Kreta – „Aus dem Leben eines griechischen Schulbus-Fahrers

Aus dem Leben eines kretischen Schulbusfahrers

Ein Abend im Oktober 2011.
Gemeindeversammlung in einem südwestkretischen Dorf, alle sind da.

Thema: die Krise und ihre Auswirkungen auf die Gemeinde und ihr Budget

Der Bürgermeister verkündet eine Hiobsbotschaft nach der anderen.
Kürzungen hier, Abstriche da, kein Geld mehr für Leistungen, wie z.B. den örtlichen Schulbus.

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Unser kleines Dorf im Südwesten Kretas hat zwar nur knapp 2.000 Einwohner, dafür aber eine Grund- und Hauptschule, sowie ein Gymnasium. Und auf diese Schulen gehen auch viele Kinder aus den umliegenden Dörfern. Diese wurden bis dato vom gemeindeeigenen Schulbus zur Schule und wieder nach Hause gebracht.

Doch dafür war im Oktober 2011 kein Geld mehr da.

Ein Raunen ging durch die Menge, denn dass hiergegen etwas unternommen werden musste, war klar. Auch die Einwohner unseres kleinen kretischen Dorfes kennen keinen Spaß, wenn es um das Wohl und die Bildung ihrer Kinder geht.

Fazit: „Das geht gar nicht! Wenn die Gemeinde (also die Politik) das nicht mehr leisten kann, machen wir das halt selbst – wie so vieles.“

Der Bürgermeister beschwichtigte, dass das ja nur eine Übergangssituation sei, aber, „ja, ähm, ob nicht eventuell… hmmmm…. Manoli, du hast doch so ´nen Bus, ob du nicht vielleicht…?“

Und nun kommt unser Protagonist Manolis, bürgerlich Emmanouil L.* ins Spiel.

Selbst passionierter Familienvater (3 kleine Kinder, 2 davon im schulpflichtigen Alter) und Betreiber des Campingplatzes unseres kleinen Dorfes besitzt Manolis auch einen – zugegebenermaßen recht in die Jahre gekommenen – feuerwehrroten Ford-Transit.

Mit diesem hat er bisher immer nur angemeldete Gäste seines Campingplatzes von der Fähre abgeholt, von daher machte es nicht wirklich etwas aus, dass die Innenausstattung des Busses mit selbst gezimmerten und einfach reingeschraubten Holzbänken etwas karg ausfiel.
Und wer braucht für die 500 Meter denn Sicherheitsgurte? Passiert doch eh nix hier!

Nun, so weit, so gut. Wäre da nicht die Versicherung gewesen, denn versichert war das Vehikel in den letzten Jahren auch nicht. Wozu auch? Passiert ja nix.

Aber nun so bei der Ehre gepackt, sagte Manolis stehenden Fußes zu, die Kinder ab sofort morgens um 8h zur Schule und Mittags gegen 13h wieder zurück zu bringen.

Der Bus wurde umgehend neu versichert, eine zweckdienliche Pappe mit der Aufschrift „Σχολίkο” – also “schulisch” – wies die neue Bestimmung des Vehikels nun auch offiziell aus und los ging´s.

Wobei…. eine Frage war da noch offen: wer zahlt eigentlich Versicherung, Benzin und Arbeitszeit? Und wann und wieviel?

Diese Frage musste Manolis aber gar nicht stellen, denn das stellte der Bürgermeister umgehend klar: “Natürlich übernimmt die Gemeinde all diese Kosten – mindestens kostendeckend und die Zeit, ja, natürlich auch – selbstredend!! Nur, ähm, hrm, umpf, tja, also wann und wieviel genau kann man zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht sagen, weil die Kassen ja leer sind und man nicht weiß, wie das mit der Krise so weitergeht.
Aber im Februar 2012 bestimmt. Wärst du so lieb, Manoli, das erst mal vorzustrecken? Wir rechnen dann im Februar ab. Also im März spätestens, ganz bestimmt….”

Selbstverständlich stimmte Manolis zu. Die Kinder müssen ja zur Schule und nach Hause kommen, da muss man ja was tun!

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Seit dem sind gut 4 Monate vergangen und Manolis hat tatsächlich vor Kurzem 2.000 Euro erstattet bekommen, die ziemlich genau den von ihm verauslagten 500 Euro Spritgeld pro Monat entsprechen. Das war durchaus eine Überraschung.
Die Versicherung und seine Arbeitszeit (denn auch ein kretischer Campingplatzbetreiber hat im Winter jede Menge Arbeit auf seinen Feldern, in den Oliven, mit Schafen, Ziegen, Hühnern….) leistet Manolis nach wie vor aus eigener Tasche.
Noch dazu ist der Preis für einen Liter Normalbenzin auf knapp 1,87 Euro gestiegen – mal schauen, wann (und ob) die nächste Zahlung von Seiten der Gemeinde geleistet werden kann.

Dennoch fährt Manolis weiter seinen Schulbus und freut sich, dass die Kinder es zumindest auf der 20-minütigen Fahrt in seinem Bus schön warm haben.

Denn Heizöl für die Beheizung der Schulen gibt es in diesem wohl kältesten kretischen Winter der letzten 20 Jahre auch keines mehr….

*vollständiger Name der Red. bekannt

Interessant: Alles zum Thema „Griechenland-Hilfe.“

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3 Kommentare

  1. Da das Thema unter „Griechenland Krise“ getagt ist:

    „Und wer braucht für die 500 Meter denn Sicherheitsgurte?“

    Falsche Frage, würde ich sagen. Wer braucht für die 500 Meter einen Taxiservice? Ich bin „damals“, schon ein paar Jahrzehnte her, drei Kilometer zu Fuß gegangen durch „Feindesland“, also wo Größere wohnten…

    Ich finde, das ist ein ziemlich schlechtes Beispiel dafür, wie jemand – möglicherweise, füge ich mal vorsichtig dazu – versucht, den Einnahmeausfall auf dem Campingplatz an anderer Stelle wieder reinzuholen.

    Mir ist bekannt, dass die Griechen auf ganz fürchterliche Weise belogen, beraubt, verschuldet und versklavt werden. Aber gibt es nicht ein Beispiel, dass die nackte Existenzangst etwas deutlicher macht?

  2. Der Komenta ist wohl überflüssig!
    Du hast das mit den 500 m irgendwie nicht begriffen das war die entfernung zum Campingplatz von der Fähre für die Gäste.
    Zur schule sind es 20 minuten mit dem Auto ……. manmanman
    nicht lesen können aber Motzen …………..Ich fass es nicht

  3. @Feuerwehr

    Hast Recht.

    „…auf der 20-minütigen Fahrt in seinem Bus…“

    Tja, so ist das, shit happens..;-)

Kommentare sind geschlossen.