Georgios Christidis: „Wie wir Griechen immer deutscher werden“

Spiegel.de. Ein Kommentar von Georgios Christidis

„Früher haben Griechen über die deutsche Sparsamkeit gelacht, heute steht knausern hoch im Kurs. In der Krise werden die Hellenen den Deutschen immer ähnlicher. Aber wer soll eigentlich noch den Konsum ankurbeln, wenn Europa bald nur noch aus germanischen Geizkragen besteht?

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Trotz all des Tohuwabohus ums Sparen und auch wenn viele meiner Landsleute eine „Germanisierung Griechenlands“ als vermeintliche Rettung vor dem Bankrott vehement ablehnen: Die Griechen werden in ihrem Verhalten zunehmend den Deutschen ähnlich – und diese Verwandlung scheint ihnen sogar zu gefallen.

Dabei gibt es wohl keinen Griechen, der sich noch nie über den typisch deutschen Konsumenten lustig gemacht hätte. Der, so erzählt man es sich, geht in seinen örtlichen Supermarkt, kauft eine Scheibe Melone und genau vier Tomaten.

Im Vorkrisen-Griechenland hätte man über ein solches Verhalten, gerade bei Lebensmitteln, die Stirn gerunzelt und es als große Blamage gesehen. Der Durchschnittsgrieche gab sich alle Mühe, jeden Anschein von Sparsamkeit zu vermeiden. Das galt selbst in Haushalten, wo der Kauf von vier Tomaten viel sinnvoller war als der von zwei Kilo Tomaten, die schließlich im Müll landeten.

Seit den frühen achtziger Jahren wurde den Griechen die Anti-Spar-Überzeugung eingeimpft. Vorbildlich war nicht das Leben der antiken Spartaner, das an die Germanen erinnerte. Stattdessen galt der prächtige und luxuriöse Lebensstil der Sybariten als Beweis für Fortschritt und das Ende jener Entbehrungen, die einen großen Teil der modernen griechischen Geschichte gekennzeichnet hatten.

Konsum wurde die wichtigste Quelle griechischen Selbstbewusstseins. Das begann mit der expansiven Politik des sozialistischen Premiers Andreas Papandreou. Er erlangte Berühmtheit, als er nach seiner Wahl die Löhne der öffentlichen Angestellten verdoppelte. Es ging weiter mit den Geldströmen aus EU-Fonds, die den Wirtschaftsboom der neunziger Jahre verstärkten.

Den Höhepunkt fand der Sorglostrend im vergangenen Jahrzehnt. Nach der Euro-Einführung wurde Griechenland mit billigen Krediten geflutet. Heute erinnern sich Griechen wehmütig an die Bankprodukte jener Tage, etwa das spezielle Darlehen für extravagante Ferien. Das Geldausgeben war Teil unserer nationalen Identität geworden. Es war der Hauptpfeiler einer Ökonomie, die ihr „Wirtschaftswunder“ dem privaten und öffentlichen Konsum verdankte.“

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Viele heizen wieder mit Holz
„Die Zeiten haben sich geändert. Konsum passt nicht zur Krise, meine Landsleute freunden sich mit dem germanischen Wert der Sparsamkeit an. Laut aktuellen Umfragen haben acht von zehn Griechen ihre Ausgaben reduziert und sind auf billigere Produkte umgestiegen. Immer mehr Menschen heizen mit Holz, die Autoverkäufe sind dramatisch zurückgegangen. Die Lokale bleiben am Samstagabend leer. Cafeterias, Bars und Restaurants, die einst astronomische Preise verlangten (sechs Euro für eine Tasse Kaffee), bieten jetzt „Happy Hours“ und andere Vergünstigungen, um Kunden anzulocken.

Es ist kein Zufall, dass einer der erfolgreichsten Werbespots im griechischen Fernsehen derzeit von einem deutschen Unternehmen stammt. Der TV-Spot von Media Markt zeigt die Karikatur eines Schmarotzers, der sich so billig wie möglich durchschlägt. Der dazugehörige Werbeslogan lässt sich grob übersetzen mit: „Herr Umsonst ist gesund und munter.“

Man könnte entgegnen, dass für Hunderttausende Griechen – die Arbeitslosen, die Armen, die Krisenopfer – das Sparen ein notwendiges Übel ist – und kein Zeichen einer veränderten Mentalität. Doch demonstrativer Konsum wird selbst von jenen Griechen abgelehnt, die noch Geld ausgeben können.

Menschen, die ihre Einkäufe in der Vorkrisenzeit eifrig Freunden und Verwandten präsentiert hätten, rechtfertigen sich heute für ihr Konsumlaster. Normalerweise wird dabei der Preis heruntergespielt: „Ich habe diesen neuen Flachbildfernseher mit einem 50-Prozent-Rabatt und einem Bonus-Toaster bekommen!“ Außerdem gilt es zunehmend als Sünde, schicke Dinge zu kaufen. So weiß ich von jemandem, der jedes Mal seinen neuen iMac-Computer versteckt, wenn er Besuch erwartet. Griechen aus der Mittelklasse haben kein Problem damit, vor Discountern anzustehen, denen sie vor der Krise keinen zweiten Blick gegönnt hätten.“

Profitieren von der „Kartoffel-Bewegung“
„Kürzlich sah ich sogar einen gut gekleideten Mann, der sich mit zwei Kartoffelsäcken auf den Schultern ziemlich wohl zu fühlen schien. Er ist einer von vielen Griechen, die von der sogenannten Kartoffel-Bewegung profitieren: Kunden kaufen direkt beim Bauern und sparen damit viel Geld.

Die Menschen zeigen sich nicht ohne Stolz, wie die Krise sie beeinträchtigt. Der von Deutschland geprägte Sparkurs der Troika aus EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds hat vielleicht dabei versagt, unsere in Trümmern liegende Wirtschaft zu retten. Einflussreicher war er dabei, unsere Mentalität zu verändern.

Ich erinnere mich gut an die Diskussion mit einem deutschen Minister in Berlin im vergangenen Jahr. Ich schlug vor, Deutschland könnte selbst mehr tun, um den Konsum anzukurbeln und so der Wirtschaft in Europas Krisenländern zu helfen. Er antwortete mir, solch ein Versuch wäre vergeblich. „Selbst wenn man die Gehälter der Deutschen erhöht, würden ihre Konsumausgaben niedrig bleiben.“

Man ist geneigt sich zu fragen, was aus Europa wird, wenn die Zahl der Konsumenten immer weiter zurückgeht und es nur noch Produzenten gibt. Wer wird die Rolle des Verbrauchers übernehmen? Lasst uns hoffen, dass die Chinesen weiter Mercedes und BMW lieben. Hoffentlich können sie außerdem ihre Laktoseintoleranz überwinden – und große Fans von Feta-Käse werden.“

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