Kirche und Kommerz auf Kreta.

Auch wenn man als Ausländer schon länger auf Kreta lebt, wird man hin und wieder doch immer noch von lokalen Traditionen und Bräuchen überrascht. So ging es uns bereits vor 4 Jahren – wir hatten es dazumal nur leider nicht entsprechend dokumentiert. Aber man muss nur lange genug warten – irgendwann kehrt ja doch alles mal wieder.

So geschehen am vergangenen Freitag, als wir zur Neueröffnung der komplett renovierten und neu gestalteten ersten Adresse am Ort, was Auto-, Motorrad- und Fahrradvermietungen angeht, eingeladen wurden. 

Der Eine oder die Andere wird jetzt wohl die Achseln zucken und sich denken „Na und? Was ist daran denn so ungewöhnlich? ´ne Neueröffnungs-Party ist doch irgendwie normal!“. Stimmt! Was allerdings – zumindest für nord-und mitteleuropäisches Empfinden – nicht unbedingt unter „normal“ läuft, ist die Tatsache, dass vor Beginn der Party das neue bzw. wieder zu eröffnende Etablissement vom Popen gesegnet wird – und zwar mit allem Drum und Dran.

Notos Rental
Notos Rental im neuen Design

In diesem Falle – genau wie vor 4 Jahren, nur handelte es sich damals um die Neueröffnung des zweiten Hotels derselben Inhaber – kam Pope Michalis mitsamt seinem liturgischen Assistenten (Diakon – διάκονος) und Utensilienkoffer an, bekam einen behelfsmäßigen „Altar“ zugeteilt (im gestrigen Falle war es der Schreibtisch der Chefin), auf dem er seine Ikonen, Kerzen, das einer Öllampe anmutende „Lychnari“ (λυχνάρι),  sowie sonstige benötigten Utensilien ausbreitete. Im Koffer befanden sich natürlich auch noch die Soutane und das brokatene Epitrachelion (*) – man war ja ausgerüstet.

Olga und Pope
Olga (im neuen Design) mit Michalis.

Nachdem der Koffer ausgeräumt war, zog der Pope die Soutane über, legte das Epitrachelion an und entzündete den Weihrauch im Lychnari. Mit ebendiesem begann er seinen Rundgang im Büro und segnete jede Ecke – und das ist wörtlich so gemeint. Er zog von Ecke zu Ecke und verteilte dort den Rauch. Dann kehrte er an seinen provisorischen Altar zurück und die Liturgie begann im Wechselgesang mit seinem liturgischen Assistenten.

Dabei wurde sich natürlich immer wieder bekreuzigt – und nicht nur von den beiden, sondern natürlich auch von allen gläubigen Anwesenden, egal ob (sehr) alt oder (sehr) jung – die Liturgie hat wohl jeder Grieche im Blut. 

Am Ende der offiziellen Liturgie wandte sich Pope Michalis noch mit sehr persönlichen und bewegenden Worten an Akis und Olga, die Inhaber des gerade frisch gesegneten Unternehmens. Tenor dieser kurzen, aber sehr herzlichen Ansprache war, dass sie zum Erfolg ihres Unternehmens nur drei Dinge brauchen, die sie hoffentlich auch nie verlieren werden: Písti, Iríni kai Agápi (πίστη, ειρήνη και αγάπη – Glaube, Frieden und Liebe). Und schon hatte nicht nur die Chefin Tränchen der Rührung in den Augen. 

Pope mit Mythos
Popen trinken Bier! Ein Mythos?

Und dann war der offizielle Teil vorbei und die Party ging los. Wer jetzt allerdings denkt, dass der Pope und sein Gehilfe nach getaner Arbeit demütigst das Feld geräumt hätten, kennt die griechischen post-liturgischen Bräuche aber schlecht: der Pope war der Erste, der zu Essen und zu Trinken hatte – und es auch sichtlich genoss! Kirche und Kommerz schließen sich nun mal genauso wenig gegenseitig aus, wie Pope und Party.

Olga und Tafel
Ein wenig zu Essen gibt es natürlich auch.

Bleibt zu hoffen, dass dieser Segen von ganz oben auch seine Wirkung tut und entsprechend Glück und Erfolg bringt. Wir betreten diese Autovermietung jetzt jedenfalls mit einem ganz anderen Gefühl!

Radio Kreta wünscht jedenfalls „Kali seson“ (καλή σεσόν – eine gute Saison!), Olga und Akis!

(*) Wie Wikipedia weiß (und wir jetzt auch!) ist das Epitrachelion (ἐπιτραχήλιον, „um den Nacken“) ein liturgisches Kleidungsstück der Priester und Bischöfe Orthodoxer und Unierter Ostkirchen. Es ist das Symbol der Priesterschaft und entspricht der westlichen Stola.

Es handelt sich hierbei um ein breites, meist brokatenes Band, das um den Hals getragen wird. Die beiden Enden hängen somit über beide Schultern an der Vorderseite gerade herunter und reichen fast zu den Fußknöcheln. Die beiden angrenzenden Seiten werden zusammengenäht oder -geknöpft, sodass es wie ein einziges breites Band aussieht. Meistens wird das Epitrachelion bereits so geschneidert, und nicht jedes mal auf- und zugeknöpft. Manchmal ist der herabhängende Vorderteil sogar nur ein einziges Stück Stoff und besteht nicht aus zwei zusammengenähten Bändern.

Wer mehr darüber wissen möchte, der frage einfach Pope Michalis. Wenn er nicht in der Kirche ist, dann trefft Ihr in meist bei Georgios im Kafenio.

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