Gortyn – Eine lange Geschichte – Von T.C. Esseaux

Gortyn

Eine Anekdote aus dem letzten kretischen Urlaub

Von unserem Gastautor T. C. Esseaux (alias Dieter)

„Heute ist die Messara-Ebene Kretas eine wenig entwickelte meist landwirtschaftlich geprägte Gegend. Ärmlich und etwas herunter gekommen. Nicht gerade das, was Touristen suchen würden. Aber das war nicht immer so. Einst lag hier die Stadt Gortyn, eine berühmte hellenistische Stadtrepublik, die im Imperium Romanum Jahrhunderte lang sogar die vielbesuchte Hauptstadt Kretas und der römischen Provinz Cyrenaika (in Nordafrika) war. Hannibal suchte hier erfolgreich Schutz vor den Römern, Paulus gründete 69 hier eine der ältesten christlichen Gemeinden Europas.

Arabische Piraten haben sie 865 vernichtet und die Zeit hat die Stadt einfach untergehen lassen, bis nichts mehr von ihr blieb. Erst 1884 hat Federico Halbherr sie und ihr berühmtestes Relikt wieder entdeckt, jene großen Gesetzestafeln, auf denen das Gesetzbuch der Stadt geschrieben stand, öffentlich ausgestellt im Odeion, dem Theater. Ein erstaunliches Zeugnis liberaler antiker Gesetzgebung und zu Recht weltberühmt. Ein wahrhaft öffentliches Recht.>

Gortyn im Süden Kretas

Das Grabungsfeld liegt an der Landstraße nach Ierapetra unweit, des Örtchens Mires. Ein schlecht gesichertes Ruinenfeld, ein Parkplatz davor und ein Häuschen für Eintrittskarten, Postkarten und immer die gleiche Antiken-Literatur. Im Sommer parken hier meist einige große Busse mit Touristen-Logo und Besuchern aus dem Norden der Insel, wo sich die neuen Metropolen und Tourismuszentren Kretas befinden; gelegentlich finden sich auch Mietwagen jener Individualreisenden, die an all den Sonnentagen allein über die Insel streifen.

Genau an einem dieser Sommertage mitten fuhren auch wir von Plakias kommend in die Messara-Ebene. Wir, das sind die Eltern, die vor ein paar Jahren zum ersten Mal mit Willys Griechenlandreisen, einer kleinen Backpacker Agentur aus dem Berliner Alternativmilieu nach Kreta gekommen waren und dann typischer Weise immer wieder gekommen sind, denn Kreta-Touristen sind, wie neulich ermittelt wurde, zu 80% Wiederholungstäter, weil die Insel wirklich schön ist, in ihrer Bruchstückhaftigkeit sehr lässig und weil es immer noch vergleichsweise billig ist. Damals sagten wir oft, für das, was anderswo 14 Tage kosten würden, machen wir auf Kreta 4 Wochen Urlaub mit Kindern.

Die Kinder sind zwei kleine Jungs, Tim, acht Jahre, und sein Bruder Cai, gerade drei Jahre alt. Außerdem hatten wir noch Tina, eine Freundin der Familie dabei, Jurastudentin aus Berlin, die im Examen stand und vor dem Finale noch ein wenig Urlaub genießen wollte. Unter Hinweis auf die vielen Vorzüge der Insel hatten wir sie für Kretas agitiert und dann unter unsere Fittiche genommen hatten. Unser Ausflug galt zunächst einem Örtchen namens Timbaki, weil wir uns damals einen Spaß daraus machten, Orte aufzusuchen, die etwas mit Tim zu tun hatten. Tim – so wie unser ältester Sohn – und dann irgend ein Zusatz, eine Art Zuname, wie Tim-Baki oder auch Tim-Buktu. Und wir riefen Tim schon lange nicht mehr mit seinem Namen, sondern gaben ihm immer neue Spitznamen wie Buktu oder Baki – je nach den »Tim«-Städten, die wir gut fanden.

Aber das war nicht das einziges Motiv. Ich wollte an diesem Tag auch das sagenumwobenen Gortyn sehen, das meine Phantasie mächtig beflügelt hatte. Man stelle sich das vor: eine berühmte hellenistische Stadtrepublik und römische Provinzhauptstadt, vergleichbar vielleicht mit Mailand oder Köln, zu ihrer Zeit vielleicht noch wichtiger und berühmter, verschwindet einfach wie Atlantis und bleibt 1000 Jahre verschollen, um dann vor gut 100 Jahre von einem Tiroler Archäologen wiederentdeckt zu werden.

Wir mieteten auf Kreta mit Vorliebe einen Kleinwagen Marke Twingo; jenes praktischen rundaugige Auto von Renault mit aufrollbarem Dachverdeck, mit dem man in der Hitze des Südens auch ohne Klimaanlage so wunderbar belüftet reisen konnte und deshalb ein bisschen langsamer fahren musste. Solche damals schon nicht mehr ganz frischen Autos hatte ein privater Kleinst-Autovermieter, ein wirklich nettes kretisches Schlitzohr namens George, im Angebot, der sein Geld mit der Zweitverwertung von Mietautos großer Anbieter machte und pro Tag 18 DM nahm, was es uns wiederum erst ermöglichte, den ganzen Urlaub über ein Auto zur Verfügung zu haben. Im Twingo stets dabei war ein »Buggy«, eine besondere Art von Kinderwagen für etwas größere Kinder, die schon laufen können, aber dennoch kutschiert werden, damit sie nicht so müde werden und rumquengeln. All so bestückt fuhren wir an diesem kretischen Sommertag früh morgens erst nach Timbaki, fotografierten Tim vor dem Ortsschild, tranken in einem französischen Supermarkt Limonade, stellten fest, dass es sonst nichts Weiteres über Timbaki zu berichten gebe, um dann twingo-langsam auf Gortyn zuzusteuern.

Tim und Cai hatten einen Heidenspaß, im Twingo ein Lied zu singen, das »Hü Twingo Hü-a-Hü, Hü Twingo Hü« hieß; eine moderne Variante des alten Liedes vom vollgeladenen Wagen, das wir Erwachsenen ebenso begeistert mitsangen. Ausgrabungsstätten auf Kreta haben auf mich stets eine eigenartig mystische Ausstrahlung. Sie haben etwas Erhabenes, anrührend und sind doch so einfach und still, ganz anders als andere griechische oder römische Stätten. Vielleicht liegt es an ihrem archaischen Charakter, vielleicht an ihrer im Wortsinne sagenumwobenen Bedeutung, denn auch Gortyn findet schon Erwähnung in Homers Ilias. Vielleicht liegt es auch am Klima, an der Erdstrahlung der kretischen Insel, von der viele überzeugt sind, oder an den Singzikaden, die offenbar an Ausgrabungsstätten besonders stark aktiv zu sein scheinen und deren Zirpen aus Gründen, die wir nie erfassen werden, unerwartet zu einem regelrechten Zikaden-Sturm-Gebrüll anschwellen kann, so laut, dass man selbst erschrocken verstummt.

Die Ausgrabungsstätte Gortyn

Die Ausgrabungsstätte selbst ist äußerst karg. Die phantastischen Zeugen der Vergangenheit, zum Teil von außergewöhnlicher Qualität, ruhen 3 stumm und unaufgeregt in einem Geflecht von Wegen. Erläutert wird nichts. Wahrscheinlich hat sich seit Halbherr niemand mehr um die Geschichte der Stadt Gortyn und ihrer Kultur gekümmert. Wir sind schließlich auf Kreta, wo man sich wenig um die Geschichte der Insel kümmert, nicht mal um Geld damit zu verdienen. Vielleicht ist es aber auch gerade diese schnöde Vernachlässigung, die den zitierten Reiz der kretischen Ausgrabungen ausmacht…

Wie auch immer, die Wege im Ausgrabungsfeld sind gut in Schuss. Zu gut vielleicht, wie sich gleich zeigen sollte. Wir wanderten tief beeindruckt durch die freigelegten Ruinen, mit Cai im unvermeidlichen Buggy, schließlich sollte sich das Kind nicht als Störfaktor erweisen. Und so sitzt der Cai im Buggy während wir anderen, ihn fast vergessend, unsere Blicke durch die Ruinen schweifen lassend und ich mich einer ein wenig langatmig »studienrätlichen« Vorlesungen über die Tafeln von Gortyn nicht enthalten kann. Den Cai scheint das am wenigsten beeindruckt zu haben. Offenbar aus Langeweile verlässt er plötzlich den Buggy und läuft einfach los, gerade den Weg entlang. Doch nach wenigen Schritten stolpert er und stürzt auf sein Gesicht. Genauer auf die scharfen spitzen Schottersteine mit denen die Wege in der Ausgrabungsstätte frisch belegt worden waren.

Einer dieser Steine trifft Cais Kopf und versetzt ihm einen tiefen Schnitt direkt in der Augenbraue – etwa zwei Zentimeter lang. Er schreit auf, bleibt aber liegen. Alle drehen sich instinktiv zu ihm um, erkennen aber nicht seine Verwundung. Mit drei Schritten bin ich bei ihm, dann sehe ich die heftig blutende Wunde und das Ausmaß der Verletzung. Kein Zweifel. Er muss so schnell wie möglich behandelt werden. Ich nehme ihn auf den Arm und eile aus dem Ausgrabungsfeld heraus, durch den Eingang, wo griechische Frauen, die dort beschäftigt sind, sofort laut aufschreiben und wehklagen. Direkt auf den nächsten Mercedes Touristen Bus zu. Ich fordere den Busfahrer auf, mir sein Verbandszeug zugeben, doch der bestreitet, Verbandzeug zu haben. Ich sage ihm ungeduldig, dass sich unter seinen Fahrersitz ein Verbandskasten befindet, was er erneut bestreitet. Erst als ich ihm bedeute, ich wolle selber nachschauen macht er sich die Mühe, um zu seiner eigenen Verwunderung einen Verbandskasten zu finden. Wir holen gemeinsam ein paar Kompressen aus dem Kasten und ich versorge Cais Wunde notdürftig, was ich während meines Zivildienstes als Rettungs-Sanitäter zur Genüge gelernt hatte. Die griechischen Frauen stehen wehklagend um uns im Halbkreis., doch das Wehklage hört auf, sobald die Wunde abgedeckt ist.

Den Cai, der sich nach dem ersten Aufschrei beim Hinfallen völlig ruhig, sogar ein wenig lethargisch verhalten hat, wieder auf dem Arm tragend frage ich in den Halbkreis nach der nächsten ärztlichen Versorgung und erfahre nach einigem Hin und Her, dass in Mires, wenige Kilometer von der Ausgrabung entfernt eine ambulante Polyklinik zu finden sei. Schneller haben wir den Twingo selten zuvor bestiegen. Tim neben mir und die beiden Frauen mit dem leicht schläfrigen, aber nicht jammernden Cai auf dem Schoß, hinten. In wenigen Minuten waren wir in Mires. Die  Polyklinik lag tatsächlich direkt am Eingang des Örtchens. Wir vier stürmten hinein und fanden mehrere Ärzte, die sofort einsatzbereit waren. Sie versorgen die Wunde, desinfizierten sie und deckten sie mit einer neuen Kompresse ab, unternahmen aber sonst nichts. Cai blieb ruhig. Jammerte nicht und schrie nicht herum. Sie könnten uns nicht weiter helfen, wurde mir auf mein Drängen beschieden.

Fischerboote

Wir müssten mit dem Jungen ins Uniklinikum nach Heraklion. Sie seien besorgt über Cais apathisches Verhalten. Er müsse geröngt werden. Vielleicht eine Gehirnerschütterung oder sonst etwas Gravierendes. Erschüttert waren wir, denn es machte sich ein gewisses Unbehagen bei uns breit darüber, warum die Wunde nicht genäht wurde, aber wir fügten uns der ärztlichen Anweisung. Heraklion ist von Mires etwa 70 km entfernt. Schon bei besten Straßenverhältnissen muss man mit einer Stunde Fahrzeit rechnen, aber die Straßen auf Kreta sind nicht so. Mit zwei Stunden zu kalkulieren, sei realistisch, sagten die Ärzte. Bedenken hatten sie nicht. Nein, alles im grünen Bereich, sagten sie. Allein wir glaubten ihnen nicht so recht.

So begann sicher eine der hektischsten Autofahrten, an die ich mich erinnere. Wir tankten in Mires noch mal auf, versorgten uns mit Wasser und Proviant für Tim und dann jagte ich den kleinen Twingo mit Höchstgeschwindigkeit über die Kurven der Bergstraße nach Heraklion. Kurve nach Kurven, immer wieder Dörfer mit Tempo 30 km/h, und dann nach etwa 40 km mit deutlich zu hoher Geschwindigkeit ein scharfes Bremsmanöver: eine mittelgroße Schafsherde mitten auf der Straße, langsam voran trottend. Man braucht Nerven, wenn man in einer solchen Situation da durch will, denn die Tiere gehen offenbar um so mürrischer zu Seite, je schneller man vorbei will. Eine kretische Spezialität, wie ich später erfuhr. Ich war nach kurzer Zeit schon schweißgebadet. Die anderen auch. Aus dem Ausflugstag war inzwischen eine Hitzewelle von über 35° Celsius geworden. Im Herzen war uns eher kalt, hin und hergerissen zwischen Sorge um Cai und Sorge ums Weiterkommen bei diesem Himmelfahrts-Kommando. Der Cai schlief meist. Oder war es schon Ohnmacht? Die Sorge wuchs. Meine Frau versuchte ihn immer wieder anzusprechen, er reagierte auch, aber sehr lethargisch. Besorgnis erregend, fanden wir. Wir erreichten das Klinikum der neugegründeten Uni mit letzter Not, aber der Cai war nur lethargisch.

Heraklion

Und jetzt begann der zweite Akt dieses absurden Theaters. Den kleinen Cai auf dem Arm tragend kämpften wir uns durch die Aufnahmeprozedur. Meine Frau füllte die Formulare aus und ich durfte mit einer englisch sprechenden Krankenschwester in die Behandlungsräume gehen. Der dort anzutreffende Arzt, kaum um die 30, sprach kein Wort English, drehte mir den Rücken zu und redete nur über die Krankenschwester mit mir. Aus sein Geheiß wurde Cai am Kopf geröngt, und ich musste mit, um ihn ruhig zu halten, auch wenn er nicht unruhig sondern weiter hin etwas lethargisch war. So stand ich bei vier Aufnahmen daneben, ohne jede Bleischürze oder sonstigen Schutz vor der Strahlung. Es gab keine Schürzen. Dann warteten wir im kargen aber heißen Flur eine Stunde. Unternommen wurde gegen Cais Wunde immer noch nichts, nur die Kompresse durfte gewechselt werden. Schließlich erschien die Krankenschwester wie ein Orakel und bedeutetet uns, dass es immer noch keine Behandlung geben können. Der Junge müsse erst in die Neurochirurgische Klinik. Auf meine Frage, wo die denn sei, sagte sie, die Neurochirurgische läge etwa eine halbe Stunde entfernt am anderen Ende der Stadt.

Inzwischen war mein Zorn gewaltig gestiegen und ich musste an mich halten, um nicht völlig auszurasten und auf das Personal loszugehen. Ich forderte statt dessen lautstark eine sofortige Behandlung der Wunde, aber ohne Erfolg. Schließlich nahm ich das unversorgte Kind erneut auf den Arm und ging wütend hinaus. Die anderen hatten das Klinikum schon vorher verlassen und meine Frau versuchte auf dem Parkplatz vergeblich darauf zu verweisen, dass es keine Zweck hätte, rumzubrüllen, die verstünden uns eh nicht. Ich hatte tatsächlich auf Deutsch krakelt. Zurück im Auto beschlossen wir, dass es so nicht länger weitergehen könne. Ich würde die Operation jetzt selber durchführen, gleich am Strand oder auf einem Parkplatz. Ganz egal. Zutrauen durfte ich mir das freilich schon, denn ich hatte als Rettungssanitäter oft Wunden unter freiem Himmel genäht.

Also steuerte ich die nächste Apotheke in Heraklion an und fragte nach sterilen Kompressen, Desinfektionsmittel, Nadel und Faden für eine Wundoperation. Die Apothekerin fragte mich verwundert, wofür ich diese Utensilien denn wohl benötigte und ich erklärte ihr warum, nicht ohne zu erzählen, welche Odysse wir schon erlebt hatten. Sie nickte verständnisvoll zustimmend, machte eine abfällige Bemerkung über das öffentliche Gesundheitswesen und fragte mich vorsichtig, ob ich einen Arzt zur Not auch bezahlen könnte. Einen »paid doctor«, wie sie sich auf Englisch ausdrückte.

Alles würde ich zahlen,  antwortete ich, wenn es nur einen Arzt gebe, der helfen würde. Sie nahm den Telefonhörer, wählte, sprach einige Worte auf Griechisch und reichte mir den Telefonhörer mit aufmunterndem Lächeln. Am anderen Ende meldete sich in fehlerfreien Deutsch, aber griechischem Akzent eine warmer Bariton, erkundigte sich, was vorfallen war und beschrieb mir den Weg zu seiner Praxis. Er ermahnte mich, uns zu beeilen, denn die Wunde müsse baldigst behandelt werden, wenn es nicht schon zu spät sei. Ich erwähnte noch Cai Lethargie und der Bariton beruhigte mich, dass sei ganz normales Stressverhalten von Kindern. Wie wir dann durch die Gassen von Heraklion gerast sind und nach wenigen Minuten die Adresse vom »paid doctor« fanden, kann ich beim besten Willen nicht sagen, aber wir taten es.

Wir stürmten aus dem Twingo, hasteten eine kleine Treppe hoch und betraten durch die schon geöffnete Tür seine Praxis. Es sah aus wie bei einem typisch deutschen Allgemeinmediziners und leise Musik von Bach perlte durch die Praxis. Alles klar, Bach beruhigt und fördert die Heilung, klinisch bewiesen,  schoss mir durch den Klopf. Der »paid doctor« erwies sich als »Mediziner aus Berlin«, wie er sich nannte, der lange als Assistenzarzt an der Charitée  gearbeitet hatte. Er griff gleich zu, legte den Cai auf den OP-Tisch und ließ mich assistieren. Minuten später hatte er die OP-Nadel in der Pinzette und versuchte mit stark zitternder Hand den ersten Stich zusetzen. Ich wollte gerade vorschlagen, die Naht selber zu machen, als er mit einem Ruck den ersten Stich erledigt hatte. Erneut zitterte er sich durch den zweiten Stich; den dritten setzte er problemlos. Danach blickte er verständnisvoll in meine misstrauischen Augen und sagte: Chirurgenkrankheit! Er versorgte die Wunde und gab Cai noch eine Tetanusspritze. Fertig.

Erleichtert und ermattet sank der Kleine an Muttis Brust und schlief ein. Wir aber tranken zusammen noch einen kretischen Berg-Tee mit dem Doktor, zahlten gegen Quittung 50 DM für die Behandlung und als ob das alles dem Doktor persönlich peinlich gewesen wäre, untersuchte er als Dreingabe noch den Tim, erklärte ihn für gesund, entdeckte aber bei Tina, unserer Begleitung, eine verschleppte Mittelohrentzündung. Endlich fuhren wir gegen Abend noch 120 km erleichtert zu unserem Urlaubsdomizil zurück, nach Plakias. An diesem Abend kam uns das wahrlich so vor, als führen wir nach Hause, mit breit gestreckten Flügeln. Und so zogen wir mit offenem Twingo-Dach heim, bei Nacht und Mondschein durch die opernhaft beeindruckende, bizarre, romantische und wilde Kourtoliaki-Schlucht.

Am Hafen von Heraklion

So endete aus Morgen und Abend ein ganzer Tag. Der Cai lief in den folgenden Tagen mit einem eindrucksvollen Wundverband herum und ich erinnerte mich, dass ich selbst in seinem Alter eine ähnlichen Unfall hatte. Ich war mit vier Jahren vom Küchenstuhl auf den Schlüssel einer Küchenschranktür gestürzt. Damals hatten Küchenschränke Türen, in denen kleine, scharfe Schlüssel zu stecken pflegten. Die Wunde war zwei Zentimeter mitten in der Augenbraue. Gleiche Stelle, gleiches Alter, gleiche Verwundung und gleicher Schutzengel, der das Auge verschont hatte. Was für eine Duplizität. Ich interpretiere diesen Umstand nicht, ich erwähne ich nur, weil er mir dabei immer wieder in den Sinn kommt. Es ist ohnehin erstaunlich, wie oft und gründlich man die Selbstähnlichkeit der Schicksale übersieht und sie erst bei Ungewöhnlichem aufspürt. Man braucht wohl ein unübersehbares Merkmal, wie die Wunde von Cai, um auf die Spur zu kommen. Plötzlich trifft man auch andauernd auf  Artverwandtes: lernten wir doch wenige Tage später eine junge deutsche Mutter mit einem ebenfalls frisch verwundeten Kind kennen.

Wir kamen über das Schicksal der Kinder schnell ins Gespräch und erfuhren, dass sie auf Kreta lebt, weil sie als IG Metall Funktionärin in Stuttgart einen kretischen Metallarbeiter kennen, lieben gelernt hat, ein Kind bekam und mit ihrem Mann nach Kreta gegangen war, wo sie nun die Taverne und Pension seiner Eltern bei Frangokastello betrieben, der berühmten Kreuzfahrer-Festung an der kretischen Südküste. Ach, wie konnte sie unsere Anekdote um weitere Aspekte ergänzen. Sie würde ohnehin bei der geringsten Krankheit ihres Kindes gleich den Flieger nach Stuttgart besteigen. Das sei durchaus nicht hysterisch, versicherte sie und erzählte, noch vor wenigen Jahren, wenn sich Touristen in der Samaria-Schlucht schwer verletzt hätten, habe man nicht den Doktor sondern den Popen gerufen, wegen der letzten Ölung natürlich. Einen Doktor gebe es rund herum ohnehin nicht. Auch heute noch nicht. Übrigens: In der Hektik des Unfalls haben wir Cais Buggy auf dem Ruinenfeld vergessen und stehen lassen! Und wenn die Kreter ihn nicht weggeräumt haben, dann steht er immer noch da.“

Danke, Dieter, für den netten Beitrag.


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