Griechenland – Ein Zustandsbericht

Beleidigungen, Chaos und sich selbst erfüllende Prophezeiungen

Wassilios Aswestopoulos 28.05.2012

Griechenland – ein Lagebericht
Wenn jeder umgefallene Sack politischer Reis ein mediales Erdbeben auslöst, dann kann mit Fug und Recht von der Unmöglichkeit eines Klimaumschwungs philosophiert werden. Somit werden alle Weissager Recht behalten, die unter den gegebenen Umständen den baldigen totalen Kollaps Griechenlands vorhersagen. Bedenklich stimmt, dass viele dieser Propheten selbst dazu beitragen. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass die Griechen am 17. Juni erneut ein für Europa radikales Wahlergebnis liefern werden.

Was wirklich geschehen wird, wenn nach den Wahlen eine sparkursfeindliche Regierung oder erneut keine Regierung das Sagen hat, darüber wird nicht nachgedacht. Vielmehr geht es den meisten Beteiligten darum, noch mehr Öl ins Feuer zu gießen. Es finden sich immer seltener nüchterne, wenn auch erschütternde Berichte. Vom für ein Wirtschaftswachstum notwendigen Optimismus fehlt jede Spur.

Der aktuelle Wasserstandsbericht
Tatsächlich ist Griechenland für tagtägliche Schlagzeilen gut. Woran es wirklich hakt, wird leider nirgends mehr klar. Die Griechen werden von ihren Medien mit täglichen Hiobsbotschaften überschwemmt. Sie erfahren dabei unter anderem, dass der italienische Tourismusriese Veratour ebenso wie andere Tourismusriesen auch, seine Zahlungen an griechische Vertragspartner, darunter zahlreiche Luxushotels, vorläufig einstellt.

Die Italiener zweifeln nicht etwa an der Ehrlichkeit ihrer Geschäftspartner, sie spekulieren vielmehr darauf, dass ein bevorstehender Euroaustritt das Geschäft für sie noch lukrativer machen könnte. Den Hellenen wird erzählt, dass TUI an deutsche Kunden eine Art Reisewarnung ausgegeben habe. Demnach sollten die Urlauber nicht unbedingt auf die griechischen Banken vertrauen. Was im Hinblick auf die individuellen Interessen der Urlauber und die Verantwortung des TUI-Konzerns vollkommen logisch und nachvollziehbar erscheint, hat auf das Wirtschaftsleben Griechenlands jedoch verheerende Auswirkungen.

Denn nicht immer stimmen Ton und Wortwahl der Übersetzung mit den Originaltexten überein. Medial wird ein umgefallener Reissack in aller Welt schließlich immer dann interessant, wenn sich damit etwas verdienen lässt. Also wird die Meldung, wiederum vollkommen logisch und nachvollziehbar im Geschäftsinteresse des jeweiligen Mediums entsprechend dramatisiert.

wie-man-richtig-wahlt

Kombiniert man dazu den totalen Einbruch in den Buchungszahlen für den Tourismus, der momentan bei der fünfzig Prozent Marke steht und die Tatsache, dass den Spardiktat-Fanatikern der EU-EZB-IWF-Troika der ohne staatliche Gelder, allein mit Hilfe von Sozialabgaben der Arbeitnehmer finanzierte Sozialtourismus ein Dorn im Auge war, dann wird klar, dass die griechische Hauptindustrie, der Tourismus, dieses Jahr seinen Supergau erleben wird. Die Troika kassierte die Arbeitnehmerabgaben für die Schuldentilgung. Bezahlt wurde damit bislang als Sozialleistung aber auch zur Hilfe der Tourismusunternehmen für die Vor- und Nachsaison, der Urlaub von 700.000 Bedürftigen sowie Kulturprogramme. Die Griechen fragen sich angesichts der immer noch anhaltenden Rezession, ob gerade diese Maßnahme sinnvoll war.

Was unser Freund Wassilis noch zu sagen hat, lest bitte hier: Heise.de

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