Griechenland : Ein Land – Zwei Welten

Während auf dem griechischen Festland die Menschen protestieren, wirkt der Alltag auf den Inseln fast so idyllisch wie eh und je. Eine Rundreise über Rhodos, Kreta und Santorin. Von Stefan Beutelsbacher

Einige haben sich vermummt. Haben ihre Köpfe in schwarze Kapuzen gehüllt und einen Schal um Mund und Nase geschlungen. Vor dem Parlament in Athen schimpfen sie über die Sparmaßnahmen der griechischen Regierung, auf die Europäische Union, auch auf Deutschland. Sie recken griechische Fahnen in die Luft und schwenken Transparente. Manche der Demonstranten, es sind Anhänger der rechtsextremen Partei Chrysi Avgi, werden von Polizisten gepackt und fortgezerrt.

450 Kilometer weiter südöstlich, vor einem Geröllhügel auf der Insel Rhodos, presst Maria Boleska das Gaspedal ihres Jeeps aufs Bodenblech. Sie lacht. „Wenn wir oben sind“, sagt sie fröhlich, „dann werden Sie staunen.“ Der Motor jault, bis der Suzuki Jimny auf der Kuppe in die Horizontale kippt – und der Blick plötzlich von Küste zu Küste reicht. Er fällt auf Hügel mit wilden Orchideen, Mohn und Olivenbäumen, auf zackige Felsen und schneeweiße Kapellen. Die Autotouren durch den Norden der Insel sind beliebt, Marias Suzukis ist stets gut besetzt. „Krise? Spüre ich kaum“, sagt sie.

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Athen und die Inseln: Es sind zwei Universen. In dem einen, der Hauptstadt, scheinen die Menschen verzweifelt. So heillos haben sich die Parteien nach der Wahl am 6. Mai zerstritten, dass an die Bildung einer Regierung nicht zu denken war. Kopflos treibt das Land seither dahin. Am 17. Juni soll es Neuwahlen geben. Was, wenn dann die Radikalen siegen? Wenn die politischen und wirtschaftlichen Wirren Griechenland bald krachend aus dem Euro schleudern? Wenn immer mehr Hotels, Läden und Tavernen schließen müssen?

„Wenn, wenn, wenn“, sagt Maria, die die Jeepsafaris mit ihrer kleinen Firma Bumpy Rhodes anbietet. „Warten wir es ab.“ In dieser Welt, auf den Inseln, scheinen derartige Fragen weniger wichtig. Dort sind die Bürger zuversichtlicher. Proteste? Stänkereien gegen Europa? Gegen Deutschland gar? Nichts davon. Stattdessen: freundliche, aufgeschlossene Menschen. Menschen, die wollen, dass Besucher sich wohlfühlen und wiederkommen.

Die Sache mit dem Wiederkommen funktioniert auf Rhodos dieses Jahr allerdings noch nicht so gut. „Vor allem deutsche Touristen bleiben weg“, sagt Antonis Cambourakis, Präsident des Hotelverbands der Insel. Viele sind verunsichert, seit in den Zeitungen Bilder von brennenden deutschen Fahnen zu sehen waren: Schwarz-Rot-Gold in Flammen, weil Berlin nach Ansicht der Griechen zu schmerzhafte Reformen verlangte.

Die Hotels auf Rhodos und den anderen Inseln sind bislang weniger stark ausgelastet als 2011. Nach Rhodos kamen damals 1,3 Millionen Urlauber, darunter eine Viertelmillion Deutsche. Für 2012 rechnet Cambourakis mit einem Minus von fünf Prozent. Ein Minus, das zu verkraften sei. Zudem erwartet er noch Last-Minute-Gäste: „Gut möglich, dass wir den Rückgang mit ihnen auffangen.“ Maria, die Jeep-Fahrerin, ist ähnlich optimistisch. Die Nachfrage sei derzeit hoch. So hoch, dass sie und ihre Kollegen manchmal an sieben Tagen pro Woche über die Hügel holpern. Erst vor einem halben Jahr hat der Offroad-Anbieter Bumpy Rhodes 15 neue Autos bestellt.

Nach der Offroad-Tour parkt die junge Frau ihr weißes Cabrio vor der Feinschmeckertaverne „Old Kamiros“, einem Restaurant hoch über dem Strand, von dem man an einem klaren Tag wie diesem bis zur türkischen Ägäisküste blicken kann. An einem Tisch direkt an der Veranda sitzt Karin Pouzoukakis, eine Dortmunderin, die mit einem Griechen verheiratet ist und seit 45 Jahren auf Rhodos lebt. Und anders als Maria die wirtschaftlichen Probleme des Landes spürt: Es sei gerade die härteste Zeit ihres Lebens, sagt die Rentnerin – ihre Altersbezüge und die ihres Mannes seien um ein Viertel gekürzt worden, ihre zwei erwachsenen Söhne bekämen ein mickriges Gehalt. Mehr als 700 Euro seien für junge Leute derzeit nicht drin, klagt sie: „Brutto, versteht sich.“

Archanes auf Kreta ist ein Traum von einem Dorf. Herrenhäuser, gemauert aus Naturstein. Blumenkübel, aus denen duftend Oleander quillt. Wein, der sich an weiße Mauern schmiegt, um Regenrinnen rankt. Ein Dorf, schöner als alle anderen in Griechenland. Das ist sogar verbrieft: Archanes gewann bei dem EU-Wettbewerb „Europäisches Dorf“ 2000 den zweiten Platz – hinter dem deutschen Ort Kirchlinteln an der A27 zwischen Bremen und Hannover.

Archanes wächst etwa zwölf Kilometer südlich von Heraklion, der Hauptstadt Kretas, aus dem Hang des Berges Giouchtas. Wen sollten hier schon die Vermummten in Athen kümmern? Die Proteste? Die EU-Verträge? Niemanden, könnte man meinen. Aber das stimmt nicht ganz.

Stavros Arnaoutakis kann nicht still sitzen, während er über die Finanzkrise spricht. Er fuchtelt mit den Händen durch die Luft, rückt auf seinem Stuhl hin und her, lehnt sich nach vorne, beugt sich zurück. „Man mutet uns zu viel zu“, sagt er. „Die EU muss uns mehr Zeit geben.“ Arnaoutakis diskutiert so leidenschaftlich, wie es vielleicht nur ein Vollblutpolitiker kann: Der stets freundlich dreinblickende 56-Jährige ist Gouverneur von Kreta, war zuvor Staatssekretär im griechischen Wirtschaftsministerium, Abgeordneter im Europäischen Parlament – und 13 Jahre lang Bürgermeister von Archanes, seiner Geburtsstadt.

„Was Griechenland braucht, ist Wachstum“, sagt er. „Die Sparauflagen der EU sind dabei nicht unbedingt förderlich.“ Jeder zweite Laden in Heraklion habe schließen müssen, auch einige Hotels seien vom Ruin bedroht. Tatsächlich sieht man in der Innenstadt viele leer stehende Geschäfte, und auch die Tavernen könnten besser besucht sein. Etliche Tische auf ihren Terrassen sind unbesetzt. Um den Tourismus auf Kreta zu retten, jene Branche, die der Insel den Großteil ihrer Einnahmen beschert, will Arnaoutkis die Urlaubssaison verlängern. „Die Sonne scheint hier schließlich auch im Spätherbst noch, und der Winter ist mild.“ Der Politiker plant, Museen stärker zu fördern und Wanderwege auszubauen, um auch in kühleren Monaten noch Gäste auf das trockene, bergige Eiland zu locken. Bislang ist ab November hier nicht mehr viel los.

Eine Sekunde freier Fall. So kommt es einem vor, wenn der Katamaran erst hoch auf den Wellenkamm klettert, einen Wimpernschlag lang reglos verharrt – um dann steil nach vorne zu kippen und seinen Bug krachend ins Wasser zu stürzen. Die Ägäis ist aufgewühlt an diesem Morgen, die Fahrt mit der „Flying Cat 4“ von Kreta nach Santorin wackelig. Das Zweirumpfschiff der Reederei „Hellenic Seaways“ – 55 Meter lang, 75 Kilometer pro Stunde schnell – schafft die Strecke in weniger als 120 Minuten. Zwei Stunden, die dem Magen viel zumuten.

Die Entschädigung dafür gibt es später: auf dem Gipfel des Profitis-Ilias-Massivs, mit 567 Metern die höchste Erhebung der Insel. Es lohnt sich, die steilen, engen Serpentinen hinaufzukurven. Von oben lässt sich die gesamte Caldera überblicken – der Vulkankessel. Denn das ist der Santorin-Archipel, der aus den ringförmig angeordneten Eilanden Thira, Thirasia und Aspronisi besteht: der Rand eines gigantischen, vom Meer gefluteten Kraters.

Wohl auch wegen dieser Szenerie ist Santorin die Insel der Reichen und Berühmten. Scheichs und Hollywoodstars haben sich prachtvolle Villen an die Caldera bauen lassen. Brad Pitt und Angelina Jolie besitzen ein Haus in Oia. Die Stadt schraubt sich am nordwestlichen Zipfel des Archipels die Küstenfelsen hinab. Dank dieser Lage sind die Tavernen hier besonders gemütlich: Viele Gaststätten wurden in die Klippen gemeißelt – und gleichen mit ihren gewölbten Decken kleinen, warmen Höhlen. Dicht an dicht drängen sich im Inneren die Gäste. „Wir sind gut besucht“, sagt Stella, die Wirtin des Fischlokals „Poseidon“: „Die Krise kenne ich nur vom Hörensagen.“

Draußen sieht Oia aus wie gemalt. Aus steilen Felswänden strebt eine Welt aus Blau und Weiß hervor. Es sind die Bauten, für die Santorin so bekannt ist: die weißen Häuser mit blauen Kuppeln, blauen Fensterläden, blauen Zäunen. Dazwischen enge, steile Gassen.

Es ist eine heile Welt wie eh und je. Und Athen ist fern. 230 Kilometer weit weg. Irgendwo in einem anderen Universum.

Quelle: Welt.de

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