Kretas verlassene Dörfer.

Kreta hat ohne Zweifel viel zu bieten. Sonne an über 300 Tagen im Jahr, den Nordwestwind Meltemi oder den Südwind Scirocco, im Januar gar die „Halkionischen Winde“  aber jedenfalls Sand und gerne auch mal Steine am Strand, Wanderwege (E4), Fahrradtouren, City-Shopping-Touren, archäologische Ausgrabungsstätten und nicht zuletzt die wundervolle Natur – vor allem in den Bergen, etwas abseits der „Zivilisation“.

Hier sagen sich nicht Fuchs und Hase, sondern Ziege und Schaf „gute Nacht“ und nach Einbruch der Dunkelheit geht hier fast nichts mehr. Denn die rührigen und arbeitsamen Bergdorfbewohner – meist Bauern – stehen in der Regel schon vor ihren Hühnern auf und legen sich dann auch spätestens gleichzeitig mit eben diesen wieder zur Ruhe. Spart auch Brennholz und Kerzen….

Was allerdings in den letzten Jahren verstärkt zu bemerken ist, ist die Tatsache, dass ebendiese Bergdörfer immer mehr verwaisen – einfach verlassen werden und veröden – weil die Bewohner sich meist aus wirtschaftlichen Gründen eher in die meeresnahen und touristisch erschlossenen Ebenen und/oder die „Großstädte“ orientieren. Vor allem natürlich die jüngeren Bergdorfbewohner – denn im Bergdorf ist ja bekanntlich nicht viel los, weder wirtschaftlich noch „angesagt und cool“. 

Schade ist das allerdings schon sehr – vor allem, weil es sich bei besagten verlassenen Dörfern so oft um regelrechte „Kleinode“ Kretas handelt. Waren dort vor 30-40 Jahren noch um die 200-300 Menschen ansässig (plus der meist jeweils 3 Kafenia – pro politischer Gesinnung jeweils eins, denn man will ja nicht mit denen von „den anderen“ an einem Tisch sitzen!!!) sind es heute oft nur noch zwischen 5 und 10 Bewohnern, von denen viele auch gerne schon mal 80 Lebensjahre und mehr auf dem krumm gearbeiteten Buckel haben…

Wir hatten vor einigen Jahren das Vergnügen – und es war wirklich eins! –  das Dörfchen „Agii Theodori“ (Άγιοι Θεόδωροι) leicht nordwestlich von Paleochora in Richtung Sklavopoula kennenzulernen – auf eine Einladung von Panagiotis hin, der uns dort Gemüse, Obst und Kräuter sowie eine Ziege aus eigener Aufzucht kredenzte. Vom selbst hergestellten Wein mal ganz abgesehen…..  Leider residieren in diesem Dorf nur noch 3 betagte Männer – haben aber offensichtlich recht viel Spaß dabei.

Dann waren wir im letzten Winter zur Olivenernte und -Ölproduktion in Zakros (Siteia) eingeladen – und selbstverständlich wurden wir eines Abends auch vom Olivenbauern Kostis aus Kellaria (Κελλάρια) in sein Dorf eingeladen. Dort angekommen wurde außer gekocht, gegessen, getrunken und viel gelacht natürlich auch über sein Dorf geredet. Dazu muss man anmerken, dass Kostis gerade mal Mitte 30 ist und immer noch und vermutlich für immer in seinem Dorf wohnt. Wobei auch dieses zur Zeit seiner Geburt gut über 200 Einwohner hatte, heute allerdings nur noch 8 Seelen zählt, wobei Kostis´ Seele bestimmt doppelt und dreifach zählen müsste.

Warum das alles?

Kostis erzählte uns, dass es für ihn schon fast eine Strafe ist, wenn er mal nach Zakros zur Ölmühle muss. Okay, was muss, das muss. Aber Siteia? In die Stadt?? Folter!!!! Und gar nach Agios Nikolaos oder in die „große Stadt“ Heraklion? Das grenzt an Höchststrafe MIT Folter – geht gar nicht!!!! „Sperrt mich nicht in ein Büro ein mit einem Tisch, einem Stuhl und vielleicht noch einem Computer! Dann bin ich morgen tot!“ (O-Ton Kostis!). Also gibt es doch noch Menschen, die an ihrem Bergdorf hängen und niemals gar nie nicht von da weg wollen. 

Dennoch verschwinden mehr und mehr Landbewohner aus ihren Dörfern. Mangelnde Infrastruktur, fehlende Freizeitbeschäftigung und immer weniger Arbeitsmöglichkeiten – außer der Landwirtschaft – lassen immer mehr (junge) Leute schier fliehen. Und die Dörfer verwaisen, sterben aus und verfallen. Dafür kommen dann investitionswütige (Nord-)Europäer, die glauben, sich so ein Dorf einfach billig unter den Nagel reißen, es renovieren und restaurieren und dann teuer weiterverkaufen oder vermieten zu können…..

Die Liste dieser Dörfer ist lang.

Neben besagten beiden Dörfern AgiiTheodori und Kellaria gibt es da auch noch Kalami in der Nähe von Ano Vianos, Nisi, Kapsaliana und viele andere mehr. Und für all diese Dörfer wollen wir heute einen Stab brechen, leben wir doch selbst in einem Bergdorf oberhalb Paleochoras, das sicher bald dem Aussterben anheim gegeben wird, da wir beide den Altersdurchschnitt der aktuell ansässigen Bewohner locker um ein Drittel gesenkt haben….

Doch andererseits gibt es auch – hier bislang nicht wirklich bemerkbar, aber offensichtlich doch – umgekehrte „Strömungen“. Denn aufgrund der mittlerweile 9 Jahre andauernden „Wirtschaftskrise“ Griechenlands (die u.E. lediglich eine Bankenkrise der „den-Hals-nicht-voll-Bekommer-und-mit-nicht-vorhandenem-Geld-Zocker“ ist) mussten auch schon viele junge Griechen, Angestellte und Unternehmer, die Segel streichen und sind in ihr Heimatdorf – manchmal auch auf Kreta – zurück gekehrt. Blöd, wenn man mit Mitte 30 wieder bei Mama einziehen muss, oder?

Ein Neubeginn zu Hause

Einige dieser „gescheiterten“ Griechen haben aber mit Nationalstolz, Hartnäckigkeit, Erfindungsreichtum, Improvisationstalent und einfach guten Ideen neue Geschäftsmodelle entwickelt, die offensichtlich zunehmend Interesse erwecken. Da gibt es neue Brauereien, Weingüter, gar Tanzschulen und Schneckenfarmen, manche bauen auch ganze Dörfer wieder als Luxus-Hotelanlagen auf (wir enthalten uns einer Wertung….). Denn wo, wenn nicht „zu Hause“ kann man leben und im besten Falle sogar etwas für das Große und Ganze drumherum beitragen? 

Unser Buchtipp: Milia – ein vergessenes Dorf.

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2 Kommentare

  1. Hallo Susanne & Jörg,

    erstmal wünschen wir euch ein gesundes, erfolgreiches neues Jahr.
    Dein Artikel ist sehr interessant!
    Ich war in einem früheren Leben technischer Institutsleiter für Gemeinde und Städteentwicklung.
    Jörg, könntest du mir mal bitte die Koordinaten oder Links auf Google Maps von den Dörfern schicken?
    Ich konnte über die Namen leider nur eines ganz im Osten finden.

    Beste Grüße

    Elke & Marcus

    PS: Bin vermutlich im April wieder auf Creta.

  2. Hallo Marcus

    Eine offizielle Karte oder Daten gibt es leider nicht. Alleine hier bei uns im Umkreis kenne ich zehn verlassene Orte. Die Verwaltung sollte es eigentlich wissen. Aber da viele Häuser illegal erstellt worden sind und es auch kein „echtes“ Einwohnermeldeamt gibt, wird es schwierig, an diese Daten heranzukommen.

    Bis bald auf Kreta

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