Kapitalverkehrskontrolle

Kapitalverkehrskontrollen in Griechenland – ein Jahr später…

So, nun ist es an der Zeit, dass ich mich auch mal wieder melde. Zwar ist die Saison schon wieder in vollem Gange und meine diversen Zweit- und Drittjobs halten mich ziemlich auf Trab. Sie geben allerdings doch auch immer wieder prima Geschichten her – mal lustige, mal nachdenklich machende und hin und wieder auch solche, zu denen man einfach was schreiben MUSS!

Zur letzten Kategorie gehört dieser Artikel, denn mir ist mal wieder klar geworden, wie wenig echte und wahre Berichterstattung über die aktuelle Situation in Griechenland in den „anderen“ Medien stattfindet.

Auslöser sind verschiedene Touristen aller möglicher Nationalitäten, die mich immer wieder fragen, ob sie denn die für Hotel- oder Automiete fälligen Beträge mit der Kreditkarte zahlen können. Beziehungsweise gehen die Meisten von ihnen im Vorfeld fest davon aus… Tja, und jedesmal lautet die ebenso knappe wie kategorische Antwort: „Nein, leider nur in bar!“ Dazu muss man sagen, dass sowohl bei Buchung wie auch bei Buchungsbestätigung auf diesen Umstand hingewiesen wurde, aber irgendwie wird das wohl gerne überlesen, überhört oder anschließend wieder verdrängt…

Tja, und da gibt das immer mal wieder bedröppelte Gesichter, die unter wagenradgroßen Sonnenhüten und Basecaps (Schild hinten…) rausgucken – und natürlich die Frage „Warum DAS denn? Hier kann man ja nirgendwo mit Karte zahlen, auch in den Restaurants nicht, nicht an der Tankstelle, nicht im Supermarkt! Das ist ja voll rückständig!“

Neee, ist es nicht! Es ist die Konsequenz aus „moderner“ und drakonischer europäischer (Finanz-)Politik, die dem „kleinen“ Griechen einfach keine andere Wahl lässt, als das System so zu umgehen und somit – im Idealfall – das eigene Überleben zu sichern.

Das Zauberwort heißt „Kapitalverkehrskontrolle“.

Tja, und dann werden die Blicke noch bedröppelter. Würde jemand die Situation als Comic festhalten, würden über diesen Sonnenhüten und Basecaps Denkblasen mit ganz vielen Fragezeichen schweben und ich verstehe immer besser, was mein Französischlehrer früher mit „Club d´ écureuil“ (Eichhörnchen-Club) meinte, wenn er in unsere Gesichter schaute, nachdem er uns die französische Grammatik erklärt hatte – auf Französisch, wohlgemerkt….

Aber zurück zum Thema: Kapitalverkehrskontrolle

Wir erinnern uns kurz: vor knapp einem Jahr, nämlich am 28. Juni 2015, wurde die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen beschlossen. An diesem Tag, einem Sonntag, hatte der Finanzstabilitätsrat unter dem damaligen Finanzminister Janis Varoufakis getagt und die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen beschlossen. Die Banken blieben bis Mitte Juli geschlossen, Bargeldbezüge für Griechen wurden auf 60 € pro Tag beschränkt. Bereits am Vortag hatte die beunruhigte Bevölkerung die Bankautomaten im ganzen Land gestürmt und über eine Milliarde Euro abgehoben.

Laut Bankkreisen belief sich bis dato die Summe, die sich die Griechen in der Regel an einem Samstag besorgen, höchstens auf 60 Millionen Euro. Man konnte sich also ausmalen, was passiert wäre, hätten die Banken am Montag ihre Tore geöffnet – ihnen wäre die Liquidität komplett ausgegangen. Also blieben sie geschlossen. Ob den Griechen die Liquidität ausgeht, ist da erst mal zweitrangig, denn die sind ja nicht „systemrelevant“ (soll heißen, Griechen dürfen pleite gehen, Banken nicht!).

bank-of-crete
Dabei haben wir auf Kreta doch so schöne Banken!

Tja, soviel zur „Historie“. Nur – was kaum ein Tourist weiß (weil ja auch nicht mehr darüber berichtet wird!): an dieser Situation hat sich bis heute nichts geändert!

Naja, doch. Man muss nicht mehr täglich zur Bank rennen, um 60,- Euro abzuheben, sondern kann ganz gelassen einmal pro Woche hinschlendern und dann 420,- Euro holen. Kommt auf´s Selbe pro Tag raus: 420/7=60… Nun wäre der Durchschnittsgrieche ja froh, wöchentlich 420,- Euro/Woche zur Verfügung zu haben, aber dieses Thema sei jetzt mal hintangestellt.

Das heißt nun aber mitnichten, dass der Grieche auch ein Mal im Monat 1.680 Euro abheben kann – so isses ja nun auch wieder nicht. Wenn beispielsweise auf Basis des derzeitigen Systems ein Sparer die 420 Euro pro Woche nicht abhebt und die zweite Woche zu laufen beginnt, verliert er die Möglichkeit, die 420 Euro der vorherigen Woche abzuheben und kann nur die 420 Euro für die neue Woche abheben.

Für Überweisungen von einem griechischen Konto in´s Ausland gilt übrigens eine Beschränkung von 500,- Euro pro MONAT. Das kann, wie in unserem Falle, dann gerne mal Probleme z.B. bei der Zahlung der Beiträge an im Ausland ansässige private Krankenversicherungen geben. Und glaubt mir – denen ist das vollkommen egal… Das, wie auch einige anderen Dinge, soll zwar angeblich nun geändert werden – passiert ist jedoch bisher nix.

Auffahrunfall GR_EUR
Wohl mehr als ein Blechschaden: Griechenland und die EU

Und welche andere Möglichkeit hätten nun die Griechen, die einerseits nicht an ihr Geld rankommen, andererseits aber ihren Verpflichtungen (Strom, Telefon, Versicherungen, Steuern, Arzt- Handwerker- und Lieferantenrechnungen, Schulgebühren und – nicht zuletzt – Miete und Lebensmittel für die ganze Familie) trotzdem in BAR nachkommen müssen, als Bargeld einzunehmen? Hört sich logisch an, ist es auch – oder?

Ach ja – und auch der kreative Vorschlag, doch einfach mehrere Konten pro Person aufzumachen ist leider nicht duchführbar, denn selbst bei 4 verschiedenen Konten bei einer Bank bekommt der Kontoinhaber genau 420,- Euro pro Woche. Also Konten bei verschiedenen Banken aufmachen? Das kann die Zweit- oder Drittbank ablehnen, gibt im Bewilligungsfall oft Ärger mit der Steuer und kostet nochmal Kontoführungsgebühren, die hier in Griechenland nicht ohne sind…

Und nach dieser ausführlichen Erklärung sind die Gesichter der kreditkartenzahlungswillligen Kunden entweder noch bedröppelter oder einfach nur fassungslos und der geneigte Tourist zieht mit hängenden Ohren in Richtung nächstem Bankomaten ab, um ebendiesem Bargeld vom ausländischen Konto zu entlocken. Das funktioniert im Normalfall auch wunderbar, denn ausländische Konten sind von der Kapitalverkehrskontrolle ja nicht betroffen.

Kleines Resumé: in Griechenland wird bar bezahlt. Von jedem, an jeden. Nur der Staat nimmt sich das, wovon er glaubt, dass es ihm zusteht, direkt vom Konto. Da gilt die 420,- Euro/Woche-Regelung natürlich nicht…

Radio Kreta – wir berichten so wie´s ist.


streamplus.de

Post to Twitter Post to Delicious Post to Facebook Post to MySpace

2 Kommentare

  1. Hallo Anna,

    ein sehr interessanter Beitrag.

    Die Einführung einer „Kapitalverkehrskontrolle“ hätte unter anderen Bedingungen- als der totalen Kontrolle der Bevölkerung – sicher auch Erfolge aufzuweisen.

    Es bringt aber auch nichts, wenn man sich wieder die alten, unfähigen, Politiker zurückwünscht.

    Über die naiven Urlauber, die am liebsten alles mit Scheck bezahlen würden, können wir nur unser Bedauern ausdrücken. Das sind die Spezies von der ein normaler Bürger eines Urlaubsortes sowieso nichts abbekommt.

    Wir buchen seit vielen Jahren unseren Urlaub grundsätzlich ohne Voll- oder Halbpension, da es viel mehr Spaß macht hiermit Land und Leute kennen zu lernen – und außerdem auch der „normale“ Bürger etwas davon hat (z.B. Bargeld).

    Auch andere EU-Länder hatten schon die Probleme mit extremer staatlicher Überwachung.
    Wir nennen z.B. Südtirol, das vom italienischen Staat besonders abgezockt wurde. Das Ergebnis war ein Tauschgeschäft unter dem Ladentisch, bis der Staat die Kontrollen wieder lockerte.

    Wir hoffen, dass die Zeiten mit Bargeld zu bezahlen noch lange erhalten bleiben.
    In Länder – wie Dänemark etc. – die das Bargeld ganz abschaffen wollen, würden wir keinen Fuß mehr setzen.

    Wir wünschen Griechenland viele vernünftige Touristen. Die anderen werden halt auch notgerungen geduldet.

    Mit freundlichen Grüßen

    Barbara und Jürgen

  2. Wir sind seit mehr als einem Jahr Teil-Residenten.
    Aber die Aussage, dass Strom, Telefon, Wasser, Steuern, … alle in Bar bezahlt werden müssen,
    können wir nicht unterstützen.
    Wir zahlen mit Karte, teilweise sogar über Homebanking, Tanken mit Karte, kaufen ein mit Karte, essen in Restaurants mit Karte, …
    Ich glaube, dass dieses Bargeld-Handeln, eine Kultur ist, die tief verwurzelt ist in der Bevölkerung,
    weil sie dem Staat, der Regierung zu Recht nicht traut.
    Wenn um mich herum sehr viele Dienstleister Bargeld verlangen, dann brauche ich auch Bargeld.
    Naja und in so ein Fakellaki kann man ja auch keine Kreditkarte stecken.
    Übrigens, das die 420,- EURO, wenn sie nicht pro Woche abgeholt werden, verfallen, wusste ich nicht.

Kommentare sind geschlossen.