Griechenland: Ein Land segelt hart am Wind

EUROPA – Frank Loeffler und Katrin Beck organisieren Törns in der Ägäis. Griechenlands Krise erleben sie hautnah.

Von Andreas Dörr, Reutlinger General-Anzeiger

REUTLINGEN. „Griechenland ist das letzte freie Segelland Europas. Es gibt wenig bis keine Bürokratie und tausende Häfen. Man macht sein Boot fest, geht in eine Taverne, isst einen Salat, trinkt einen Ouzo, redet mit dem Wirt auch über die wirtschaftliche Not der Hellenen und geht zurück an Bord.“ Seit mehr als fünfzehn Jahren organisieren der 56-jährige Reutlinger Frank Loeffler und seine Lebensgefährtin Katrin Beck (41) Segeltörns in der Ägäis.

Sie fahren von Frühling bis Herbst mit der »Atares« über das Ionische Meer, steuern einsame Buchten und malerische Städtchen an und zeigen Touristen, die auf ihrem Schiff Urlaub machen, Land und Leute. „Griechenland ist trotz der Krise immer noch eine Reise wert“, sagt Frank Loeffler.

»Die Griechen sind aber nicht ausländerfeindlich«
Anfang der 90er-Jahre hat er Wohnung, Auto und Motorrad verscherbelt und sich die fast 15 Meter lange Jacht zugelegt. 300 Quadratmeter Segel, 1,83 Meter Tiefgang, 12,5 Tonnen Gewicht, vier Einzelkojen, eine Doppelkoje, vier Salonschlafplätze. Gekauft hat er das Schiff in Taiwan. Die Überführung vom Südchinesischen Meer ins Mittelmeer war ein 13 000 Kilometer langes Abenteuer, bei dem auch Frank Loefflers Zwillingsbruder Malte an Bord war. „Schon mein Urgroßvater ist mit seinem Segelboot über den Wannsee geschippert. Und mein Großvater war Kapitän zur See.“

Dem Indischen Ozean, seinem Lieblingsgewässer, hat er im Jahr 2000 notgedrungen den Rücken gekehrt. „Wir sind zu oft von Piraten aufgebracht worden.“ Jetzt also griechische Gewässer, wo die »Atares« derzeit überwintert. Die Jacht liegt im ambrakischen Golf, in Sichtweite der Insel Levkas.

Dass sich Frank Loeffler und Katrin Beck – er ist gelernter Einzelhandelskaufmann, sie gelernte Schneiderin – auf Griechenland eingeschossen haben, hat mehrere Gründe. „In Italien kriegst du keinen Anlegeplatz, ohne dich vorher anzumelden“, sagt Katrin Beck. Und schweineteuer und reglementiert ist es auch.

Frank Loeffler schätzt die offene und hilfsbereite Art der Griechen. „Sie sind Fremden gegenüber aufgeschlossen. Mit einem Griechen bist du schnell Freund – sofern du ihm nicht businessmäßig in die Quere kommst.“ Aber die Geschäfte laufen seit Jahren schlecht für die Griechen. Das Land ist bankrott und es wird noch viele Jahre bankrott bleiben. Ein Land segelt also hart am Wind.

Als er Fernsehbilder sieht von Demonstrationen in Athen, wo Bundeskanzlerin Angela Merkel in Naziuniform und mit Hitlerbärtchen von Plakaten prangt, wird ihm bewusst, dass die Krise eine Dimension angenommen hat, die das Land noch lange in Atem halten wird. Und Aussagen wie die von Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel (CDU), in Deutschland leisteten Angehörige des Öffentlichen Dienstes dreimal so viel wie in Griechenland, tragen zur Deeskalation nur wenig bei.

»Die Millionen und Milliarden versickern, sind futsch«
„Die Griechen sind aber nicht ausländerfeindlich. Sie trennen zwischen der Politik eines Landes und dessen Bevölkerung. Gegen die Deutschen haben die Griechen nichts. Gegen Angela Merkel schon. Sie und andere Politiker werden für das griechische Desaster mitverantwortlich gemacht“, sagt Frank Loeffler.

Seit die rigorosen Sparmaßnahmen eingeleitet wurden, ist der Zorn auch auf die eigenen Politiker gewaltig gewachsen. Davor hat den Einzelnen die Misere des Staates kaum interessiert, weil es bis dahin von der Regierung reichlich Geld gegeben hat. Seien es Renten, seien es Subventionen. „Dazu komme die Mentalität der Griechen: „Sie leben im Jetzt und was sie an Geld zur Verfügung haben, geben sie lieber heute aus als morgen“, sagt Frank Loeffler. „Wenn du einem Griechen sagst, dass es dem Staat erst in zwei oder drei Generationen besser geht, langt er sich an den Kopf, schnappt sich sein Geld und geht ins Ausland.“ Sie sind erst richtig wütend geworden, als es ihnen an den eigenen Geldbeutel ging. Als Beamte entlassen und Renten gekürzt wurden, sagt Katrin Beck. Und je mehr sich die Rezession verschärft, umso chaotischer wird die politische Lage. „Schon seit Jahren wird Geld in das Land gepumpt, ohne dass die Unsummen dort ankommen, wo sie gebraucht werden“, sagt Frank Loeffler. Das Geld hätte man nach Frank Loefflers Ansicht zweckgebunden vergeben müssen. Die Millionen und Milliarden versickern, sind futsch.

Dies bestätigte in der vorvergangenen Woche der Korruptions-Index von Transparency International. Demnach steht kein anderes EU-Mitglied in Sachen Korruptionsbekämpfung so schlecht da wie das Euro-Sorgenkind Griechenland. Mit nur 36 von 100 möglichen Punkten landeten die Hellenen auf Rang 94 und damit auf einer Stufe mit Kolumbien, Indien oder dem Senegal. 2011 stand Griechenland noch auf Rang 80, berichtete die Deutsche Presseagentur.

Wie das im Alltag aussieht, beschreibt dpa-Korrespondent Takis Tsafos: „Ihr Vater muss operiert werden. Die Warteliste ist lang. Ich werde aber sehen, was ich tun kann. Sind Sie einverstanden?“ Den Code der Ärzte verstehe in Griechenland jeder. Mit einem »Ja« verpflichten sich die besorgten Verwandten stillschweigend zu zahlen – und dann gehe es plötzlich doch: „Weil es dringend ist“, rückt der Name auf der Warteliste vor. Szenen wie diese spielten sich täglich in fast allen Bereichen der griechischen Gesellschaft ab. Längst vergleichen die Griechen die Korruption mit dem Ungeheuer Hydra aus der Mythologie: Schlägt man ihr einen Kopf ab, wachsen zwei neue nach, schreibt Tsafos.

»Ohne Zustimmung aus der Hauptstadt geht nichts«
„In Griechenland gibt es praktisch keine funktionierende Verwaltung. Vetterleswirtschaft, wohin man blickt, sagt Frank Loeffler. „Und Beamte sitzen sich auch auf den Inseln den Hintern platt, trinken Café Frappé und warten auf Anweisungen aus Athen, die nicht kommen. Aber ohne Zustimmung aus der Hauptstadt geht nichts“. Große Teile der Staatsverwaltung liegen nach Loefflers Ansicht in Agonie und es ist keine Besserung in Sicht. Wirtschaftsexperten beklagen strukturelle Verkrustungen und einen öffentlichen Sektor, der eine dominierende Rolle spielt.

Trotzdem sehen Frank Loeffler und Katrin Beck gravierende Unterschiede zwischen Stadt und Land. Dass es den Menschen in relativ kurzer Zeit dramatisch schlechter gegangen ist, trifft zu. Das gilt aber vornehmlich für Athen und andere große Städte. In den kleinen Dörfern und auf den Inseln lebt man schon immer einfach. Die Menschen ernähren sich von dem, was Boden und Meer hergeben. Das war früher so und das ist in Zeiten einer drohenden Staatspleite so« – einer Staatspleite, die programmiert ist, weil das Land so schnell nicht aus den Schulden herauskomme, sagt Frank Loeffler. Es fehle die industrielle Basis. Aus dem Geld, das ihnen geliehen wird, haben sie keinen nennenswerten Ertrag. Und deshalb können sie die Zinsen nicht bezahlen.

„Die Aussichten sind nicht rosig“, ergänzt Katrin Beck. „Manchmal wundert es mich, dass die Griechen noch Strom und Wasser haben.“


»Viele Griechen wären zufrieden mit dem, was sie haben«

Dass Griechenland niemals fit war für die Währungsunion, ist längst kein Geheimnis mehr. Und dass das Land so schnell nicht fit wird, auch nicht. Deshalb werden immer mehr Stimmen laut, die ein Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone und einen nachhaltigen Schuldenschnitt, sprich einen radikalen Schuldenerlass befürworten. Ihnen die Drachme zurückzugeben, beinhalte die Chance, das Land wieder konkurrenzfähig zu machen, glaubt nicht nur der amerikanische Ökonom Kenneth Rogoff. Andere warnen dagegen vor einem deutlichen Schuldenschnitt. Die Auswirkungen auf die anderen Problemländer Portugal, Spanien, Irland, Zypern wären nach ihrer Ansicht fatal.

Für Frank Loeffler und Katrin Beck ist es wichtiger, dass das Vertrauen der Griechen in ihre Politiker zurückkehrt. „Darin liegt ein zentrales Problem. Solange das nicht behoben ist, werden sie keine Steuern zahlen“, sagt Katrin Beck. Warum einen maroden Staat, korrupte Politiker und arbeitsscheue Beamte mit Steuergeldern füttern?

Den Griechen allein die Schuld zu geben für ihr finanzielles Desaster, greife aber zu kurz. Die Annahme, dass stetiges Wachstum stetigen Wohlstand zeitigt, hat sich längst als falsch herausgestellt. „Viele Griechen wären eigentlich zufrieden mit dem, was sie haben und wie sie leben – ein Gedanke, der auch anderen europäischen Ländern gut zu Gesicht stünde“, sagen Frank Loeffler und Katrin Beck. „Diesbezüglich kann man von den Griechen lernen.“
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In diesem Jahr hat die Atares auch Paleochora besucht. Wenn Ihr auch mal mit dem Boot Kreta besuchen wollt. schaut einfach bei Atares.de.

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