Griechenland – „Verlorenes Heimatland“

Berliner dreht Collage über „verlorenes Heimatland“

Der Berliner Musikproduzent und Autor Asteris Koutoulas verarbeitet die Krise in seiner Heimat mit einem poetischen Film, der Straßenkämpfe der Jugend mit dem Mythos der Kindermörderin Medea vereint.

Von Joachim Fahrun

Ein Buch von Asteris Koutoulas

Medea windet sich tanzend zur Musik von Mikis Theodorakis. Die mythische Figur ringt verzweifelt mit der Entscheidung, ihre Kinder aus Rache an ihrem untreuen Ehemann zu töten. Schnitt. Tränengas zieht durch das Zentrum Athens. Junge Leute schleudern Brandbomben. Polizisten hinter Schilden. Schnitt. Ein junges elfenhaftes Mädchen auf grünen Wiesen. Die verlorene Unschuld. So wie die Wiege der europäischen Zivilisation in der aktuellen Krise seine Unschuld verloren hat.

Die Lage in Griechenland hat Asteris Koutoulas zu diesen Bildern inspiriert. Die Realität in seinem Heimatland habe ihn zu dem Film „Recycling Medea“ gebracht, sagt der 53-Jährige in seinem sonnigen Wohnzimmer in Prenzlauer Berg. Er gehört zu den wichtigsten griechischen Intellektuellen im Exil, hat 40 Bücher ins Deutsche übersetzt, Filme gedreht, zuletzt im Sommer eine Ausgabe der Literaturzeitschrift „Die Horen“ mit dem Titel „Auf der Suche nach dem verlorenen (Griechen-)Land“ herausgegeben.

„Sie sind alle verloren“
2011 war er in Athen, sein alter Freund und Mentor, der weltberühmte Komponist Theodorakis, nahm ihn mit zu einer Tanz-Probe. Draußen tobten Straßenschlachten. „Die Tänzer tanzten auch auf der Straße mit den Polizisten“, berichtet Koutoulas, „sie sind alle verloren.“ Das Resultat dieser Erfahrungen ist kein Spielfilm, kein Ballettfilm und kein Polit-Streifen. Eher eine poetische Collage, ein 86-minütiger Video-Clip. Am heutigen Sonnabend wird „Recycling Medea“ im Kino Babylon in Mitte gezeigt.

Das Bild der Medea kam ihm deswegen in den Sinn, weil auch das griechische Establishment die Kinder des Landes töte, indem es ihnen die Zukunft geraubt habe, erklärt er den Grundgedanken des Films, der „politische Fragen aufwirft, ohne Antworten zu geben“, sagt Koutoulas. Ein Junge aus dem schwarzen Block, der die Straßenkämpfe filmte und ihm die Bilder überließ, habe das so gesagt: „Unsere Eltern haben uns den Krieg erklärt, sie sollen ihn haben.“

Visionen von Konzentrationslagern und Massenflucht
Koutoulas selbst ist für die Zukunft seines Landes sehr pessimistisch. Er habe Visionen von Konzentrationslagern, von Massenflucht, sagt er, und ein Schatten huscht über sein sonst so offenes Gesicht. Aus Erfahrung kennt er das Flüchtlingsschicksal. Geboren wurde er 1960 in Rumänien, als Sohn kommunistischer Eltern, die aus Griechenland fliehen mussten. 1968 wies Rumäniens Diktator Ceaucescu die Familie aus, weil der Vater nicht dessen Vorstellungen vom „Euro-Kommunismus“ teilte.

So kam Koutoulas in die DDR, studierte später in Leipzig Germanistik und Geschichte der Philosophie. Er übersetzte griechische Literatur, arbeitete als Dramaturg, produzierte Musik mit Theodorakis, organisierte dessen Konzerte weltweit. Nach dem Mauerfall stieg er mit seiner Firma Asti Music ins Geschäft der Musik- und Eventproduktion ein, organisierte Konzerte unter anderem von Sting und Mercedes Sosa, aber auch Mega-Ereignisse wie unter anderem zum Jahr 2000 an der Berliner Siegessäule.

Verlust von Wohlstand und kultureller Identität
Aber der Berliner Ossi mit griechischem Pass verfolgte über all die Jahre die Politik im Land seiner Ahnen mit wachsendem Entsetzen. In der Krise sei nicht nur der Wohlstand weiter Teile des Volkes verloren gegangen.

Sondern auch die kulturelle Identität Griechenlands, die sich in den 60er-Jahren vor dem Putsch der Obristen in einer fruchtbaren Periode unter anderem mit dem Literaturnobelpreis 1963 für Giorgos Seferis und drei Oskars für den Film Alexis Sorbas (Musik: Theodorakis) ein Jahr später manifestierte. In dieser Tradition sieht sich Koutoulas, obwohl er jünger ist als die meisten Protagonisten dieser Zeit.

Quelle: Berliner Morgenpost

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