Grieche mit Weinflasche

Rebellen auf Kreta – Kennen Sie Geórgios Tzobanákis und Spíros Blazákis?

Von Egbert Scheunemann.

Beim folgenden Artikel handelt es sich um den Vorabdruck eines zu diesem Zwecke stark überarbeiteten Kapitels meines erschienenen Buches:

KRETA. Eine Reise durch seine Landschaften, Geschichte und Sprache.

Ein Buch über Freundschaft und wundersame Wege des Denkens.

Und eine Liebeserklärung.

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Rebellen auf Kreta

Die wohl spektakulärste Aktion des griechischen Widerstands gegen die gewalttätige Diktatur der Obristen, die Besetzung des Athener Polytechnikums, der technischen Hochschule der Hauptstadt, durch protestierende Studenten ab dem 14. November 1973, wurde von der faschistischen Junta am 17. November 1973 brutal niedergeprügelt und zusammengeschossen. Es gab 22 Tote.

Der 17. November wurde nach dem Ende der Diktatur zum nationalen Gedenktag erhoben.

Der Komponist der Musik zu dem beeindruckenden Film von Costa-Gavras wurde später der wohl berühmteste Gefangene von Oropós: Míkis Theodorákis (*1925). Seine Biographie ist ebenso bedrückend wie beeindruckend.

Mikis Theodorakis

Theodorákis kämpfte schon als Jugendlicher in der Griechischen Volksbefreiungsarmee ΕΛΑΣ (Εθνικός Λαϊκός Απ- ελευθερωτικός Στρατός) gegen die italienisch-deutsch-bulgarische faschistische Besetzung Griechenlands (1941-1944) – und wurde als Achtzehnjähriger erstmals inhaftiert und gefoltert.

In der Zeit des griechischen Bürgerkriegs 1946-1949 kämpfte er als Gegner des royalistischen Regimes auf der Seite der Kommunisten – und wurde 1947 inhaftiert, zunächst auf die Insel Ikaría in der östlichen Ägäis verbannt, danach auf die westlichste Kykladeninsel Makrónisos verschleppt und schweren Folterungen ausgesetzt. Als er aus der Haft entlassen wurde, war er dem Tode nahe. In seinem Elternhaus auf Kreta erholte er sich nur langsam und mühsam von den furchtbaren Misshandlungen.

Nach dem Militärputsch der rechten Obristen am 21. April 1967 schließlich kämpfte Theodorákis als Gründer der Widerstandsorganisation Patriotische Front (ΠΜ – Πατριωτικό Μέτωπο) im Untergrund gegen die Diktatur – und wurde im August 1967 verhaftet, gefoltert und ins Konzentrationslager Oropós deportiert. Hier erkrankte er schwer an Tuberkulose, der er fast erlag.

Die bekanntesten Köpfe der internationalen Solidaritätsbewegung, die sich für seine Befreiung einsetzte, waren Dimitri Schostakowitsch, Leonard Bernstein, Harry Belafonte, Arthur Miller, Laurence Olivier oder Yves Montand (der die Rolle des Grigóris Lambrákis spielte). Bei meinen Recherchen über den griechischen Widerstand gegen die rechte Diktatur stieß ich im Internet auf eine über dreißig Seiten lange chronologische Auflistung von Widerstandsaktionen verschiedener regimekritischer Gruppen und Reaktionen des Regimes. 1997 zusammengestellt anlässlich des 30. Jahrestages des Putsches von der Athener Tageszeitung Ελευθεροτυπία – die Freie Presse. 2 Zahlen, Daten, Fakten, Monat für Monat und Jahr für Jahr verzeichnet.

Rebellen auf Kreta: Georgios Tzobanakis und Spiros Blazakis

Eine imposante Chronologie des Widerstands, von Massendemonstrationen, Bombenanschlägen und politischen Untergrundaktionen – und ein Kompendium der blutigen Reaktionen des Regimes: Massenverhaftungen, kurze Prozesse vor Militärgerichten, Folterungen, Verschleppungen, Morde.

Eine der anrührendsten und wohl auch skurrilsten, gleichwohl aber wahren Episoden aus dem griechischen Widerstand gegen die faschistische Militärjunta ist wohl jene um die beiden kretischen Freiheitskämpfer Giórgos Tzobanákis und Spíros Blazákis. Sie kämpften während des griechischen Bürgerkriegs zwischen 1946 und 1949 auf Seiten der linksgerichteten Rebellen – und ergaben sich im Oktober 1949, als der Bürgerkrieg in Griechenland eigentlich offiziell beendet war, keineswegs, sondern setzten ihren Kampf gegen die Restauration der Monarchie im Untergrund fort.

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Freiheitskämpfer auf Kreta

1946-1949 unterstützten der Westen und speziell die USA die rechtsgerichteten griechischen Monarchisten, griffen, neben vielen anderen kretischen Freiheitskämpfern, auch Geórgios Tzobanákis und Spíros Blazákis wieder zu den Waffen – auch und gerade gegen Institutionen der NATO und USA. Man muss sich dabei einige Zusammenhänge kurz in Erinnerung rufen: Die rechten Putschisten um Geórgios Papadópulos vollzogen ihren Staatsstreich nach einem geheimen NATO-Plan, Prometheus genannt, der für Fälle einer ‚kommunistischen Bedrohung’ welcher Länder auch immer ausgearbeitet vorlag:

Die Welt war mitten im Kalten Krieg. Die Kuba-Krise 1962 war noch in lebhafter Erinnerung. In Portugal und Spanien herrschten rechte Diktaturen mit Unterstützung der USA – wie bald in Chile, Argentinien und fast ganz Südamerika. Und der Vietnamkrieg steuerte auf seinen ersten Hö- hepunkt zu. Dem geheimen Generalplan der US-dominierten NATO gegen ‚kommunistische Infiltration’, besser: zur Errichtung rechter Diktaturen den Namen Prometheus zu geben, war also nackter Zynismus: Prometheus brachte der Menschheit das Feuer von den Göttern – und damit, sinngemäß, das Licht der Vernunft. Die gleichnamige NATO-Strategie brachte ihren Opfern auch eine Art von Feuer – das aus Gewehrläufen. Dieser Namensmissbrauch musste bei den Griechen besonders bitter aufstoßen – war doch Prometheus, Freund und Kulturstifter der Menschen, der für den Diebstahl des Feuers bitter büßen musste, quasi einer der ihren: Vertreter ihres Götterhimmels.

Widerstand auf Kreta

So erklärt sich also, warum Geórgios Tzobanákis und Spíros Blazákis ihren Widerstand auch und vor allem gegen Institutionen und Einrichtungen des westlichen Militärbündnisses richteten: Sie kappten Strommasten, um die Stromversorgung des NATO Raketenstützpunktes auf Akrotíri, der kleinen Halbinsel vor der nordwestlich gelegenen kretischen Stadt Chaniá, zu unterbrechen, und versuchten auch einen Sprengstoffanschlag auf die Basis.

Der scheiterte aber – und Tzobanákis musste flüchten. Dabei durchschwamm er mal eben bei Nacht die Bucht von Soúda zwischen Akrotíri und dem südöstlich gegenüber liegenden Kap Drapanó – fast zwanzig Kilometer entfernt. Als Tzobanákis die Lage schon am folgenden Tage auch dort zu brenzlig wurde, schwamm in der folgenden Nacht einfach wieder zurück.

Freiheit oder Tod

So machen das die Kreter, wenn’s um die Freiheit geht. Ελευθερία ή Θάνατος! Freiheit oder Tod! Geórgios Tzobanákis und Spíros Blazákis wurden von da an bis zum Ende der Diktatur 1974 von den Häschern der Junta über ganz Kreta gejagt, von Polizisten und Soldaten, mit Hunden und Hubschraubern. Sie versteckten sich in Höhlen und ernährten sich von Gras oder Wildfrüchten, wenn Unterstützung durch wenige zuverlässige Freunde zu gefährlich erschien. Schusswunden behandelten sie mit Urin oder Zitronensaft.

Für ihre Ergreifung wurde die für damalige Zeiten und für kretische Verhältnisse astronomisch hohe Summe von 400.000 DM ausgesetzt. Erst als der nach dem Ende der Diktatur erste frei gewählte griechische Ministerpräsident Konstantin Karamanlis eine Amnestie für alle Widerstandskämpfer verkündete, beendeten Geórgios Tzobanákis und Spíros Blazákis ihren Freiheitskampf – nach 33 Jahren. In Athen wurde ihnen von Tausenden von Menschen ein triumphaler Empfang bereitet.

Aber den Trubel der riesigen Metropole hielten sie nicht lange aus. So kehrten sie bald wieder in ihre Heimatdörfer auf Kreta zurück. Wie man hört, waren ihnen – nach über drei Jahrzehnten fast ununterbrochen im Freien – in der Hauptstadt Griechenlands die Tavernen zu verqualmt, die Luft insgesamt zu verpestet und das Wasser zu sehr gechlort.

Das könnte, dachten sie sich wohl, die revolutionäre Widerstandskraft schwächen oder gar die Schwimmleistung beeinträchtigen.

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