Kreditgeber „schenken“ Griechen Brotfreiheit.

Der Schwachsinn geht weiter.

So berichtete der Standard.at gestern:

Deregulierung in alle Richtungen: Griechenland soll selbst in der Bäckereibranche ein Jobwunder herbeiführen

In Paris, bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), sind sie auf Werkzeugkästen spezialisiert. Mit den so genannten „toolkits“ gehen die Ökonomen hausieren. Sie sind praktisch und versprechen, schnell jede Marktverzerrung zu reparieren. Und so kommt es, dass sich Griechenlands Kreditgeber – und peripher auch Abgeordnete der nationalen Parlamente in der EU, die Milliardenhilfen durchzuwinken haben – für das Gewicht eines Weißbrotlaibs in Athen interessieren oder für die Frage, ob es nicht sinnvoll sei, Backwaren künftig auch beim Fleischer zu verkaufen, beim „hasapis“ um die Ecke.

„Ist es nicht“, sagt Panos Stratis, ein junger Bäcker im Süden Athens. Aber da war es schon zu spät. Das Werkzeugkasterl der OECD mit seinen Empfehlungen für die Liberalisierung etwa der Backwarenproduktion in Griechenland hat längst Eingang in die Liste der Bedingungen gefunden, die Athens Regierung erfüllen musste für die Auszahlung seiner Kreditraten. Mehr Freiheit für Verbraucher wie Investoren, mehr Jobs, billigere Produkte sowieso soll die Deregulierung hier wie anderswo in der griechischen Wirtschaft bringen.

Ein Bäcker auf Kreta.

„Vom Brot kann keine Bäckerei leben“, sagt der Athener Bäcker Panos Stratis. Die Kreditgeber aber glauben an großes Jobpotenzial.

Auf der Hand liegt das nicht. „Vom Brot mit seinen 50 oder 80 Cent Verkaufspreis kann keine Bäckerei leben“, erklärt Panos Stratis. „Das Brot lockt Kunden an, damit sie Sandwichs, einen Kaffee oder Kuchen kaufen.“ Tag und Nacht backt der 27-Jährige in seinem Familienbetrieb in Iliopolis und schläft dazwischen ein bisschen, ein paar Stunden nach dem Mittagessen, ein paar am späten Abend, wie viele seiner Kollegen in der Branche.

Fragwürdige Annahmen

Dass Brot in Griechenland viel zu teuer und zu groß sei, war aber eine der Annahmen in der großen Wettbewerbsstudie der OECD über die griechische Wirtschaft vor zwei Jahren. 15,3 Prozent über dem EU-Durchschnitt kosteten Brot und Getreide, heißt es dort. Schwer nachzuvollziehen für den, der eine Bäckerei in Athen besucht. Für keine des halben Dutzend Brotsorten legt man mehr als einen Euro auf den Ladentisch.

Das Gesetz bestimme, dass ein Brotlaib nur mit einem Gewicht von einem halben Kilo oder einem Vielfachen davon verkauft werden dürfe, so monierten die Wettbewerbshüter auch. Der Kunde in Griechenland werde also gezwungen, eine größere Menge zu kaufen, als er vielleicht wolle. Panos Stratis und seine Mitarbeiter wissen auch davon nichts. Ihr Horiatiko – das in Griechenland meist verkaufte „Dorfbrot“ – wiegt 450 Gramm im Rohzustand und 350 Gramm nach dem Backen. Leichter oder schwerer, größer oder kleiner ist es nicht.

Es ist keineswegs alles an der Wirklichkeit vorbeigeschrieben, was die 34-Staaten-Organisation OECD in ihren Wettbewerbsuntersuchungen zu Griechenland findet. Das ausgeklügelte Lizenzsystem für Apotheken etwa, die Nicht-Existenz von Drogeriemärkten, oder die teuren Milchprodukte in einem Land, das für seinen Joghurt und Feta-Käse berühmt ist, zeigen schon, dass mit dem Markt etwas nicht stimmt.

Milch aus Deutschland

Der „Toolkit 1“ der OECD, den die Regierung mit den neuen Spar- und Reformgesetzen durchs Parlament paukte, enthielt aber auch die Bestimmung, dass „frische“ Milch im Kühlregal nicht mehr nur fünf Tage haltbar sein soll. Seither kann der Kunde im Supermarkt „Frischmilch“ für 20 Cent billiger kaufen, wenn er denn will – importiert aus Deutschland.

Beim Brot wiederum fiel die gesetzliche Unterscheidung zwischen einer Bäckerei und einer „Brotverkaufsstelle“ weg. Bäcker kann sich jetzt jeder nennen. Das soll neue Jobs etwa in Großbäckereien schaffen. Nur funktionieren wird das nicht, glaubt Panos Stratis: „Die Griechen gehen immer zum Bäcker in der Nachbarschaft. Sie mögen das so.“


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