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Knossos und Landwirtschaft: Revolution wider Willen.

Landwirtschaft: Revolution wider Willen

Von Robert Czepel, science.ORF.at

US-Archäologen haben mit Hilfe von Keramikgefäßen den Speiseplan jungsteinzeitlicher Bauern rekonstruiert. Fazit: Die Landwirtschaft war zunächst nicht der große Fortschritt, als der sie gerne dargestellt wird – eher ein Lückenfüller für magere Zeiten.

Evans und die Knossos-Story

Die Archäologie wäre nicht viel mehr als eine akademische Bodenkunde, wenn sie neben dem Ausgraben nicht auch das Ausdeuten pflegen würde. Doch wo interpretiert wird, da feiern die Ideen mitunter Kirtag: Wer beispielsweise schon einmal die minoische Metropole Knossos auf Kreta besucht hat, kennt die Fallstricke dieses Terrains. Dem Grabungsleiter Sir Arthur Evans dürfte bei der Rekonstruktion der ausgegrabenen Gebäude wohl ein wenig die Phantasie durchgegangen sein. Thronsäle, Badezimmer und kultische Räume wollte der britische Archäologe Anfang des 20. Jahrhunderts in jedem zweiten freigelegten Gebäude entdeckt haben.

Die nachfolgende Forschergeneration sah das etwas nüchterner. Befundsicherheit, so lautete die Kritik, sehe anders aus. Die minoische Kultur mag eine blühende gewesen sein, doch Evans Vorstellungskraft florierte nicht minder. Er sah mehr als die Funde hergeben konnten.

Rascher Übergang?

Für Befundsicherheit will nun auch der US-amerikanische Archäologe Oliver Craig sorgen. Er beschäftigt sich mit einem Kapitel der Frühgeschichte, das die Weichen für alle folgenden Kulturen im Norden wie Süden stellen sollte: der Übergang vom Jäger-und-Sammler-Dasein zur sesshaften Lebensweise bzw. Landwirtschaft. In Europa war das vor ca. 6.000 Jahren der Fall, also etwa auch zu jener Zeit, als die ersten Siedler in Knossos ankamen.

6.000 Jahre alter Topf mit Löffel.

Bislang war nicht klar, wie und vor allem wie schnell dieser Übergang verlief. Knochenfunde weisen auf eine eher abrupte Veränderung der Ernährungsgewohnheiten hin. Nachdem zu dieser Zeit auch neuartige Steinwerkzeuge und Kochgefäße erfunden wurden (ohne die die Landwirtschaft kaum funktioniert hätte), betrachten viele Archäologen den Übergang als rasche und komplette Transformation jungsteinzeitlicher Gesellschaften.

Die einstigen Jäger und Sammler, so lautet zumindest die populäre Lesart der „neolithischen Revolution“, änderten ihre Lebensweise im Gesamtpaket. Aus Nomaden wurden Bauern, der Jäger-Habitus starb innerhalb kürzester Zeit aus und wurde durch den wirtschaftenden Menschen ersetzt.

Fischer blieben Fischer

Eine Darstellung, der Craig nun widerspricht. Er und seine Mitarbeiter haben 133 Keramikgefäße von 15 verschiedenen jungsteinzeitlichen Ausgrabungsstellen im Baltikum analysiert und darin nach Essensresten gesucht. Diese zeigen: Rund ein Viertel der darin gefundenen Fette stammen von Fischen und Meerestieren, Isotopen-Analysen sprechen die gleiche Sprache.

Die Neo-Bauern füllten also auch nach der Einführung der neuen Kulturtechnik ihre Töpfe mit Wildtieren. „Das zeigt, dass die Menschen im westlichen Baltikum in Meeren und Flüssen nach Nahrung suchten, auch wenn sie bereits Pflanzen und Tiere domestiziert hatten“, so Craig. „Die Landwirtschaft wurde in dieser Region zwar rasch eingeführt. Aber sie hat die Lebensweise der Menschen keineswegs so rasch verändert wie bisher gedacht.“

Überzeugungskraft der Waffen

Das mag auch an der zu Beginn nicht gerade berauschenden Kalorienbilanz gelegen haben. Samuel Bowles vom Santa Fe Institute, New Mexico, hat im März dieses Jahres den Nährwert typischer Jäger- respektive Sammler-Speisepläne mit jenen der ersten Bauern verglichen und kam zu dem Schluss: Die Landwirtschaft war zu Beginn eher eine Nebenerwerbstätigkeit bei magerer Jagdausbeute. Als Vollerwerb taugte sie zu Beginn nicht.

Dass sie sich dennoch vollständig durchgesetzt hat, liegt seiner Ansicht nach an etwas ganz anderem: Bauern seien technologisch versiert und den Nomaden in kriegerischer Hinsicht überlegen gewesen. Das erste Wettrüsten der Menschheitsgeschichte habe der Landwirtschaft zum Durchbruch verholfen.


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