„Last Grexit“ – Griechenland bald ohne Euro?

Kommt jetzt der „Grexit“? Tritt Griechenland nach der Wahl am Sonntag aus dem Euro aus? Der Chefvolkswirt der Deka-Bank, Ulrich Kater, erklärt, wie sich der Austritt vermutlich vollziehen wird – und warum die Märkte ihn nicht für eine Katastrophe halten.


Herr Dr. Kater, am Sonntag wählen die Griechen ein neues Parlament. Was passiert am Montagmorgen an den Finanzmärkten?

Wenn die Reformkräfte gewählt werden, die bereit sind, das Sparprogramm umzusetzen, steigen die Aktienkurse. Wenn die Reformgegner gewinnen, fallen die Kurse. Aber in beiden Fällen wird es keine sehr großen Ausschläge geben. Griechenland ist an den Märkten einfach nicht mehr so wichtig.

Wie kommt das?

Die Märkte schauen auf Spanien und Italien, die für den Euro eine viel größere Bedeutung haben. Über die Griechenland-Krise wird nun schon so lange geredet, dass selbst ein Austritt aus dem Euro keinen großen Schrecken mehr verbreitet.

Wie würde dieser Austritt vor sich gehen?

Wenn die alten griechischen Parteien, also Pasok und Nea Dimokratia, die Wahl gewinnen, besteht eine Chance, Griechenland im Euro zu halten. Aber wenn die neue Regierung in Athen nicht gewillt ist, die Sparauflagen umzusetzen, werden die EU und der Internationale Währungsfonds nur noch Geld geben, um Griechenlands internationale Gläubiger zu befriedigen. Sie werden keine Zahlungen mehr an den griechischen Staatshaushalt leisten.

Dann geht Griechenland Bankrott?

Nein, nicht unbedingt. Der griechische Staat wird dann Schuldscheine drucken, auf denen steht, dass er sich verpflichtet, sie gegen Geld einzulösen, sobald ihm das wieder möglich ist. Mit diesen Schuldscheinen kann er bei seinen eigenen Bürgern bezahlen. In den Geschäften wird eine Tafel aufgehängt, auf der steht, mit welchem Abschlag gegenüber dem Euro diese Schuldscheine in Zahlung genommen werden. Ein Weißbrot, wenn man es per Schuldschein bezahlen will, kostet dann eben das Doppelte oder Dreifache des ursprünglichen Euro-Preises. Auf diese Weise werden die Schuldscheine so eine Art neues nationales Geld.

Deka-Bank-Chefvolkswirt Ulrich Kater.

Deka-Bank-Chefvolkswirt Ulrich Kater.
Foto: dpa

Wie lange geht das gut?

Das hängt davon ab, wie die Regierung wirtschaftet. Wenn sie weiterhin hohe Defizite ausweist und immer neue Schuldscheine druckt, um die Lücke zu schließen, sind die Papiere bald nichts mehr wert. Wenn die Regierung aber die Atempause von ein oder zwei Jahren, die sie auf diese Weise gewinnt, nutzt, um den Staat zu modernisieren, kann sich dieses Szenario für Griechenland als positiv erweisen.

Die Regierung würde dadurch ja auch ein Stück Souveränität zurückgewinnen.

Ja, unbedingt. Und auch Wettbewerbsfähigkeit, denn man kann ja diese Währung auch verwenden, um in der Industrie oder in anderen Wirtschaftsbereichen Lohnsenkungen im Vergleich zum übrigen Euroland durchzusetzen.

Aber droht nicht trotzdem Chaos? Ein Run auf die Banken, zum Beispiel?

Nein. Die Griechen haben den größten Teil ihrer Einlagen ohnehin schon abgezogen. Was noch da ist, sind vor allem technisch bedingte Mindesteinlagen. Und Europa würde die griechische Nationalbank und das griechische Bankensystem auch weiterhin stützen. Es müsste den griechischen Banken nur verbieten, dieses Geld dem griechischen Staat zu leihen. Der Staat darf sich nicht durch die Hintertür neue Euro-Kredite beschaffen können.

Wie wahrscheinlich ist es, dass es zu diesem Szenario kommt?

Es ist das wahrscheinlichste Ereignis.

Wie teuer käme diese Variante den deutschen Steuerzahler zu stehen?

Unmittelbar kostet sie überhaupt nichts. Die Forderungen der Gläubiger gegenüber dem griechischen Staat bleiben aufrechterhalten. Wir haben Forderungen gegenüber Griechenland von 86 Milliarden Euro über alle staatlichen Stellen, also Rettungsschirm, Zentralbank und Zahlungsverkehrssystem. Davon wäre erst einmal nichts abzuschreiben. Aber durch die Zahlungen an die internationalen Gläubiger Griechenlands würde sich diese Rechnung weiter erhöhen. Wenn Griechenland dann eben in fünf Jahren austritt, wären es vielleicht schon 120 Milliarden Euro.

Wie groß ist bei diesem Szenario die Ansteckungsgefahr für Länder wie Italien und Spanien?

Diese Gefahr ist nicht mehr so groß. Was an Ansteckung möglich war, ist schon passiert. Diese Ansteckung besteht darin, dass die Weltmärkte bezweifeln, ob der Euro funktioniert. Diese Zweifel können wahrscheinlich nur ausgeräumt werden, wenn Europa wirklich in Richtung mehr Integration geht.


In der Zwischenzeit profitiert Deutschland durch extrem niedrige Zinsen.

Ja. Das Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln hat gerade ausgerechnet, dass der Bund seit 2009 über 50 Milliarden Euro an Zinszahlungen eingespart hat, weil die Schuldenkrise die Nachfrage nach deutschen Staatspapieren so stark angeheizt hat.

Viel Geld.

Ja. Aber sowohl diese Zinsersparnis als auch die hohen Zinsen in den Defizitländern sind ein künstliches Phänomen. Dass sich solche aberwitzigen Preise in den verschiedenen Regionen bilden, kann nicht Sinn der Währungsunion sein. Es zeigt, wie sehr etwas faul ist im Staate Euroland.

Quelle: Frankfurter Rundschau

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Ein Kommentar

  1. Deutschland hat in drei Jahren 50 Milliarden an Zinsen gespart, die es sonst für eigene Schulden aufbringen musste? Und das bei „nur“ 22,4 Milliarden staatlicher Kreditgarantien, von denen bisher wohl irgendwas um die 10 Milliarden ausgezahlt wurden. Nicht schlecht!

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