Griechischer Sommer

Überall »Nicht-Orte« – Eindrücke aus einem beschädigten Land


Von Hansgeorg Hermann, Junge Welt
Ist für Hoffnung und Sehnen noch Platz im Süden? Auf den Inseln, unter der Akropolis, in den Häfen von Patras und Gythion? Griechenland-Freunde – besonders jene, die sich früher gerne Philhellenen nannten – haben es nie vergessen, das Land im Licht. Soeben hat einer von ihnen, der Pariser Verleger Antoine Jaccottet, in seiner fabelhaften édition »le bruit du temps« einen wunderbaren Kurzgeschichten- und Essayband des polnischen Dichters Zbigniew Herbert veröffentlicht, »Le labyrinthe au bord de la mer«. Das geheimnisvolle Kreta taucht dort auf aus der Weite der Libyschen See, stolz glänzt in der Sonne die Akropolis, nach Samos schifft sich Herbert ein, der Heimat des gelehrten Pythagoras, und besingt die griechische Landschaft schlechthin. Des Verlegers Vater, Philippe Jaccottet, das sei der Vollständigkeit halber erwähnt, hat einst Rilke, Leopardi oder Ungaretti ins Französische übersetzt. Und natürlich Homers Odyssee.

»Gewöhnliche Stundenpläne haben keine Gesetzeskraft im Reich der Mythen, in einem Land, wo die Zeit sich nach Jahrtausenden mißt«, berichtet Zbigniew Herbert uns Armbanduhrenträgern von jenem schönen Tag, an dem er im Hafen von Piräus auf ein verspätetes Fährboot warten mußte. Es geht um andere Dinge in Griechenland, sagt der Poet, um Zahlen und Uhrzeiten geht es nicht. Henry Miller, der in seinem »Koloß von Maroussi« behauptet, er habe die »schönsten Männer« des Planeten auf Kreta gefunden, hätte dem nichts entgegengesetzt. Und die anderen, die Griechen selbst? Ritsos, Seferis, Elytis und Kazantsakis – ihnen war »Ellada« nichts als helle »Sehnsucht«. Selbst als Faschismus und dunkler Krieg die Olivenhaine Attikas überzogen.

Wieder am Anfang

Doch auch Pragmatiker gab es an den Ufern der Ägäis. Politiker, oder solche, die sich gerade anschickten, Politik und Geschichte zu machen; bessere, wichtigere als die finanzmarktgesteuerten Kassenwarte in Berlin und Brüssel. Theodoros Kolokotronis, der Revolutionsführer, sei genannt, der mit seiner bärtigen Guerilla 1821 durch die tiefen Klüfte und dichten Wälder des Peloponnes zog. Gegen die Türken kämpfte er, für die Nation – bisweilen auch »Freiheit« genannt. Die Lage war schwierig und einfach zugleich: »Theloumen tin Ellada«, sagte er seinen Leuten, »as trogoumen petres« – wir wollen Griechenland, und wenn wir dafür Steine fressen müßten. Als der Staat geboren war, schickten sie dem Volk einen König aus Bayern, eine Marionette. Sie, die Mächtigen – Engländer, Franzosen, Russen und Deutsche.

Die Griechen sind nun wieder dort, wo sie schon mit Kolokotronis waren. Zurückgeworfen an den Anfang.

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