Griechenland: Entwicklungshilfe aus Wien

Zwei junge Griechen sind vom Ausland nach Athen zurückgekehrt, um dort ihren Landsleuten bei der Gründung von Start-ups zu helfen. Denn die Gründerszene vor Ort wächst.

 von Eva Winroither  (Die Presse)

Ausgerechnet Griechenland. Griechenland mit seinen schlechten Wirtschaftsprognosen, seiner hohen Arbeitslosigkeit, das ewige Sorgenkind in der EU. Seit Beginn der Krise versinkt das Land in einer Depression. Nicht nur in einer wirtschaftlichen, sondern auch in einer menschlichen. Ein Drittel aller Griechen ist armutsgefährdet. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 60 Prozent. Die Selbstmordraten sind gestiegen, ebenso die Totgeburten. Die Mittelschicht droht schon längst wegzubrechen.

Entwicklungshilfe aus Wien

Bild: Facebook (athens.impacthub.net) 
 In dieser Phase ist Dimitris Kokkinakis zurückgekehrt. Er und seine Kollegin Sophie Lamprou. Die beiden wollen in Athen einen Impact Hub aufbauen. Eine Art globales Netzwerk, wo sich junge Unternehmer treffen, die die Welt nachhaltig verändern wollen. Einen Ort, wo Gründer hingehen, wenn sie ihr Unternehmen in die Realität umsetzen. Ausgerechnet in Griechenland.

Dafür hat der 26-jährige Kokkinakis fast drei Jahre in Wien gelebt. Hat im Impact Hub Vienna gelernt, wie man Communitys aufbaut, wie man pensionierte Manager mit jungen zusammenbringt. Und was es braucht, damit Unternehmer Räumlichkeiten annehmen. Seine Kollegin Sophie, 27Jahre alt, war zeitgleich im Impact Hub Madrid tätig. Das Hub-Konzept wurde 2005 in London gegründet und umfasst mittlerweile über 50 Hubs auf fünf Kontinenten.

Plus den einen neuen in Athen. Der Zeitpunkt der Rückkehr der beiden Jungunternehmer kam nicht von ungefähr. „Es haben unheimlich viele Initiativen gestartet. Es war ein bisschen wie ein Ruf“, sagt Kokkinakis. Sein Eindruck hat ihn nicht getäuscht. Ausgerechnet in Griechenland hat sich durch die Krise eine stetig wachsende Gründerszene gebildet. „Start-ups sind derzeit total im Trend, vor allem in Athen“, sagt Kokkinakis. Als er zurückgekommen sei, hätte er fünf bis sechs Start-up-Konferenzen in nur einem Monat in der griechischen Hauptstadt besuchen können.

Eine logische Entwicklung, findet er. „Viele Menschen mussten durch die Krise ihr Leben neu erfinden“, sagt er. Wenn alte Systeme nicht mehr funktionieren, müssen neue her. Und einige Griechen, so scheint es, sind fest entschlossen, ihr Land wieder aufzubauen. Ein Stückchen besser, ein bisschen grüner, etwas nachhaltiger. Die Ideen reichen von Ökotourismus über lokalen Produktionen, Food-Communitys, grüne Technologien bis hin zu alternativen Währungen.

Die Firma Eumelia produziert etwa Bio-Olivenseifen und -öl, gleichzeitig kann man auf der Olivenfarm Urlaub machen und bei der Produktion mithelfen. In der Bike Kitchen sollen wiederum Fahrräder repariert werden, auch als Maßnahme gegen die hohe Arbeitslosigkeit. Bei Place Identity will man verlassene Plätze wiederbeleben, bei Alternative Athens bringt man Reisende mit Einheimischen zusammen. Was Kokkinakis noch stört, ist, dass viele Start-ups im Tech- und App-Bereich angesiedelt sind. „Die schauen nach Silicon Valley“, sagt er. Es brauche noch mehr Fokus auf die Heimat. Auch mehr Austausch zwischen den Branchen.

Halbes Jahr Testphase

Und dort wollen er und Sophie auch mit ihrem Impact Hub Athens ansetzen. Seit einem halben Jahr testen sie den Betrieb (im Start-up-Jargon heißt das Betaphase). Dafür haben sie ein 460 Quadratmeter großes Haus im historischen Zentrum Athens, unweit der Akropolis, gemietet. Ein Haus des Österreichers Ernst Ziller, worauf Kokkinakis besonders stolz ist. Das renovierungsbedürftige Haus mussten sie in stundenlanger Arbeit selbst herrichten. Jetzt können Start-ups den Platz für Meetings nützen, es gibt Besprechungsräume und eine Küche; gleichzeitig können sie auf das weltweite Hub-Netzwerk zugreifen, das immerhin 7000 Mitglieder hat.

Ansprechen wollen die beiden mit ihrem Hub in erster Linie Sozialunternehmen, also Social Entrepreneurs, oder, weiter gegriffen, Social Innovators. „Menschen, die mit ihren Ideen etwas verändern wollen“, sagt der junge Mann. „SC!FY, Science for You“ basteln hier derzeit an ihrer Idee, Open-Source-Software und Hardware für jeden zugänglich machen, ein anderes Start-up kümmert sich um behinderte Kinder. Bei City of Errors können User wiederum Probleme, die ihnen in der Stadt auffallen, fotografieren und online posten. Inklusive Lösungen.

Fünf Jahre darauf hingearbeitet

Finanziert wird der Impact Hub Athens im Moment noch von den Ersparnissen der beiden Gründer. Später will man durch Veranstaltungen Einnahmen erzielen. Im März 2014 soll die offizielle Eröffnung folgen. Dann werden die beiden am Ende eines Plans angekommen sein, den sie zielstrebig seit fünf Jahren verfolgt haben. Während ihres Studiums in Athen sind die beiden Griechen – die in der Hauptstadt auch geboren wurden – immer mehr in die internationale Studentenszene gerutscht. Auf einer Konferenz in Brasilien haben sie vor fünf Jahren das erste Mal von dem Hub-Konzept gehört und beschlossen, selbst einen zu gründen.

Leicht war der Start nicht

„Die Bürokratie in Griechenland ist schwierig zu meistern“, sagt der 26-Jährige. Und auch das Finden von Weggefährten und Partnern sei nicht immer einfach gewesen. „Wir mussten oft das Vertrauen der Menschen wiederherstellen, nachdem schon so viele Projekte und Unternehmen fehlgeschlagen sind.“ Eine Folge der Krise. Frustrierend.

Derzeit konzentrieren sich die beiden darauf, Netzwerke und Infrastruktur aufzubauen sowie Finanzierungsprogramme auf die Beine zu stellen. Denn Risikokapital und Förderungen sind in Griechenland schwierig zu bekommen. Das widerlegt auch die These, dass sich gerade Menschen selbstständig machen, die keinen Jobperspektiven hätten. Die meisten hätten schon ein Unternehmen oder Arbeit, sagt Kokkinakis. Außerdem, fügt er hinzu, sei Entrepreneur-Sein ein Lebensstil. Große finanzielle Spielräume gebe es ohnehin nirgends. Weswegen hier eine einfach Devise verfolgt wird: Das Start-up soll im Idealfall schon im ersten Monat finanziell funktionieren.

 HUBS

Im Herzen von Athen liegt der Impact Hub Athens, der im März 2014 eröffnen soll.athens.impacthub.net.

Mitten im siebten Bezirk liegt der Impact Hub Vienna, in dem Dimitris Kokkinakis fast drei Jahre lang gelernt hat. vienna.impacthub.net.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 15.12.2013)


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