Maria erzählt: „Die Griechische Seele“.

Die Griechische Seele

Zum vierten Mal fuhren wir bereits im Kreis. Es war zum Verrücktwerden. Keine Straßenschilder, die uns zumindest in irgendeine Richtung geführt hätten. Keine Menschenseele auf der Straße, die uns Auskunft geben könnte. Nichts.

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Maria unterwegs in Pieria

Einfach nur wunderbare grüne Landschaft, das weltberühmte griechische Licht und mittendrin mein Gatte, der langsam aber sicher zu kochen begann, wenn wir nicht endlich den Weg zum Aliakmona Fluß finden würden. Jede Straße, jeden noch so kleinen Weg hatten wir bereits erkundet wie die Pfadfinder, alles ohne Erfolg.

Wir drehten uns im Kreis, besser gesagt wir fuhren abermals im Kreis ohne die zündende Idee. Mich hatten vor unserer Reise nach Katerini die wunderbaren Fotos vom Aliakmona-Delta und seinen Flamingos fasziniert, deren Fell in der griechischen Sonne glänzte.

Da wollte ich hin, da musste ich hin. Flamingos in Griechenland, welch wahnwitzige Vorstellung.

Und nun das. So nah am Ziel und wir fanden in dieser Landschaft ohne Straßenschilder den Weg nicht. Immer wieder die gleichen Kirchen, immer wieder die gleichen Ortseingangsschilder und Temposchilder ohne jeglichen Sinn, an die sich eh niemand hielt. Aber keine Wegweiser. Flamingos in Hellas und kein Schild zu diesem Spektakel.

„Komm, lass uns umkehren. Es macht keinen Sinn. Das Schild „Methoni“ haben wir mindestens schon vier mal hinter uns gelassen.“ „Ich weiß, ich weiß. Aber ich möchte so gerne zu diesem Delta. Da vorne ist eine Taverne, lasst uns dort anhalten. Vielleicht treffen wir jemanden an. Das ist die letzte Chance, versprochen.“ Wir parkten das Auto direkt vor diesem einladenden Lokal mit dem schönen Namen „Alexander“, setzten uns auf die blauen typisch griechischen Stühle und warteten, ob jemand auftauchen würde. Da die Männer nicht so viel Geduld aufbrachten, nahmen sie die Fotoapparate und schlenderten zu der nahen Statue von Philipp II., dem Vater von Alexander dem Großen.

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Aliakmona, der 297 km lange und somit längste Fluss Griechenlands, entspringt im nördlichen Pindos-Gebirge und mündet schließlich in den Thermaischen Golf in Pieria.

Kurz darauf gesellten sich ein freundlicher Grieche zu uns. Im perfekten Deutsch und sichtlich erfreut, dass er dieses anwenden konnte, packte ihn umgehend die Neugier. „Wo kommt ihr her?“ „Aus Deutschland.“ „Ja, aber woher genau.“ „Ruhrgebiet, Bochum, wenn dir das etwas sagt. Vfl Bochum, Schalke 04 mitten aus dem Pott“, lachten wir los.

„Ich habe sehr viele Jahre in Duisburg gearbeitet. Kenne die A 40. Grausame Autobahn. Immer voll. Zu viele Autos, zu viele Schilder. Bin daher vor 20 Jahren abgehauen.“ „Dafür gibt es hier gar keine Straßenschilder,“ konterte Conny. „Wozu? Wir kennen doch jeden Stein hier, jeder kennt jeden. Wir brauchen keine Schilder,“ schmunzelte er uns an.

„Was wollt ihr trinken und wie heißt ihr überhaupt?“

„Conny, und das ist Maria. Und wie heißt du?“ „Dimi. Dimitris Papanikoalidis. Was treibt euch in unsere wunderschöne, so verlassene Gegend?“ „Die Flamingos…“ antwortete ich blitzschnell. „Die Flamingos? Dazu kommen wir später, was wollt Ihr trinken“?

Nachdem er unsere Bestellung und die unserer inzwischen anwesenden Ehemänner aufgenommen hatte, schleppte er auf einem großen Tablett die eisgekühlten Getränke an. Setzte sich, zündete eine Zigarette an und wollte nun endlich erfahren, was wir eigentlich genau suchten. „Wir suchen das Aliakmona-Delta, dort wo die Flamingos sich in der Sonne baden,“ begann ich. „Ja, habe ich von gehört. Ich war aber noch nie dort.“ Dann drehte er sich Richtung Meer und zeigte hinüber zu anderen Seite. „Dort drüben hinter den Reisfeldern und den Bäumen, da fließt der Aliakmona ins Meer.

„Du warst noch nie dort?“ Ich konnte es gar nicht fassen. „Nein, ich weiß ja, wenn ich die Flamingos sehen will, welchen Weg ich nehmen muss,“ grinste er los. Da er uns den Weg zwar erklären konnte, wir aber überhaupt keine Ortskenntnisse hatten, wurde es schwierig. Viele Straßen hatten überhaupt keine Namen, dann die Tatsache der nicht vorhandenen Schilder. Die Sache wurde kompliziert, ja beinahe aussichtslos. Er kramte einen Kellnerblock aus der Taverne und versuchte, den Weg aufzuzeichnen.

Wo Flamingos in der Sonne baden.

Ich bekam einen Lachanfall, weil die Zeichnung einer Anleitung der Verkabelung für einen Kühlschrank glich. Es wurde noch aussichtsloser. Schließlich griff er zum Handy und trommelte drei Nachbarn herbei. Die binnen drei Minuten zur Stelle waren. Er legte seine Zeichnung vor, die aber auch bei den Freunden nur Verwunderung auslöste. Keiner erkannte nur annähernd etwas darauf. Die erste Runde Ouzo kam auf den Tisch. Es wurde laut, weil man sich nicht auf den richtigen Weg einigen konnte. Nun begann Janni, der kleinere Nachbar, die Zeichung von Dimi zu korrigieren. Das Chaos war perfekt.

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Wasserschutzgebiet Aliakmona – Sumpfgebiet Agathoupolis
Das Flussdelta vom Aliakmona umfasst eine Flache von uber 4000 Hektar. Zusammen mit dem Flussmundungsgebiet der Flusse Gallikos und Loudias sowie der Lagune von Alikes Kitrous handelt es sich um ein riesiges, buntgefachertes Feuchtgebiet, eins der bedeutendsten Europas mit einem unschatzbaren Wert fur die Menschheit. Die Flussufer sind dicht bewachsen und hier finden der Fuchs, der Schakal, der Dachs, der Steinmarder, das Wiesel, der Feldhase und die Wildkatze Unterschlupf. Haufig trifft man sogar noch im Ufergebiet Ziesel (Citellus citellus) und Biber (Myocastor coypus) an.
Besonders beeindruckend im Feuchtgebiet ist jedoch die große Zahl der Vogel, die hier ausgemacht werden konnten. Über 215 verschiedene Vogelarten nisten, überwintern oder rasten hier auf dem Weg in den Suden. Insbesondere trifft man in dem Gebiet ausgesprochen viele Reiherarten an. Seidenreiher, Nachtreiher, Loffler, Sichler (die vom Aussterben bedroht sind), Kormorane, Seeschwalben, Seeregenpfeifer, zwölf verschiedene Entenarten, Ganse, Raubvogel u. a. sind einige von den Vogeln, die man hier finden kann. Zwei andere vom Aussterben bedrohte Vogelarten, der Krauskopfpelikan und der Dunnschnabel-Brachvogel leben ebenfalls hier.

Dimi stand irgendwann genervt auf, holte seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche und bat uns, einfach hinter ihm herzufahren. Sein aus Deutschland mitgebrachter Mercedes parkte auf der anderen Straßenseite, er drehte, hupte und wir folgten ihm erleichtert. Den Weg hätten wir niemals gefunden. Knapp 20 Minuten fuhren wir durch die menschenleere, sehr grüne Gegend. Links, rechts, dann wieder rechts. Vorbei an den Markierungen auf seinem Zettel, die ich aber nicht erkannt hätte.

Straßen ohne Namen, Schotterwege, unasphaltierte Feldwege.

Abenteuerlich wurde es. Schließlich erreichten wir die von ihm erwähnten Reisfelder. Wo man hinsah Reispflanzen. Nun standen wir vor den Bäumen, die wir vorher von der anderen Meerseite gesehen hatten. Dahinter befand sich der Aliakmona, den wir bereits rauschen hörten. Zu diesem Rauschen ertönte noch das Gequake der sich hier tummelnden Frösche. Eine Idylle.

Wir verabschiedeten uns, umarmten uns, als würden wir uns schon Jahre kennen. „Wir müssen noch die Getränke bezahlen, Dimi. Und die Zeit, den Sprit. Das können wir gar nicht wieder gutmachen. Du musst ja auch die ganze Strecke wieder zurückfahren,“ blubberte es aus mir heraus vor lauter Aufregung.

„Nein, nein. Ich bin so stolz, dass ihr den weiten Weg aus Deutschland gemacht habt, um unsere Flamingos zu sehen. Die ich selbst noch gar nicht gesehen habe. Wahrscheinlich weiß das jetzt schon jeder im Dorf, dass vier Deutsche hier sind, um das Flussdelta zu sehen. Ich danke Euch.“ Während er das sagte, kullerten Tränen über seine Wangen.

Eure Maria

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3 Kommentare

  1. Hallo Maria,
    eine rührende Geschichte, die mich an eigene Erlebnisse erinnert !
    Das ist Griechenland ! Deswegen liebe ich dieses Land !
    Möge es immer so bleiben !

  2. Danke, liebe Maria. Eine zauberhafte Geschichte, die so viel von der Tiefe der griechischen Seele preisgibt. Emotionen leben und andere teilhaben lassen – dafür lieben wir die Menschen in diesem Land!

  3. Hallo Maria!
    Danke für diesen wunderbaren Tip. Mache nächstes Jahr eine Rundreise mit meiner griechischen Freundin durch Griechenland. Das ist natürlich ein Geheimtip. Danke für diese schöne Geschichte Erika

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Kommentare sind geschlossen.