gollum, Kanzlerin Angela Merkel als Hitlers Tochter bezeichnet. Überhaupt steht für ihn die EU nur für ein von Deutschland beherrschtes Viertes Reich. Mit „ich mache jetzt eine Pause, denn der drängende, in Deutschland aufgewachsene Regisseur zwingt mich dazu“, läutet er schon mal eine Werbepause ein.

Gradmesser ist die Meinung des Publikums
Trangas ist ein wohlhabender Journalist und Verleger. Gerne vermischt er sein Schicksal mit dem der darbenden Bürger. So unterrichtete er am Dienstagabend sein Publikum darüber, dass er – ob seiner für die Besatzungsmacht gefährlichen Kommentare und seiner journalistischen Widerstandsarbeit – Gefahr laufe, von der Mattscheibe zu verschwinden. Inländische Kollaborateure alias Minister hätten ihn angerufen, sagte er geheimnisvoll. Namen nannte er dabei nicht.

Gradmesser für den populistischen Medienprofi ist die Meinung des Publikums. 50 000 Leser findet seine neue Zeitschrift Crash. Die bewirbt er mit Merkel-Bashing und dem Slogan „Seid ihr bereit für die ganze Wahrheit?“

Trangas‘ Provokationen dienen im Inland allenfalls zur Belustigung und zum Dampfablassen. Im Ausland werden sie plötzlich ernst genommen.

Denn die deutsch-griechischen Beziehungen sind ohnehin belastet. Und das Phänomen Trangas ist kein Unikum. Besonders in Zeiten, in denen Abstimmungen über Sparmaßnahmen anstehen, setzen die Medien verstärkt auf Provokationen. Der Trailer einer Polittalkshow im Athener Regionalsender Kontra TV etwa zeigt marschierende Wehrmachtssoldaten, untermalt von Herms Niels Marschlied „Erika“. Es diente den Nazis als Propagandalied. FOCUS Online fragte zwei Bewohner Griechenlands über ihre Sicht zu den medialen Streitereien.

Das Interview:

Griechische Medien hetzen mit Nazi-Vergleichen gegen Deutschland. „Es ist Kritik an der Politik, nicht an den Deutschen“.

Jörg Krüger, 50, stammt aus Schleswig-Holstein. Er wohnt seit Jahren in Paleochora auf Kreta und betreibt von dort unter anderem das Internetradio Radio Kreta. Vana Antoniou, 24, studiert Wirtschaftswissenschaften an der Athener Universität. Sie gehört zur Generation der Verlierer: Ohne eigenes Zutun fühlt sie sich dazu verdammt, entweder das Land zu verlassen oder nach erfolgreichem Studienabschluss um eine der wenigen Arbeitsplätze für knapp 500 Euro brutto zu kämpfen.

FOCUS Online: Ist es gefährlich für Deutsche in Griechenland?

Antoniou: Auf keinen Fall. Sie sind jederzeit willkommen.

Krüger: Es ist überhaupt nicht gefährlich. Die Bevölkerung weiß schon, dass es sich um eine politische Auseinandersetzung und Probleme der Banken handelt. Mein kretischer Nachbar, Manolis, ein waschechter Grieche durch und durch mit allen Ecken und Kanten, mag zwar gegen „die Deutschen“ wettern, wenn es um die Politik geht. Trotzdem überlässt er im Winter gestrandeten, mittellosen deutschen Aussteigern kostenlos einen Teil seiner Felder, damit sie über die Runden kommen. Überlässt ein deutscher Bauer sein Feld einem armen Fremden ohne Pacht?

FOCUS Online: Wie erklären Sie sich die Berichte über das so genannte Vierte Reich? Was ist der Grund für die Nazi-Vergleiche in griechischen Medien?

Antoniou: Das hängt sowohl mit der aktuellen Lage des Landes, dem Druck aus dem Ausland, aber auch mit Reparationsfragen zusammen. Ich glaube, dass die Menschheit genug aus dem Dritten Reich gelernt haben sollte. Griechenland hatte bezogen auf die Bevölkerungszahl nach der Sowjetunion die meisten Opfer. Nach Abzug der Deutschen wurden wir in einen ebenso schlimmen Bürgerkrieg, der ein Stellvertreterkrieg der beiden Blöcke war, gezogen. Kriegsentschädigungen oder gar die Rückzahlung eines im Weltkrieg erzwungenen Zwangskredits stehen immer noch aus. An so etwas wird nun erinnert.

Krüger: Ich sehe aber auch, dass hüben wie drüben übertrieben wird. Schlagzeilen über „nicht gemachte Hausaufgaben“, Halbwissen und Übertreibungen kommen im Gegenzug in Griechenland ebenso schlecht an wie die griechischen Boulevardtitel in Deutschland. Wir suchen in Paleochora statt Konfrontation das Gespräch mit den Griechen.

FOCUS Online: War die Wahl des Deutschen Horst Reichenbach zum Leiter der europäischen Task Force ihrer Meinung nach die ausschlaggebende Provokation, wie es viele griechische Medien darstellen?

Krüger: Die Wahl der Person ist egal. Die Menschen ärgert, dass Europa ausgerechnet die Politiker im Amt stützt, von denen sie sich verraten fühlen. Und sie wiederum sollen nun für die erheblichen Versäumnisse der vergangenen Jahre zahlen. Sie wollen keine weiteren Opfer bringen, wenn es gleichzeitig in den Schulen keine Bücher und keine Heizung gibt, wenn Medikamente und Bandagen von zu Hause in die Krankenhäuser gebracht werden müssen. In so einer Situation würden sich auch die Deutschen auflehnen.

Antoniou: Es ist aber auch die Art, wie die Kritik von Deutschland aus geübt wird. Klar wurden in Griechenland Fehler gemacht. Aber meiner Meinung nach sind die Überreaktionen verständlich, weil die Griechen plakativ als faule Pleitegriechen und Kaffeehausdauergäste beschrieben wurden. Es handelt sich aber um Kritik an der deutschen Politik und nicht an den Deutschen als solche.

FOCUS Online: Herr Krüger, wie beurteilen Sie die aus deutscher Sicht oft angeführte fehlende Solidarität der Bürger mit dem Staat. Ist da was dran?

Krüger: Ich bin in Schleswig-Holstein aufgewachsen und Kind einer bäuerlichen, damals armen Gesellschaft. Auf Kreta fühle ich mich in die Kindheitszeit zurückversetzt. Das Land hier hat immer noch eine bäuerliche Sozialstruktur. Zuerst kommt die Familie, dann der Nachbar und danach der Staat. Das ist normal und garantiert für viele das Überleben. Auch wir betreiben in Paleochora als Privatinitiative eine Suppenküche für Arme. So lange einer von uns etwas hat, helfen wir uns gegenseitig.

FOCUS Online: Frau Antoniou, was würden Sie den Deutschen sagen?

Antoniou: Die so genannten Märkte bedrohen unser vereintes Europa der Bürger, es wird zum Europa der verarmten Arbeitnehmer und unkritischen, plakativ denkenden Konsumenten. Gerne würde ich mich zusammen mit den Deutschen für ein solidarisches Europa einsetzen. Die Gelegenheit dazu ist meiner Meinung nach nun in Griechenland gegeben.

FOCUS Online: Vielen Dank für das Gespräch.

Quelle: Focus.de

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3 Kommentare

  1. Als Deutscher, der überwiegend in GR lebt (Nafplio-Argolida) kann ich dem Interview und seiner Tendenz nur zustimmen. Gerade die in GR lebenden Deutschen haben m. E. sowohl die Aufgabe als auch die Möglichkeit, ein anderes Deutschland-Bild zu vermitteln als die deutsche Politik und viele deutsche Medien: Es geht um Ermutigung, Hilfe und Solidarität für Menschen – unabhängig davon, wer bzw. welche Institutionen an deren Misere „schuld“ sind. Und es wird mehr und mehr zur gemeinschaftlichen Aufgabe der Europäer (also nicht der europäischen Institutionen“!), der Allmacht der „Märkte“ – also der Banken und der Finanzlobby – entgegenzutreten. Ich finde: Gerade die Fähigkeit vieler (auch ganz „einfacher“) Griechen, zwischen den Menschen und den politischen Mächten zu unterscheiden, ist hierfür ein unschätzbares „Kapital“.

  2. Eigentlich sagt Euer Interview ja eigentlich schon alles aus – ich kann also nur zustimmen: wir verbringen seit einiger Zeit zwei Monate im Jahr in Paleochora und haben keinen Griechen kennengelernt, der nicht zwischen der Person des einzelnen Touristen und den „offiziellen“ Positionen in Berlin und Brüssel unterscheiden konnte. Irgendwie sind die Griechen sind eben weniger gleichgeschaltet und agieren eher aus ihrer persönlichen Einsicht heraus.
    Und auch das in Deutschland oft erwähnte „Chaos“ in Griechenland ist wohl sicherlich eine Folge eines starken Freiheitswillens des Einzelnen in diesem Land. Es wäre sehr schade, wenn diese Mentalität geopfert werden müsste, damit das Land einen Platz in unserem von der „Ordnung“ geprägten Europa behalten kann.

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