Schild Kreta

Kretische Reiseweisheiten – von Gramvoussa bis nach Sougia.

„Hast du dich verirrt, so folge keiner Ziege, sie führt dich an den Abgrund. Folge einem Esel, er führt dich ins Dorf zurück“, heißt es auf Kreta.

Der Europäische Fernwanderweg E4 führt nach Kreta. Bei Paleochóra vereint er Strandparadiese und bezaubernde Bergwildnis. Die Piratenbucht auf Gramvóussa liegt etwas abseits, aber Ansichtskarten davon sind an jedem Kiosk auf Kreta zu finden. Wäre nicht die Steppenvegetation, ginge das Set für eine Südseeschnulze durch. Abends sind die Ausflugsboote abgefahren und man ist allein. Inseln liegen wie Tafelberge verstreut vor der Bucht in der untergehenden Sonne, Berge und Meer, Gräser und Dünen schimmern rosa. Das Wasser der flachen Lagune hat dreißig Grad.

Willkommen auf Kreta.

Am Weg nach Süden lohnt auch das vierhundert Jahre alte Milia einen Abstecher. Der Weiler versteckt sich in den Bergen zwischen Eichen und Edelkastanien. Die verschachtelten Terrassen, Bruchsteinwände und Treppen wurden authentisch wieder aufgebaut, die Apartments komfortabel und liebevoll eingerichtet. Solarstrom sorgt für Licht, der offene Kamin für Nestwärme. In der rustikalen Taverne kommen Spezialitäten auf den Tisch und Produkte wie Yoghurt, Käse, Eier und Fleisch, Marmelade oder Honig sind aus dem Ort.

Wo Sorbas wohnt

Unser Abschnitt des E4 führt von der Dünenlandschaft bei Elafonisi an der Westküste bis zur Samaria Schlucht an der Südküste. Mit 18 Kilometer ist sie die längste Schlucht in Europa. Die Wanderung llässt sich in vier Etappen, die als Sternwanderung alle in Paleóchora starten, mit Hilfe des Bootsverkehrs bewältigen. Damit lässt sich diese Wanderung auch gut in einen Badeurlaub integrieren.

Eine Stunde Transit übers Gebirge hat Massentourismus ferngehalten und dem Ort seinen Charakter bewahrt. Auf der Leinwand des Freiluftkinos in Paleochora erscheint jeden Montag der Klassiker „Alexis Sorbas“, mit einer Pause in der Mitte, um die Rollen des Zelluloidfilms zu wechseln. Mehr Original geht nicht.

Den Sorbas kennt die ganze Welt, Paleóchora nicht. Zum Glück.

Niedrige Häuser und schmale Gassen, Balkonidyllen und Oleander bedecken die Halbinsel. Familien mit Kleinkindern werden den ruhigen, flach abfallenden Sandstrand direkt vor dem Ort mit Schatten von Filao-Bäumen und die humanen Preise schätzen. Bis Oktober bleibt das Libysche Meer warm und der Sand wird richtig heiß. An der Jetée Strandbar, im cremig dicken Joghurt mit Kastanienhonig und Früchten, bliebe jede Abenteuerlust stecken, wären nicht zahlreiche Buchten rundum mit dem Fahrrad erreichbar.

Von der Terrasse der Castello Bar bei der venezianischen Festung wünschen wir der Sonne noch „Kalispera“ – Guten Abend, während aus den Tavernen am Hafen bereits Wohlgerüche strömen. Die Wahl ist ein bedächtiges Ritual, schließlich setzen die Leute ihre Familienehre dran, dass es dem Gast schmeckt. Frischer Fisch an einem schönen Tisch direkt am Wasser ist eine Option. Bei geringster Sorge um die Frische wird der Zweifler in die Küche gebeten, mit seinem Fisch bekannt gemacht und die rosa Kiemen werden präsentiert. Kretische Küche ist aber auch reich an Gemüse, selbst die Preise sind vegetarisch, und der Gratis-Raki sowieso.

Von Paleóchora nach Elafonisi.

Fahrplan Elafonisi
Achtung: Fährt nicht bei windigem Wetter

Von Paleóchora fährt ein Ausflugsboot nach Elafonisi.

Die Sandbänke der Lagune sind die zarteste Versuchung für Fußsohlen, seit es Strand gibt. Von dort führt der erste Teil unserer Wanderung nach Süden. Weitab jeder Straße folgt eine Traumbucht der anderen, mit dichtem Schatten von wetterschiefen Kiefern. Dann wird der Weg zwischen Geröll undeutlich und mit dem Schatten ist es vorbei. Vor einer weiß getünchten Kapelle hängt eine alte Glocke zwischen Lorbeerbäumen, verziert mit einem Relief des Hl. Johannes. Die touristische Landkarte weist viele weiße Flecken auf, auch die Stille von Kapellen mit dem Duft von Wachs und Weihrauch vor Ikonen zählt dazu. Oleander zieht zum Meer hinunter, aber die Quelle, welche auf der Karte verzeichnet ist, bleibt unauffindbar. Am letzten Pass der Westküste ist das Wasser meist aufgebraucht, und die Taverne vom Krios Strand winkt herauf.

Tempel und Oliven

An der Südküste wird die Landschaft wieder grün. Die zweite Etappe führt in die Gialiskari Bucht, wo ein roter Kantinen-LKW zur Rast lädt. Das Bambusdach erweitert ihn zur urigen Taverne. Die Rückseite des maroden Gefährts verdeckt ein Paravent mit irritierend echten Landschaftsgemälden. Weiteres Design sind bunte Getränkekisten, geknickte Sonnenschirme und die hausgemachte Schokotorte. Sie steht einer Sachertorte nicht nach. Weiter hinten bei Lollos Kantina zwischen Felsen direkt über dem Strand, in einer Hütte aus Palmwedeln, schneidet Sarah flotte Frisuren, massiert und erzählt Wissenswertes über Olivenöl. Sarah und Ilias Olivenbäume werden handgeerntet und die für Westkreta typischen Tsounati-Oliven werden bei maximal 24 Grad gepresst. Geschäfte können solches Öl nicht führen, denn die geernteten Oliven wandern vom Aufkäufer in die gleiche Presse mit anderen, schließlich kann er den Erntevorgang nicht kontrollieren. Deshalb einfach bei Ilias und Sarah direkt bestellen.

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Der Strand von Gialiskari – Achtung: Sarah schneidet Haare auch bei windigem Wetter

Ein Bad in der idyllischen Bucht des Cape Plakes, Sand auf der Haut, ein Netz aus glasgrünen Lichtreflexen, der Geruch von Schweiß und Meer, und dann über das Geröll des Trachili Hanges zur Hochfläche, vorsichtig, denn ein Ausrutscher in dürre Stachelsträucher endet unerfreulich. Steil hinter der Abbruchkante liegt das fruchtbare, doch heute unbewohnte Tal von Lisos. Nur der Asklepios-Tempel mit einem schönen Mosaik erinnert an die römische Leprakolonie. Seit Jahrtausenden plätschert dort unter Johannisbrotbäumen eine Quelle. Aus den gerippten und verwundenen Schoten werden auf Kreta daraus noch immer Schokoladenersatz erzeugt.

Nun klettert der Pfad wieder aufwärts. Zwischen roter Erde und blauem Himmel rücken die Gipfel der Levka Ori, die „Weißen Berge“, näher. 2450 Meter hoch steigen sie auf kurze Distanz aus dem Meer. Der Weg passiert gigantisch überhängende Felsen und einen Hain mit zu jeder Jahreszeit frühlingsgrünen, duftenden Aleppokiefern. Dann taucht der Hafen von Sougia auf, wo die Fähre nach Paleóchora wartet.

Die weissen Berge

In Sougia beginnt die dritte Etappe. Das Gebirge rückt mit Steilhängen und Klippen an die Küste und der Saumpfad führt in tiefe Schluchten. Die E4 Tafeln werden seltener. Am Himmel kreisen stattliche Kolkraben, bei dem Ziegenkadaver neben dem Weg scheint es sich um einen Rest ihrer Mahlzeit zu handeln. Vom Meer her trägt die Stille das Gespräch zweier Fischer herauf. Zeitlosigkeit füllt den Schatten von Lorbeerbäumen und Kiefernwald, Wärme und staunender Frieden. Ein antiker Säulenstumpf am Kap Tripiti, hunderte Meter über dem Meer, unterbricht den rastlosen Kreislauf „schaffe Werkzeug, spare Zeit“.

Was jünger ist als Griechenlands Götter, blättert ab wie morscher Putz. Spätestens hier muss der Wanderer umkehren, wenn er nicht im Freien campieren will, oder zum Tripiti Strand absteigen, um sich von Captain George mit dem Motorboot abholen lassen. Für das letzte, vierte Stück bringt er uns auch wieder hin, doch der Pfad an der Steilflanke der Levka Ori ist stellenweise erodiert, erfordert Trittsicherheit und gutes Orientierungsvermögen. Das Ziel, die 1800 Meter tiefe Samaria Schlucht, steuert auch die Fähre an. Die Wanderung durch diesen Nationalpark ist die spektakulärste und meist frequentierte auf Kreta, bietet aber keine Schwierigkeiten. Das Gros startet auf der Omalos Hochebene und geht bergab. Wer am Meer beginnt, hat es ruhiger, muss aber nach zwei Dritteln kehrtmachen, um das Schiff zu erwischen. Die Rückfahrt begleitet manches Glas Wein und Gesang. Doch um all das tun zu können, müssten wir wohl erst einmal die richtigen Lotto-Gewinnzahlen tippen.

Denn, so weiß ein kretisches Sprichwort: Wer singen kann, soll die Zeit nicht mit Geschwätz vertun.


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Ein Kommentar

  1. Kalispera Jörg – stammen diese so gut formulierten Weisheiten alle von Dir? Respekt! Du hast wirklich etliche „Weisheiten“ in so wunderbare Beschreibungen dieses ganz besonderen
    „Fleckchen Erde“ gepackt. Wie wahr – Paleochora kennt „zum Glück“ nicht die ganze Welt – und zum Glück lesen es hier auch wohl hauptsächlich die, die es schon kennen und lieben und das zu schätzen wissen, was an diesem Städtchen so besonders ist!
    Danke für diesen tollen Bericht
    Elisabeth

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