„Fragt die Bürger, wo die Probleme liegen!“

Genau das fordert Panagiotis Karkatsoulis(*) in der heutigen „Zeit Online“.
Und er muss es wissen, denn Panagiotis Karkatsoulis kennt die griechische Verwaltung wie kein anderer. Seit 20 Jahren berät er sie zu Reformen.
Den Politikern will er (genau deswegen?) den Umbau nicht anvertrauen…

Ein Interview mit einem „Insider“:

ZEIT ONLINE: Herr Karkatsoulis, die griechische Verwaltung ist aufgebläht und vom Klientelismus geprägt. Die Behörden kommunizieren nicht miteinander. Kein Wunder, dass Reformen unmöglich sind.

Panagiotis Karkatsoulis: Das ist eine Missinterpretation. Die Verwaltung ist sehr wohl in der Lage, sich selbst zu reformieren. Gerade in den 1990er Jahren gab es grundlegende Änderungen – die Rekrutierung von Staatsbeamten wurde überarbeitet und es wurden Bürgerzentren eingerichtet, die den Kontakt zwischen Bürgern und der Verwaltung vereinfachen. Auch jüngst hat sich etwas getan: Seit 2009 kann man bestimmte Verwaltungsgänge online erledigen und 2010 hat die Kallikratis-Reform die Anzahl der Verwaltungsebenen von fünf auf drei reduziert.

ZEIT ONLINE: Aber das reicht nicht. Die OECD befand, dass die in der gegenwärtigen Krise notwendigen wirtschaftlichen Reformen nur vorgenommen werden können, wenn vorher der Staatsapparat reformiert wird. Und die Troika will mehr Reformen in kürzerer Zeit.

Karkatsoulis: Es ist ein Fehler, jetzt auf schnelle Reformen zu setzen, und vor allem, einfache Patentrezepte für die vielschichtigen Probleme zu empfehlen. Wir stehen vor einem komplexen Problem und es gibt keine einfache Lösung. Die griechische Verwaltung befindet sich in einer Art tödlichen Selbstumarmung: Sie ist sehr stark mit sich selbst beschäftigt, manche Befugnisse sind auf mehrere Behörden verteilt, teilweise widersprechen sich die Regeln. Das kann so nicht bleiben, aber wenn man das System jetzt zu schnell aufbricht, dann fällt alles zusammen. Dann funktioniert gar nichts mehr.

ZEIT ONLINE: Aber man kann ja auch nicht nur einfach abwarten. Was empfehlen Sie?

Karkatsoulis: Es funktioniert nicht, den Entscheidungsträgern Konzepte von außen aufzuzwingen. Wir haben die Lösungen für den Umbau der Verwaltung parat. Jetzt müssen wir immer wieder darauf hinweisen: Wir haben hier etwas, was funktionieren kann. Wenn Ihr wollt, erklären wir es Euch.

ZEIT ONLINE: Wie sieht Ihr konkreter Plan aus?

Karkatsoulis: Ich empfehle unter anderem, die Anzahl der Regierungsposten um mindestens die Hälfte zu reduzieren – im Moment gibt es alleine 15 Minister, 21 Vizeminister und 75 Generalsekretäre und auf den unteren Ebenen ist es noch schlimmer. Die Befugnisse der Behörden müssen entflochten und, wo nötig, abgebaut werden – alleine die nationale Verwaltung hat 23.000 Regulierungskompetenzen und teilweise ist sie sehr weit weg von den Dingen, über die sie entscheidet. Die Koordination unter den Behörden muss verbessert und vereinfacht werden. Außerdem brauchen wir eine Strategie, die ganz klar sagt, welche Reform jetzt Priorität hat. Die gibt es nicht.

ZEIT ONLINE: Wenn es Lösungen gibt, die ein Reformexperte wie Sie auch als praktikabel befindet, warum werden sie dann nicht umgesetzt?“

Die Antwort darauf und warum ein griechischer Bauer keine Spirulina-Algen anbauen darf, lest Ihr hier.

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(*) Der 54-Jährige ist Professor an der griechischen Hochschule für Öffentliche Verwaltung und berät seit 1991 die griechische und andere Regierungen. Karkatsoulis arbeitet für die OECD, ist der nationale Repräsentant der EU-Gruppe für bessere Rechtsetzung und Mitglied der Nichtregierungsorganisation INERP. Die American Society for Public Administration zeichnete ihn in diesem Jahr für die Weiterentwicklung der Verwaltungslehre und fürs Brückenbauen zwischen Zivilgesellschaft und Beamten aus.

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