Historische Notiz – Nikos Kazantzakis.

„Ich erhoffe nichts, ich fürchte nichts, ich bin frei“.

Zum 125. Geburtstag von Nikos Kazantzakis am 18. Februar 1883.

Historische Notiz 42 vom 19. Januar 2008. Von Holger Czitrich-Stahl.

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Nikos Kazantzakis

Es gibt einige Kreter von herausragender Bedeutung. Michail Damaskinos etwa, der Begründer der nach dem Fall Konstantinopels von der byzantinischen Klassik und der Renaissance inspirierten „kretischen Schule“ der Ikonenmalerei, der von 1530-1593 lebte. Oder Vitzenzos Kornaros, der Dichter des kretischen Nationalepos mit über 10.000 Zeilen, des „Erotokritos“, der im 17. Jahrhundert lebte und als der „Shakespeare Kretas“ verehrt wird. In jedem Falle ist der große Liberale und Staatsmann Eleftherios Venizelos (1864-1936) zu erwähnen. Er führte Kreta nach der Autonomie vom Osmanischen Reich 1898 nach Griechenland, dem es seit 1913 endgültig angehört.

Doch Weltgeltung besitzen vor allen Dingen zwei große Künstler. 1553 wurde in Fodéle an der Nordküste der Maler Dominikos Theotokopoulos geboren, der nach seiner Auswanderung nach Italien und schließlich nach Spanien als EL GRECO bekannt wurde und 1614 in Toledo als bekannter Vertreter der künstlerischen Spätrenaissance verstarb. Auf ihn als „Ahnherren“ berief sich in seinen Lebenserinerungen der größte aller kretischen Künstler: Nikos Kazantzakis, wohl vor allem bekannt als Autor von „Alexis Sorbas“. Die Verfilmung dieses sowohl schelmischen als auch philosophisch tiefschürfenden Romans aus dem Jahr 1964 unter der Regie von Michael Cacoyannis mit Anthony Quinn in der Rolle seines Lebens als „Alexis Sorbas“ – Mikis Theodorakis erfand eigens für Quinn den Syrtaki als Tanz – machte Kazantzakis weltweit bekannt und trug ihm beinahe den Literatur-Nobelpreis ein.

Doch sein Werk umfasst ein sehr viel breiteres und thematisches Spektrum, das aber eine Grundgemeinsamkeit besitzt: Es basiert auf den Erfahrungen und Reflexionen Kazantzakis über existentielle Fragen. Religion, Existenz, Tod, Liebe, sein Ich, Kreta. Es riecht zunächst nach schwer verdaulicher Kost. Doch immer ist das literarische Ergebnis überwältigend. Kazantzakis schrieb Weltliteratur auf allerhöchstem Niveau, kein „art for arts“.

Über sich selbst sagte er 1950: „Sie glauben, ich wäre ein Gelehrter, ein Intellektueller, ein Schreiber. Und ich bin nichts von dem. Wenn ich schreibe, färben sich meine Finger nicht dunkelblau, sie bluten. Ich glaube, ich bin nichts anderes als das: eine unehrfürchtige Seele“.

Der Schlüssel zu seinem Werk, auf das ich noch eingehen werde, liegt in seinem Leben. Nikos Kazantzakis wurde am 18. Februar 1883 (3. März des orthodoxen Kalenders) in Megalokastro, dem heutigen Iraklion, zur Zeit der türkischen Besetzung Kretas geboren. In seiner Kindheit erlebte der junge Nikos die Wirren der Zeit besonders dramatisch. Es gärte seit Jahrzehnten nach Aufstand, die Intervalle zwischen den Rebellionen der Kreter gegen die verhasste osmanische Herrschaft wurden immer kürzer: 1770 (Daskalojannis), 1821-1824 (griechischer Unabhängigkeitskampf), 1866 (Arkadi), 1878. Im Jahre 1889 bricht erneut ein Aufruhr los, die Familie Kanzantzakis muss für sechs Monate nach Piräus fliehen; das Festland und einige Inselgruppen waren bereits seit 1830 unabhängig geworden. 1897 bricht der entscheidende Aufstand los, an dessen Ende Kreta 1898 vom Osmanischen Reich freikommt, aber unter der Verwaltung der Großmächte des Mittelmeerraums bleibt.

Jeden Aufstand der Kreter versuchten die Besatzer in Blut zu ersticken. In seinen post mortem erschienen Memoiren „Rechenschaft vor El Greco“ beschreibt Kazantzakis das Grauen der Rache. „Ein Haus rauchte noch, Türen waren aus den Angeln, Schwellen blutüberströmt. Wir gelangten zu dem Platz mit dem Springbrunnen und dem Löwen. Daneben stand die große Platane. Der Vater blieb stehen, streckte die Hand aus. „Schau hin“, sagte er.

Ich hob die Augen, stieß einen Schrei aus: Drei Gehängte baumelten dort, der eine neben dem anderen, barfuß, nur mit einem Hemd angetan, und die Zungen hingen heraus, ganz grün. Ich wandte den Kopf ab, ich konnte es nicht ertragen, ich umfaßte das Knie meines Herrn. Er aber packte mich am Kopf, drehte ihn der Platane zu. „Schau hin!“ befahl er wieder. Meine Augen füllten sich mit Gehängten.

„Solange du lebst, sagte er, „solange du lebst, dürfen diese Gehängten nie aus deinen Augen verschwinden.“ „Wer hat sie getötet?“ „Die Freiheit, gesegnet sei sie!“

Diese Szene auf der heutigen Platia Eleftherias (Platz der Freiheit) mit dem venezianischen Morosinibrunnen war eine der Schlüsselszenen für das Leben und Denken Kazantzakis´. Seither führte der eher empfindsame und intellektuelle Junge einen inneren Kampf mit dem Kreter, den man ihn gelehrt hatte werden zu sollen: Ein unbezwingbarer, unerschrockener, unerbittlicher und gottesfürchtiger Palikare, ein Freiheitskämpfer, ein Held. Doch Nikos Kazantzakis wollte seinem Volk mit den Stärken dienen, die ihm gegeben waren: Mit Intellekt und Sprache.

Zunächst aber musste die Familie nach Naxos fliehen, wo sie zwei Jahre blieb. Dort besuchte er das von Franziskanern betriebene französische Gymnasium, wo er Französisch und Italienisch lernte. Außerdem kam er dort in Kontakt mit der westlichen Kultur und Denkweise.

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Seine Verwandtschaft missbeäugte diesen Kulturtransfer und riet ihm, nur ja nicht zu viel von den „Franken“ anzunehmen. Doch sein Lebensweg war in diesem geistigen Sinne nun geebnet.

Nach Abschluss des Gymnasiums 1902, nachdem die Familie wieder nach Iraklion zurückgekehrt war, schrieb sich Kazantzakis an der Juristischen Fakultät in Athen ein. Er erwarb den Doktortitel für Rechtswissenschaft, veröffentlichte seinen ersten Roman „Schlange und Lilie“ und arbeitete für die Zeitung „Acropolis“. 1907 setzte er in Paris sein Jurastudium fort, befasste sich aber immer mehr mit der Philosophie. Besonders die Existenzphilosophie Henri Bergsons beeindruckte ihn; nochmehr aber fühlte er sich zur Geisteswelt Friedrich Nietzsches hingezogen.

Nach seiner erneuten Rückkehr nach Athen begann ein unstetes Leben. Er übernahm keine längerfristigen Tätigkeiten, arbeitete für Ministerpräsident Venizelos, bereiste Griechenland und schrieb „Im Zauber der griechischen Landschaft“ als Resumée. Als Beauftragter des Gesundheitsministeriums in Athen organisierte Kazantzakis nach der „kleinasiatischen Katastrophe“ des griechisches Einmarsches in die Türkei bis 1920 den Bevölkerungstransfer der Griechen aus dem Kaukasus. Auch hier erlebte Kazantzakis Unmenschliches, was ihn an der Welt leiden ließ. Immer wieder thematisierte er in seinen Werken die Passionsgeschichte Jesu.

Nach der Niederlage von Eleftherios Venizelos 1920 fand seine politische Tätigkeit ein Ende. Wieder ging Kazantzakis auf Reisen. Er bereiste Deutschland, besuchte die österreichische Hauptstadt Wien und ließ sich in Berlin nieder. Zwischenzeitlich kehrte er nach Athen und nach Kreta zurück. 1924 besuchte er Assisi, die Geburtsstadt des Heiligen Franziskus, deren einmalige sakrale Ausstrahlung er in seiner „Rechenschaft vor El Greco“ eindrücklich beschreibt.

Ein echter Kreter

Aber im Mittelpunkt seines Denkens und seiner Gefühle stand Kreta. Sein „unheroischer“, für einen „echten“ Kreter so untypischer selbstzweiflerischer Charakter suchte ständig nach dem Kreter in sich. In einem Traum manifestierte sich dieser „Ahnherr aus der geliebten kretischen Erde, und du standest vor mir, ein strenger Edelherr mit dem spitzen, schneeweißen Bart, mit den trockenen, zusammengepreßten Lippen, mit dem ekstatischen, flammenden, hochfliegenden Blick. Und dein Haar durchflochten Thymianwurzeln. Du sahst mich an, und wie du mich ansahst, spürte ich, daß diese Welt eine Wolke ist, mit Blitz und Wind geladen, und darüber weht Gott, und es gibt keine Rettung. Ich hob die Augen, ich sah dich an. Ich wollte dir sagen: „Ahnherr, gibt es wirklich keine Rettung?“ Aber meine Zunge klebte am Gaumen. Ich wollte mich dir nähern, aber meine Knie knickten ein. Du strecktest dann die Hand aus, als ertränke ich, und du wolltest mich retten. Ich hielt mich gleich an deiner Hand fest, sie war beschmiert mit bunten Farben, als ob sie malte, sie brannte, ich berührte deine Hand, schöpfte Auftrieb und Kraft aus ihr, konnte sprechen. „Geliebter Ahnherr“, sagte ich, „gib mir ein Gebot!“ Er lächelte, legte seine Hand auf meinen Kopf, sie war keine Hand, sie war ein vielfarbiges Feuer, bis in die Wurzeln meines Gehirns ergoß sich die Flamme.

„Gelange dahin, wohin du kannst, mein Sohn!“ Seine Stimme war tief, dunkel, als käme sie aus der Tiefe der Erde. Sie drang bis in die Wurzeln meines Verstandes, aber mein Herz erwärmte sich nicht. „Ahnherr“, sagte ich wieder, „gib mir ein Gebot, noch schwieriger, noch kretischer!“ Und auf einmal, als ich es kaum ausgesprochen hatte, fuhr eine Flamme in die Luft, der unbezwingbare Ahnherr mit dem von Thymianwurzeln durchflochtenen Haar verschwand aus meinen Augen, und es blieb auf dem Gipfel des Sinai eine aufrechte Stimme, voll starken Befehls, und die Luft zitterte. „Gelange dahin, wohin du nicht kannst!“

Und so konnte es Kazantzakis gelingen, trotz aller Selbstzweifel und realen Rückschläge immer wieder weiterzukommen und die Schwierigkeiten zu meistern, die ihm entstanden.

Nach 1925, als er seine Version der Odyssee zu schreiben begann, setzte eine rege Reisetätigkeit ein, die ihn auch nach Moskau führte, denn Kazantzakis sympathisierte zeitweilig mit dem Kommunismus. Seinen Lebensunterhalt verdiente er nun ausschließlich durch die Schriftstellerei, sowohl als freier Schriftsteller als auch als Autor für Zeitschriften, Enzyklopädien, Schulbücher, und als Übersetzer.

Zwischenzeitlich hatte sich Kazantzakis auf Ägina niedergelassen, wo er auch die Kriegszeit verbrachte. Nach dem Rückzug der deutschen Besatzer untersuchte er im Auftrag der Regierung die deutschen Kriegsverbrechen, arbeitete sogar kurzzeitig als Minister und wurde zum Präsidenten der Gesellschaft der Griechischen Literaten gewählt.

Alexis Sorbas

zorbas-spruchDie weltweite Anerkennung erfuhr Kazantzakis durch seinen Roman „Alexis Sorbas“, den er 1946 veröffentlichte. Nachdem er 1948 nach Antibes an der Cote d`Azur auswanderte, verfasste er seine heute bekanntesten Werke: „Die letzte Versuchung“, „Freiheit oder Tod“, „Griechische Passion“ und seine Autobiographie „Rechenschaft vor El Greco“. In ihnen nun brachte der immer wieder des Atheismus geziehene Autor sein Verständnis des Christentums und des Lebens Jesu Christi zum Ausdruck. Im Zentrum stand dabei stets die Passionsgeschichte, die biblische Überlieferung des Einzugs Jesu in Jerusalem, sein Auftreten als zweifelnder Prophet und sein Opfertod am Kreuz.

Das Verständnis zur Religion

In diesen letzten Werken, zu denen auch „Mein Franz von Assisi“ zu rechnen ist, entwickelte Kazantzakis sein Verständnis von Religion. Ich halte es für falsch, ihn als Atheisten oder gar als Nihilisten zu charakterisieren. Vielmehr synthetisierte er alle ihn prägenden geistigen Einflüsse (Nietzsche/Existenzphilosophie, Buddha, Marx/Lenin und Theologie) zu einem ganz eigenen Religionsbild. Für mich kulminiert es in folgenden Passagen aus der „Griechischen Passion“ von 1948, als ein ganzes kretisches Dorf sich in Vorbereitung auf die Passionsspiele derart fanatisiert, dass die Protagonisten z.B. des Judas, des Jesus und des Kaiphas praktisch in die Haut ihrer Vorbilder schlüpfen und das Drama seinen die Vorbildgeschichte imitierenden Lauf nimmt: Am Schluss steht Manolios (Jesus), verfolgt von seinen eigenen Dorfbewohnern, in der Kirche vor dem Priester Grigoris (Kaiphas), weil er des Aufruhrs angeklagt wurde. „Der Priester Grigoris beugte sich über Manolios, der jetzt still auf der Treppenstufe saß.“Du Geächteter“, sagte er, erhebe dich. Heb´ ihn auf, Panagiotaros (Judas, H.C.) , und halt´ ihn, daß er nicht fällt. Hast du all das Böse gehört, das du dem Dorf zugefügt hast? Hast du gehört, welche Verbrechen dich belasten? Hast du etwas zu deiner Verteidigung zu sagen?“ „Nein, nichts“, erwiderte Manolios ruhig. „Gestehst du, daß du gestohlen, gebrannt und gemordet hast?“ „Ich gestehe, daß ich die Schuld trage an allem, was geschah, keiner sonst!“ „Gestehst du, daß du ein Bolschewik bist?“ „Wenn mit Bolschewik der gemeint ist, an den ich denke, dann bin ich Bolschewik“.

Im Anschluss vollzieht sich ein Ritualmord an Manolios/Jesus. Jesus stand für ihn für das immerwährende menschliche Leiden, dass sich, wie die Passionszeit vor Ostern, immer wieder und überall vollzieht. Dabei ist Jesus stets ein Menschensohn, der die Rolle des Geopferten einnimmt. Darin steckt womöglich ein Stück arianischen Christentums, nach welchem Jesus gottähnlich, aber nicht gottgleich war. Nicht zuletzt erinnert die Wiederkehr der Passion an den kretischen Zeus, der ein Vegetationsgott war, im Winter starb und im Frühjahr wieder auferstand, ein in der orthodoxen Kirche noch spürbarer Zug. Alle Ideologien und Positionen, die den Menschen aus dem Leiden befreien wollen, sind demnach in gewisser Hinsicht jesusverwandte Inkarnationen, Unmöglichkeiten.

Und trotzdem, der kretische Blick, das kretische Gebot :“Wie sollen wir Gott lieben? Indem wir die Menschen lieben. Wie sollen wir die Menschen lieben? Indem wir sie auf den rechten Weg führen. Welches ist der rechte Weg? Der Weg empor.“

Dass die orthodoxe Kirche ihm diese Position verübelte, muss nicht verwundern. Als Nikos Kazantzakis am 26. Oktober 1957, auf einem Auge fast erblindet, herzkrank und von der asiatischen Grippe geschwächt, in Freiburg im Breisgau verstarb, verweigerte sie ihm auf Kreta ein christliches Begräbnis.

Kulturschaffenden und dem kretischen Volk ist es zu verdanken, dass Nikos Kazantzakis ein Ehrengrab auf der südlichen Martinengo-Bastion in Iraklion erhielt. Seine Frau Eleni, 2004 verstorben, liegt in seiner Nähe. Auf der Vorderseite der Steinplatte, dies sein Grab bedeckt, steht die Inschrift: Den elpiso tipota, den fobame tipota, eimai lefteros. Ich erhoffe nichts, ich fürchte nichts, ich bin frei.

Nikos Kazantzakis. Doch ein typischer Kreter. Ein Kreter, wie er in (s)einem Buche stand. Ein Palikare.

Holger Czitrich-Stahl


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