Griechen-Bashing: „So, jetzt wollen Sie also Deutscher werden, was?“

Ob im Bürgeramt, in der Kita oder im Internet: Griechen in der Bundesrepublik beklagen, dass die Deutschen sie wegen der Euro-Krise immer respektloser behandeln. Häme und Vorurteile machen sich breit.

Von Jan David Sutthoff, Welt.de

Einige saßen an den Tischen, die Kerzen brannten, andere tanzten, da kam ein Mann herein und rief: „Ihr feiert, und wir zahlen dafür!“

„Die Griechen verdienen das nicht“, sagt Kostas Papanastasiou. Er sitzt in seinem Restaurant „Terzo Mondo“ in Berlin und wägt ab, bevor er ausspricht, was er denkt. Er sagt, dass er solche Momente wie damals auf der Feier häufiger erlebt. Dass Leute hereinkommen, Deutsche, und gegen ihn und seine griechischen Landsleute pöbeln. Wegen der Griechenland-Krise.

Unser Freund Andreas, der weltberühmte Schriftsteller, mit Kostas im Terzo Mondo

Seit 1956 in Berlin
Der Mann mit dem weißen, zottigen Bart und den buschigen Augenbrauen kam 1956 nach Berlin, 1972 hat er das „Terzo Mondo“ eröffnet. Die Griechen sollten einen Ort haben, an dem sie sich treffen konnten, sagt er.

Von 1985 bis 1996 hat Papanastasiou einen Wirt in der Fernsehserie „Lindenstraße“ gespielt, der ersten Soap im deutschen Fernsehen mit Ausländerquote. Papanastasiou hat auf dem Bildschirm für Integration geworben, aber so einfach, wie sich die Probleme aus der Fernsehwelt schaffen lassen, ist das in der richtigen Welt nicht zu machen, das weiß er.

Der erste Bundespräsident, Theodor Heuss, sagt Papanastasiou, habe damals seine erste Reise nach Athen gemacht, ausgerechnet. Kein Land außer Griechenland hätte Heuss empfangen wollen. „Es ist traurig, dass die Deutschen nun gerade die Griechen angreifen.“

„Den Griechen tut das weh“
Sigrid Skarpelis-Sperk sagt, die Vorurteile Deutscher gegenüber Griechen nähmen zu. Sie ist die Präsidentin der Vereinigung der deutsch-griechischen Gesellschaften. Griechen würden in Deutschland auf unglaubliche Art attackiert, sagt die SPD-Politikerin.

„Man diskutiert nicht darüber, was sich bei den Griechen ändern muss – was gerechtfertigt wäre“. Stattdessen gebe es – auch in der seriösen Presse – eine Diffamierungskampagne, wie sie sie in Nachkriegszeiten noch nicht erlebt habe. „Den Griechen tut das weh“, sagt Skarpelis-Sperk. „Oft ziehen sie sich zurück.“

Athanasios Vassiliou entwickelt in Berlin mediengestützte Lehrkonzepte, eLearning und solche Sachen. Er ist ins Otto-Suhr-Institut gekommen, ganz in der Nähe, dort spricht es sich gut über Politik, und Vassiliou will über die Deutschen und die Griechen sprechen, wie er die Sache sieht.

Er sitzt in der Cafeteria im vierten Stock, an den anderen schlichten Tischen hocken Studenten und plaudern. „Die Hemmschwelle, gegen Griechen zu wettern, ist stark gesunken“, sagt Vassiliou, nimmt einen Schluck von seinem Cappuccino und möchte das mit ein paar persönlichen Beispielen belegen. Also erzählt er.

Beleidigung aus einer „Laune“ heraus
Athanasios Vassiliou: „Die Hemmschwelle, gegen Griechen zu wettern, ist stark gesunken“

Davon, wie bei einer Fortbildung die Kaffeekasse herumgegangen sei und einer gesagt habe: Gebt sie nicht dem Griechen, sonst wird das Geld veruntreut. „Hinterher“, sagt Vassiliou, „hat er dann zu mir gesagt, dass es nicht so gemeint war.“ Aber, fragt Vassiliou, wie dann?

Davon, wie der Bruder seiner deutschen Frau vor dem Fußball-EM-Spiel zwischen Deutschland und Griechenland im Internet gepostet habe: „Die Scheißgriechen hauen wir weg.“

„Hinterher“, sagt Vassiliou wieder, „hat er dann zu mir gesagt, dass es nur eine Laune war.“ Aber sein Schwager habe nun mal eine Schwester mit einer halbgriechischen Familie.

„So, jetzt wollen Sie Deutscher werden?“
Für Vassiliou passen dazu auch die Erlebnisse mit seinem Einbürgerungsantrag, den er im November 2011 gestellt habe. Normalerweise sollten solche Anträge nach maximal sechs Monaten mit einem Urteil beantwortet werden, mit Ja oder mit Nein, sagt Vassiliou, aber er habe bis heute nichts gehört.

„Kein Zufall“, sagt er. „Als ich den Antrag damals gestellt habe, hat der Beamte gesagt: So, jetzt, wo Sie aus dem Euro fliegen, wollen Sie Deutscher werden, was?“

24 seiner 34 Lebensjahre hat Vassiliou mittlerweile in Deutschland verbracht, er will Deutscher werden, damit er endlich auch wählen gehen kann, sagt er.

Berlin ist gar nicht so tolerant
Das alles soll in Berlin passiert sein, der angeblichen Stadt der Toleranz. So sind die Menschen, sagt Gesellschaftspsychologe Hans-Joachim Maaz: Sie suchen Sündenböcke.

Die negative Haltung Deutscher gegenüber Griechen zeige, dass die Deutschen beunruhigt seien über ihre Zukunft. Dass sie Angst hätten, was aus ihrem Geld würde und davor, ihren Lebensstandard zu verlieren. „Sie fragen sich: Wer ist schuld?“, sagt Maaz. „Und die einfache Antwort lautet: die Griechen.“

Sie wollten ihre eigenen Probleme an anderen abarbeiten. „Bedenkliche bis gefährliche Mechanismen“ nennt Maaz das.

Der berüchtigte „Focus“-Titel
Athanasios Vassiliou redet so laut, dass die Studenten von den anderen Tischen zu ihm hinüberschauen. Er ist ein stämmiger Typ, aber er hat eine weiche Stimme, und einen Akzent hört nur noch, wer weiß, dass es eigentlich einen geben müsste.

Vassiliou sagt: „Kein vernünftiger Grieche würde bestreiten, dass das Land Reformen braucht.“ Aber in all den Jahren in Deutschland habe er sich noch nie so fremd gefühlt wie jetzt.

Der „Focus“-Titel mit der Aphrodite, die den Stinkefinger zeigte, habe die Antistimmung in Deutschland 2010 ausgelöst, glaubt er. „Dann“, sagt Vassiliou, „lief die Geschichte. Das Bild war kreiert: Der Grieche hängt nur herum und trinkt Kaffee oder Ouzo.“

„Das verletzt“
Vor Lampros Savvidis, einem Mann mit auffällig breiter Nase, steht ein volles Glas Rotwein, und Savvidis wird es in der nächsten Zeit kaum leeren. Er hat so viel zu erzählen, dass er, bevor er dazu kommt, vergessen hat, was er ursprünglich einmal sagen wollte.

Savvidis ist Vizevorsitzender der Hellenischen Gemeinde zu Berlin. Wenn er es gut meint, legt er eine Hand auf die Hand eines der Menschen, zu denen er spricht. Im Kulturzentrum, das in einer stillen Nebenstraße steht, hängen blau-weiße Wimpel an der Decke, in einer Ecke schauen zwei Männer eine Weltkriegsdokumentation im Fernsehen.

In der anderen setzt sich Lampros Savvidis in seiner Strickjacke auf einen Stuhl. Aus einem Ordner hat er einen kürzlich erschienenen Zeitungskommentar gekramt, Griechen seien undankbar, steht darin. Das habe ihn irritiert, sagt Savvidis, der Autor habe sich keine Mühe gemacht, die Griechen zu verstehen. „Das verletzt.“

Er steht auf, geht wieder zum Ordner, der auf einem Nebentisch liegt, und tauscht den Zeitungskommentar gegen einen, den er selbst einmal für die Gemeinde verfasst hat. Es reiche mit der Beleidigung und Verleumdung der Griechen, hat er geschrieben. „Das hat sich nicht geändert“, sagt Savvidis. „Die Sache ist nicht geregelt.“

Sind Deutsche und Griechen beide Opfer?
Einer der Männer aus der anderen Ecke murrt herüber: „Habt ihr schon mal so einen Präsidenten wie unseren gesehen? Er lässt sein Volk hungern.“

Er solle sich nicht einmischen, bedeutet ihm Savvidis, und fährt fort. Er sei für Europa, sagt er, und erzählt, wie er in Dortmund Elektrotechnik studiert hat, eine tolle Zeit sei das gewesen.

„Nichts ist schwer – für den Ingenieur“, den Spruch habe man ihm damals eingetrichtert, sagt er, hebt die Stimme dabei auf „schwer“, stoppt kurz, senkt sie wieder während der zweiten drei Wörter, und betont die Silben so, dass sich der Merksatz besonders rhythmisch anhört.

Deutsche und Griechen seien Opfer, sagt Savvidis dann wieder ganz unrhythmisch, manipuliert von den Medien und den Politikern, die den Menschen den Kopf verdrehten. Die älteren Griechen könnten damit umgehen, sie wüssten, wie es vor der Krise gewesen sei. „Die jungen Griechen sind bei der kleinsten Ablehnung schockiert.“

„Kein Streit zwischen Hans und Kostas“
Kostas Papanastasiou spielt mit seinem Feuerzeug, er schaut auf, wenn Gäste ins „Terzo Mondo“ kommen und verfolgt, wie der Kellner sie bedient. „Zwischen den Deutschen und den Griechen gibt es Streit, weil sie die Krise nicht verstehen, weil sie falsch aufgeklärt werden.“

Und im Streit werde man beleidigend. „Das ist kein Streit zwischen Hans und Kostas“, sagt Kostas Papanastasiou. „Es ist ein Streit zwischen Deutschen und Griechen.“ Und er sagt: „Die Krise wird noch lange Zeit bleiben.“

Papanastasiou erzählt von einer Radiosendung, die er gehört habe, ein paar Experten hätten über die Euro-Krise diskutiert. Einer habe gesagt, wenn man ihr nicht begegne, könne es Krieg geben. Keiner habe ihn ernst genommen.


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7 Kommentare

  1. Als Deutscher bin ich in Griechenland Ausländer und bisher noch niemals „angemacht“ worden. In vielen Begegnungen, egal ob auf dem griechischen Festland, auf Inseln (Kreta) oder auf den mit griechischer Besatzung fahrenden Fähren, hat man mich freundlich behandelt. Und so sollten wir auch die griechischen Mitbürger in Deutschland mit Respekt behandeln. Gerade die Griechen in Deutschland haben es im Moment doppelt schwer: sie arbeiten hier, zahlen ihre Steuern und Sozialabgaben, schaffen nicht selten sogar Arbeitsplätze für Deutsche und unterstützen trotz allem auch noch Familie & Freunde in Griechenland.
    Übrigens: Heute abend (2. Weihnachtstag) gehe ich mit meiner Familie essen. Natürlich griechisch, zu Griechen, die ich von Kreta (Kavros) kenne. Ich freue mich auf einen Abend mit Freunden!

  2. Es ist beschämend so etwas lesen zu müssen. Ich bin selber Deutscher, lebe seit 9 Jahren in Österreich und besuche seit 25 Jahren Griechenland. In Griechenland fühle ich mich am wohlsten, dort bin ich richtig glücklich. Und dazu tragen neben der schönen Landschaft, dem guten Klima, dem wunderbar sauberen Meer, dem köstlichen Essen, den guten Weinen und vor allem auch die freundlichen Griechen bei.
    Und wenn mich jemand nach meiner Herkunft fragt sage ich immer ich bin Europäer. Grenzen sind für mich nicht wichtig. Grenzen sind künstlich.
    Heimat ist da wo ich mich wohl fühle und meine Freunde sind; und diese habe ich in ganz Europa.
    Schade dass einige Deutsche nicht differenzieren können und die Ursache der Krise im Volk suchen, statt den wahren Verursachern.
    Aber ich habe schon gemerkt, als ich noch in Germany lebte, dass man dort gerne eine Schuldenbock sucht statt sich an die eigene Nase zu fassen. Daran hat sich wohl nichts geändert. Leider

  3. Es ist wirklich sehr traurig das lesen zu müssen. Die Menschen lernen anscheinend nie dazu. Aber Charakter kann man nicht lernen. Den hat man oder man hat ihn eben nicht.

  4. Aufklärung muss immer im engsten Kreis beginnen – auch in meiner Familie gibt es mehr Bild-Gläubige und bei jeder Diskussion versuche ich an Hand gemeinsamer Bekannter die Situation zu erklären. Hoffentlich nützt es etwas.

  5. Da muß man sich schonmal schämen Deutscher zu sein. Diese Überheblichkeit ist manchmal unerträglich. Und gerade diese Überheblichkeit hatten wir doch schon einmal…oder? Gott sei Dank jedoch denken und handeln nicht alle so. Im Grunde genommen sind – von ein paar dummen Ausnahmen im Volk abgesehen – die Politiker beider Seiten die eigentlich Schuldigen.
    Ich jedenfalls mag alle Griechen, habe sehr viele Freunde hier und in Griechenland. Und das wird so bleiben.
    Ich wünsche den Griechen die Kraft, das alles zu überstehen und mit Zuversicht in das Jahr 2013 zu sehen.

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