Griechenland – Sogar das Olivenöl wird importiert.

«Sogar das Olivenöl wird importiert»

Der griechische Philosoph Nikos Dimou stellt seinen Landsleuten ein schlechtes Zeugnis aus: Bauern in Thessalien fahren Porsche Cayenne, der Staat ist verfettet und die Schattenwirtschaft ein Riesengeschäft.

Warum ist der griechische Staat so verschuldet?

Der griechische Staat war schon vor seiner Gründung verschuldet. 1824, drei Jahre nach dem Beginn des Unabhängigkeitskrieges gegen die Türken, haben die Griechen eine grosse Anleihe aus England bekommen. Nach der Intervention der Grossmächte Russland, Frankreich und England fand 1829 die Befreiung statt. Doch die Anleihe, die eigentlich für den Befreiungskrieg gedacht war, für Waffen und Munition, wurde zwischen den verschiedenen Häuptlingen und Kämpfern verteilt – und verschwand.

Eine Geschichte im Zeichen der Schulden?

Ja, die Geschichte Griechenlands ist eine Geschichte von Schuld und Schulden. Die Gründungsschuld hat sich über die ganze Zeit seiner Existenz erhalten. Es handelt sich also um eine endemische Angelegenheit. Die Griechen haben nie gelernt zu wirtschaften. Dafür gibt es verschiedene Gründe: 30 bis 40 Prozent Schattenwirtschaft, ein Mangel an Organisation und ein Hang zur Übertreibung, verbunden mit dem Wunsch, alles zu besitzen, auch wenn die Mittel fehlen. Hinzu kommen die Korruption und die übergrosse Bürokratie mit dem riesigen Staat, der grösser ist als das Land.

Wie meinen Sie das?

Österreich hat 200’000 Beamte, Griechenland mit gleicher Einwohnerzahl eine Million. Unsere Verschuldung der letzten Jahrzehnte hat einen wichtigen Grund in der Handelsbilanz: Griechenland produziert und exportiert weniger, als es importiert. Heute führen wir traditionelle griechische Produkte wie Zitronen und Orangen aus Spanien und Argentinien ein, sogar das Olivenöl kommt teilweise aus dem Ausland. Obwohl wir andere Einnahmequellen haben wie den Tourismus oder die Reedereien, gab es in den letzten 30 Jahren alljährlich ein Handelsbilanzdefizit von 12 Prozent. Das ist eine riesige Summe, die Summe unserer gesamten Schulden. Um diese Lücke zu füllen, muss man sich Geld leihen.

Nun eben von der EU.

Die Eurozone hat die Situation noch verschlimmert. Denn mit der harten Währung des Euro konnten wir noch besser und einfacher Geld ausleihen als mit der alten Währung.

Was läuft da schief?

Die EU betreibt eine Agrarpolitik, die unseren Bauern zugutekommt. Diese werden auch dann bezahlt, wenn sie nicht produzieren. Die griechischen Bauern haben davon stark profitiert in den letzten zehn Jahren. Erstens wurde viel geschwindelt: In einem Dorf mit 100 Schafen gab es auf einmal pro Bauer 100 Schafe – sie wurden mehrfach deklariert. Oder: Addierte man die Fläche der Äcker auf einer Insel, war die Zahl grösser als die Insel. Wenn ein Pfirsichbauer seine Früchte auf einem Baum vergammeln liess und eine Katastrophe wie Hagel für den Produktionsausfall meldete, kam er finanziell besser weg, als wenn er sie gepflückt und verkauft hätte.

Sind das keine Einzelfälle?

Nein, das wurde im grossen Stil betrieben. Die Folge war, dass es in fruchtbaren, von Bauern bewohnten Gebieten wie Thessalien relativ gesehen mehr Porsche Cayennes gab als etwa in München. Es war eine Zeit, als es dem Staat schlecht, den Bürgern aber sehr gut ging. Diese wollten nicht einsehen, dass sich ihre ganze Lebenshaltung auf Schulden aufbaut. Das ist die eine Seite.

Und die andere?

Sind die verdorbenen Politiker. Sie haben viel zu viele Leute eingestellt, sodass der Staat zu gross wurde. Der Etatismus war bei linken und rechten Parteien verbreitet. Die erste von der EU geforderte Massnahme zielte auf die Verkleinerung des Staates. Doch das Gegenteil ist geschehen: Der Staatsapparat wurde vergrössert und der private Sektor, der die Wirtschaft am Leben erhält, wurde kleiner – mit der Folge, dass wir eine Million Arbeitslose haben. Beim Staat wurde noch keiner entlassen und wenn, dann werden die Beamten ohnehin nicht einfach auf die Strasse gestellt, sondern gut versorgt entlassen.

Leidet darunter der private Sektor?

Wenn der Staat kleiner wird, wächst die Wirtschaft. Bürokratie produziert vor allem Bürokratie. Diese verhindert die Gründung von Unternehmen. Es gibt Hunderte Vorschriften, und wenn ein Geschäft einmal eröffnet ist, häufen sich die Kontrollen. Es gab sogar die Auflage, dass Unternehmer Angestellte nur unter erschwerten Bedingungen entlassen durften – das hat diese daran gehindert, Leute einzustellen. Die Gewerkschaften erreichten das Gegenteil dessen, was sie beabsichtigten. Es wird oft behauptet, Griechenland sei neben Nordkorea und Kuba der letzte kommunistische Staat. Zwar haben wir keine Diktatur, aber was unsere Mentalität und Ideologie betrifft, sind wir beinahe kommunistisch.

Bisher hat Griechenland den EU-Vorgaben nicht entsprochen.

Vor 150 Jahren hat der kluge Schriftsteller Emmanouil Roidis gesagt: Griechenland braucht nur ein Gesetz. Dieses besagt, dass alle Gesetze auch wirklich umgesetzt werden müssen. Das Problem bei uns ist nämlich, dass die Gesetze nicht befolgt werden. So ist es seit anderthalb Jahren verboten, in Restaurants zu rauchen. Doch nur die Nichtraucher halten sich daran.

Nun kommen Kontrolleure aus Europa nach Griechenland. Ist das eine Demütigung des stolzen Volkes?

Ja, wenn die Kontrollen verstärkt werden, erfahren das die Griechen als Demütigung. Die Leute sagen, wir haben unsere Unabhängigkeit geopfert. Für manche fing das schon mit dem Beitritt zur EU an. Die Griechen lieben Verschwörungstheorien: So glauben viele, dass es gar keine Krise gibt. Diese sei nur vorgeschoben, damit Fremde das Land übernehmen könnten. Dies alles ist ein Ausdruck von Hybris, denn so wichtig ist das Land nicht, dass sich alle darum kümmern – hier zeigt sich bloss der griechische Minderwertigkeitskomplex.

Bei so einer Vergangenheit?

Das ist es ja! Die grosse Vergangenheit und deren Mythen lasten auf der Gegenwart. Die Welt, so glauben die Griechen, steht in unserer Schuld, allein für die Wörter, die überall gebraucht werden – in der Medizin und Mathematik, aber auch schon das Telefon ist griechischen Ursprungs. Wenn die Welt für jedes griechische Wort, das sie braucht, etwas bezahlen würde, wären unsere Schulden getilgt. Die Griechen meinen, sie seien sehr wichtig und verdienten eine Spezialbehandlung. Und einige meinen, die EU solle unsere Schulden bezahlen und uns genug Geld geben, damit wir gut leben könnten, ohne viel zu arbeiten.

Das ist schon eine bizarre Haltung.

Die Griechen sind gespalten: zwischen Westen und Osten, zwischen der alten Glorie und der neuen Misere. Sie haben eine Hassliebe zu Europa. Sie wollen Europäer sein, fühlen sich aber als Aussenseiter. Das Land hat von all den Bewegungen, die den europäischen Kontinent belebt haben, nichts mitbekommen: kein lateinisches Mittelalter, keine Renaissance und Reformation, keine Aufklärung und Bürgerklasse, keine französische oder industrielle Revolution. Griechenland wurde aus der feudalen Zeit direkt in die Moderne katapultiert. Auf einmal sollten die Griechen moderne Europäer sein, aber auch noch mit dem kulturellen Gepäck der Altgriechen. Diese Konfusion steckt immer noch im griechischen Menschen. Er hat ein Identitätsproblem: Weder weiss er, wer er ist, noch wohin er gehört.

QUELLE: Nikos Dimou, NY Times

“We used to speak Albanian and call ourselves Romans, but then Winckelmann, Goethe, Victor Hugo, Delacroix, they all told us, ‘No, you are Hellenes, direct descendants of Plato and Socrates,’ and that did it. If a small, poor nation has such a burden put on its shoulders, it will never recover.”
Nikos Dimou, NY Times

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3 Kommentare

  1. Ebenso differenzierter wie selbstkritischer Beitrag – gut gegen alle deutschen Pauschalurteile über „die Griechen“. Wo habt Ihr dieses Interview her?

  2. Wie wahr, wie wahr… Und das alles sagt ein Grieche über seine Landsleute, nicht etwa einer der „bösen Ausländer“! Als Griechenlandfreund wünscht man sich mehr Griechen mit dem Durchblick des Nikos Dimou. Das täte diesem Land gut!

    Übrigens: Das Büchlein „Über das Unglück, ein Grieche zu sein“ ist zwar klein, aber fein und auf jeden Fall absolut lesenswert, weil trotz seines hohen Alters (Erstausgabe 1975) brandaktuell.

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