Griechenland – eine humanitäre Katastrophe mitten in Europa

Von Ursula Pidun / 22. Oktober 2012 / Spreezeitung.de

Freundschaften unter den EU-Ländern sind wohl nur auf Sand respektive Geld gebaut. Anders lässt es sich nicht erklären, warum die Europäische Union – allen voran Deutschland – der humanitären Katastrophe, die sich in Griechenland zusammenbraut, ungerührt und allenfalls sanktionierend zuschaut.

Dass sich Griechenland angesichts bestehender Verhältnisse reformieren muss, steht außer Frage. Unter welchen, menschlich völlig inakzeptablen Umständen sich diese Prozesse entwickeln, kann niemanden unbeteiligt lassen. Oder etwa doch? Während sich Euro-Retter noch im Licht des Friedensnobelpreises sonnen, braut sich in Griechenland eine humanitäre Katastrophe zusammen. Das wirft ein Bild auf eine europäische Gesellschaft, die sich im Rausch vermeintlich erforderlicher Super-Reformen zur Sicherung der kontinentalen Wettbewerbsfähigkeit sowohl von sozialen als auch von ethischen Aspekten verabschiedet hat. Schmach und Häme überzieht unser Nachbarland und drückt es unverdient in die Schmuddelecke Europas.

Menschen wühlen im Müll
Während sich das einst so stolze Griechenland spürbar schämt und mit geballten Kräften aus dem Sumpf zu ziehen versucht, wühlen viele Bürger des krisengeschüttelten Landes – Kinder inklusive – bereits im Abfall nach Essbarem herum, um die nächste Tage zu überleben. Kranken und alten Bürgern werden Medikamente und ärztliche Hilfestellungen versagt. Obdachlosigkeit greift zunehmen um sich und die letzten Reste einer funktionsfähigen Infrastruktur fallen endgültig in sich zusammen. „Selbst schuld“, schallt es aus anderen europäischen Staaten – allen voran einmal mehr aus Deutschland. Sinnvolle Hilfen werden dem EU-Partner vehement vorenthalten. Der „Freund“ soll zusehen, wie er sich aus der Bredouille kämpft.

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Schulden bis zur Halskrause

Statt Masterplan, wie ihn die Deutschen beispielsweise nach dem unvergleichlichen Desaster des Zweiten Weltkriegs von echten Stützen dieser Welt zuteil geworden ist, fuchteln ewig Besserwissende mit erhobenen Zeigefingern Richtung Athen. Gerade so, als seien sie selbst über jeglichen Zweifel erhaben. Angesichts eigener Schulden bis zur Halskrause (trotz Steuereinnahmen in nie gekannten Höhen) ein Märchen, das geschickt verpackt in diverse Vertuschungsprogramme nicht so aufzufallen droht. Umsichtiges Haushalten und eine Ausgabenpolitik im Sinne des Gemeinwohls wird schließlich auch in der BRD zunehmend zur Mangelware.

Spardiktat unter Aufsicht der „Troika“
Zuwendung wird den Griechen einzig in Hinblick auf ein rigides Spardiktat zuteil, das bis ins kleinste Detail von einer sogenannten Troika diktiert wird. Dies geht soweit, dass selbst in Gesetzgebungsverfahren des EU-Partners von außen eingegriffen wird. Es schont die Verursacher des Desasters und bestraft Unschuldige auf unangemessene und völlig inakzeptable Weise. Nur wenn sich Griechenland den Anordnungen von außen unterwirft, kann es auf die finanzielle Hilfen hoffen, die zum größten Teil direkt den Banken zu Gute kommen. Ansonsten wird sanktioniert, lautet die gebetsmühlenartig gepredigte Drohgebärde. Ein Programm übrigens, das peu à peu auch jedem anderen Mitgliedsland wie ein Fangnetz übergestülpt wird. Ein EU-Land nach dem anderen wird sich dem Spardiktat unterwerfen, koste es was es wolle. Eine gigantische Ausweitung des Niedriglohnsektors zum Beispiel, aus dem sich Teile der Wirtschaft unappetitlich bereichernd speisen. Renten unterhalb der Existenzfähigkeit, immer längere Lebensarbeitszeiten und Sozialsysteme, die den Namen nicht mehr verdienen, weisen den Weg in die Zukunft. Fortschritt für die Menschen? Fehlanzeige!

Was haben die „Macher“ aus Europa gemacht?
Die Euro Krise kommt zwar gelegen, um dem Europäer zu suggerieren, er habe keine andere Wahl. Auf Dauer aber werden die Menschen solche Verhältnisse nicht akzeptieren. Immer dann, wenn es vermeintlich keine Wahl gibt und „Alternativlosigkeit“ regiert, stehen auch demokratische Verhältnisse zur Disposition. Was haben die „Macher“ aus Europa gemacht? Unternehmen müssen den Menschen dienen, nicht umgekehrt. Wer letztendlich Heerscharen an Billig-Arbeitskräften generieren will, der sollte es klar und deutlich formulieren, damit er abgewählt wird. Die humanitäre Katastrophe in Griechenland ist jedenfalls erst der Beginn einer politisch begründeten Entwicklung, die alles Mögliche verdient – nicht aber gegenseitiges Schulterklopfen, Europa- und Friedensnobelpreise oder gar eine Wiederwahl. Unsere europäischen Nachbarn in Griechenland warten dringend auf effiziente Hilfen, die an vorderster Stelle die existenziellen Probleme der Bürger löst. Geschieht dies nicht, wird aus einem vereinten Europa ein gespaltener Kontinent. Und dies viel eher, als es sich jene vorstellen können, die sich angesichts ihrer vermeintlichen Leistungen fortdauernd feiern und vom Applaus berauschen lassen.

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