Griechenland: Kleine Boote sinken nicht

Der Medienmarkt ist in Krisenländern wie Griechenland hart umkämpft

Von Heike Hausensteiner, Wiener Zeitung

Neue genossenschaftliche Zeitung in Griechenland wird ein halbes Jahr alt.

„Efimerida ton Syntakton“: eine genossenschaftlich organisierte Tageszeitung mit guter Zukunftsperspektive.Efimerida ton Syntakton

Wer in Krisenzeiten den Arbeitsplatz verliert, kann zum Beispiel sein eigenes Unternehmen gründen. Es sprießen aber nicht nur Ein-Personen-Unternehmen, sondern auch Zeitungen. In Griechenland jedenfalls. Die Tageszeitung „Efimerida ton Syntakton“ oder „Zeitung der Redakteure“ wird im April bereits ein halbes Jahr alt.

Das Besondere an der neuen Zeitung: Sie ist ein genossenschaftliches Projekt, das die Mitarbeiter vom Start weg finanzierten. Von den Redakteuren bis zu den Technikern zahlte jeder 1000 Euro in die Genossenschaft ein, zwei Monate verzichteten sie auf ihr Gehalt. Die Zeitung der Redakteure will gleichzeitig einen neuen Qualitätsjournalismus in Griechenland etablieren.

Die Redakteure stammen großteils von der legendären, vormals linksliberalen, Zeitung „Eleftherotypia“ oder „Pressefreiheit“, die 2012 – vorübergehend – eingestellt wurde, und haben so aus der Not eine Tugend gemacht. „Um den Geist von ,Eleftherotypia‘ wiederzubeleben, deren Qualität sich in der Vergangenheit verschlechtert hatte“, wie der Chefredakteur der Zeitung der Redakteure, Stamatis Nikolopoulos, erklärt. Man wolle eine gute, unabhängige Zeitung herausgeben.

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„Ein kleines Wunder“
Grund genug für Giorgos Tsiaras, seinen Job bei der dem rechten, reformistischen Flügel der sozialdemokratischen Partei Pasok nahestehenden, Tageszeitung „To Vima“ („Das Podium“) aufzugeben. Tsiaras leitet jetzt das Auslandsressort der Zeitung der Redakteure und meint: „Diese Zeitung ist ein kleines Wunder.“ Vielen Zweifeln zum Trotz habe man das Projekt in die Tat umgesetzt. Und Gehälter wurden inzwischen auch schon ausbezahlt. „Wir haben alle denselben Betrag bekommen, von der Sekretärin bis zum Chefredakteur“, betont Tsiaras.

Die Zeitung der Redakteure verkauft nach eigenen Angaben pro Tag durchschnittlich 10.000 Exemplare, mit der 64 Seiten starken Wochenendausgabe sind es deutlich mehr. Die Zeitung habe „gute Chancen zu überleben“, glaubt Tsiaras. „Wir sind ein kleines Boot auf diesem großen Ozean des Medienmarkts. Manchmal sinken die großen Schiffe bei einem Sturm schneller, weil sie nicht so leicht wenden können, und kleine Boote kommen durch.“

Im Gefolge der Wirtschafts- und Finanzkrise mussten in Griechenland von den einst mehr als 20 Tageszeitungen bereits mehrere ihr Erscheinen einstellen. Der Anzeigenmarkt ist auf die Hälfte geschrumpft. Dass Beschäftigte in der Medienbranche monatelang auf ihre Gehaltszahlung warten, ist keine Seltenheit. Nämliches war auch in der „Eleftherotypia“ passiert: Im Juli 2011 war ein kompletter Zahlungsstopp für die Gehälter aller 700 Angestellten verfügt worden. Hatte die 1975, nach dem Ende der Militärdiktatur, gegründete Tageszeitung viele Jahre als Synonym für kritischen Journalismus gegolten, ging das zuletzt sozialistisch ausgerichtete Blatt Ende 2011 in Konkurs und wurde Anfang 2012 zum vorerst letzten Mal gedruckt. Seit Anfang Jänner 2013 erscheint das einstige linksliberale Flaggschiff in veränderter Form.

„Ein Sakrileg“ gegenüber der alten Zeitung und ihren Lesern, meinen ehemalige Redakteure, die in der Zeitung der Redakteure ihr neues Zuhause gefunden haben. Um die Gunst des Publikums der alten „Eleftherotypia“ rittert außerdem eine weitere neue Tageszeitung, die „6 Meres“ („Sechs Tage“). Es ist ein Überlebenskampf für alle Zeitungen. Nicht nur das Anzeigenvolumen, auch die Zahl der Leser ist stark zurückgegangen. Derzeit verkaufen in Griechenland alle Tageszeitungen zusammen 100.000 Stück, früher hatte alleine die „Eleftherotypia“ diese verkaufte Auflage.

Zeitung zu lesen ist offensichtlich für viele Luxus geworden. „Damit man jeden Tag Zeitung lesen kann, braucht man im Monat durchschnittlich 40 Euro“, rechnet Giorgos Tsiaras vor. Viele Griechen würden aber nur 500 Euro monatlich verdienen oder seien arbeitslos. Doch nicht nur der Lebensstandard habe sich in Griechenland verschlechtert. „Einen Niedergang gab es auch in der Politik“, weist der Chefredakteur der Zeitung der Redakteure, Stamatis Nikolopoulos, auf den Autoritarismus der Regierung und das kaum funktionierende Parlament hin. Athanassios Papandropoulos, Ehrenpräsident der griechischen Sektion der Europäischen Journalistenvereinigung, meint sogar: Viele Medien hätten sich ihren Absturz selbst zuzuschreiben, weil sie mit Politik und Wirtschaft unter einer Decke steckten. „Das Grundübel des griechischen Journalismus ist dessen Abhängigkeit vom Staat, der über 50 Prozent des Anzeigenmarktes kontrolliert.“


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