Hydra: Griechische Steuerfahnder flüchten vor zornigen Insulanern

Autor: Gerd Höhler, DerWesten.de

Nicht nur die Insel Kreta  freute sich in diesem Sommer darüber, dass die Zahl der Urlauber wieder wächst. Allerdings wächst auch das Interesse der Steuerbehörden an den Einnahmen der Restaurants im Land. Auf der kleinen Insel Hydra belagerten aufgebrachte Bürger am Wochenende die ungeliebten Fahnder vom Festland.

Athen. Auf der kleinen griechischen Ferieninsel Hydra wollten Beamte der „Behörde für die Verfolgung von Finanzverbrechen“ (SDOE) testen, wie es um die Steuerehrlichkeit der Gastwirte steht. Als erste Vergehen aufflogen und die Verantwortliche verhaftet werden sollte, kochte der Volkszorn hoch. Erst nach 15 Stunden in einer Polizeiwache wurden die Steuerfahnder von einer bewaffneten Hundertschaft befreit.

Hydra ist eine malerische kleine Insel im saronischen Golf, eine beliebtes Wochenendziel der Athener. Dass hier Bereitschaftspolizei mit Tränengasgranaten aufmarschiert, hat es seit Menschengedenken nicht gegeben. Jetzt war es so weit: Am Samstag kam per Schiff aus Piräus eine Hundertschaft schwer bewaffneter Polizisten auf die Insel.

Ihre Mission: Sie sollten mehrere Steuerfahnder befreien, die von aufgebrachten Bürgern in der Polizeistation der Inselhauptstadt gefangen gehalten wurden.

Begonnen hatte alles am Freitag, als Fahnder der Behörde für die Verfolgung von Finanzverbrechen (SDOE) auf die Insel kamen. In den Sommermonaten führt die SDOE verstärkt in Urlaubsgebieten Kontrollen durch, um die in der Gastronomie grassierende Steuerhinterziehung zu bekämpfen.

Mehrwertsteuer in die eigene Tasche gesteckt
Auf Hydra wurden die Beamten schnell fündig. In einer Taverne stellten sie fest, dass dort nicht die vorgeschriebenen Quittungen ausgestellt wurden. So verschleiern viele griechische Gastwirte ihre Umsätze und stecken die Mehrwertsteuer in die eigene Tasche, die sie zwar von den Gästen kassieren aber nicht ans Finanzamt abführen. Kein Kavaliersdelikt, weshalb die Besitzerin der Taverne auch sofort in Ohnmacht fiel, als die Fahnder sie festnehmen wollten. Statt der Frau nahmen die Beamten deren Sohn fest.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht unter den Geschäftsleuten der Insel. Im Nu versammelte sich eine wütende Menschenmenge. Die Steuerfahnder fanden gerade noch Zuflucht in der örtlichen Polizeistation. Steine und Feuerwerkskörper flogen, dann kappten aufgebrachte Bürger sogar den Stromanschluss und die Wasserleitung der Polizeiwache. Die Besatzung eines Schnellbootes, das die Steuerfahnder und den Wirt nach Piräus zur Staatsanwaltschaft bringen sollte, wurde ebenfalls angegriffen.

Erfolgreiche Kontrollen in den Touristengebieten
Am Samstag nahm ein Kreuzer der Küstenwache von Piräus Kurs auf Hydra und brachte die Bereitschaftspolizisten auf die Insel. Ihnen gelang es, die Steuerfahnder nach 15 Stunden Belagerung zu befreien. Der Wirt wurde nach Piräus gebracht. Dort setzte ihn der Ermittlungsrichter aber auf freien Fuß, nachdem sich herausstellte, dass nicht er, sondern seine Mutter als Geschäftsführerin der Taverne für den angeblichen Steuerverstoß verantwortlich war.

Die Kontrollen der griechischen Steuerfahnder in den Touristenhochburgen zeigen, dass sich trotz der Schuldenkrise an der schlechten Steuermoral vieler griechischer Geschäftsleute nichts geändert hat. Die Beamten stellen nach Angaben des Finanzministeriums in mehr als der Hälfte der überprüften Betriebe Verstöße fest.

So gab es allein in der Zeit vom 10. bis zum 13. August bei 707 Kontrollen 373 Beanstandungen. Überdurchschnittlich viele Steuerdelikte stellten die Fahnder auf den Inseln Lefkas, Euböa, Rhodos, Paros und Zakynthos fest.

Autor: Gerd Höhler

Gerd Höhler (* 1949 in Wuppertal) ist ein deutscher Journalist und Autor.
Höhler studierte Publizistik, Germanistik und Soziologie in Münster und Köln
Er begann seine berufliche Laufbahn als Reporter, Redakteur und Moderator beim Westdeutschen Rundfunk. Ab 1977 war er als Korrespondent im WDR-Hauptstadtstudio Bonn tätig.

Seit 1979 lebt Höhler in Athen. Er arbeitet als Korrespondent für Griechenland, die Türkei und Zypern für mehrere deutsche Tageszeitungen, darunter die Frankfurter Rundschau, die Zeit, die Stuttgarter Zeitung und das Handelsblatt.

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3 Kommentare

  1. also echt skandalös so was. mehrwertsteuer hinterziehen! das würde es hier in österreich nie geben.

    und in italien hat doch jeder noch so kleine wirt zwei kassen rumstehen, damit nur ja kein gast ohne beleg rausgeht. beim abschluss wird dann halt einfach die zweite kasse vergessen…

  2. Da liegt doch der Hase im Pfeffer.
    Auch wenn die Griechen berechtigterweise auf ihre Regierung schimpfen, die seit ewigen Zeiten korrupt war (ist), sind doch die Geschäftsleute und teilweise die Bürger mit dran Schuld: Wenn so viele Leute betrügen und keine Steuern zahlen, kann ja kein Geld in die Staatskasse fließen. Und womit sollen dann die Renten und die viel zu hohen Beamtengehälter gezahlt werden?!? – Was ist denn das für eine Art und Weise, die Steuerfahnder zu bedrohen, so dass sie in einer Polizeistation Zuflucht suchen müssen! Vorsintflutlich!! Und wenn die Geschäftsführerin ohnmächtig wird, was solls, dann verhaften wir eben den Sohn! Sowas geht doch einfach nicht!! Wir sind im 21. Jahrhundert und nicht im Mittelalter! Ich kann nur hoffen, dass die Griechen bald zur Vernunft kommen und einsichtiger werden. Ohne Steuern und Abgaben und Kontrollen funktioniert ein Staat eben nicht!

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