Matala – und wo ist Scotty?

Wo ist Scotty?

Von Ursula Scheidle

Vom Leben im Süden, an Stränden, in Höhlen

Es gibt Orte, die zum Geschichtenerzählen anregen. Das sind meistens Orte, an denen man jede Geschichte glaubt. Man hält sie dort für möglich, da diese Orte Menschen und Dinge zusammenführen, die nicht zusammengehören.

Joels Bambushütte und Elpidas Taverne zum Beispiel, oder Stephanies elegante Erscheinung und der schmale Weg durch die steile Schlucht in ihre Höhle in der Trafoula- Bucht.
Doch noch einmal von vorne. Diese Geschichte beginnt mit der Suche nach Scotty, dem „letzten Hippie von Matala“, so wird dieser Zeitzeuge der dortigen Hippiekolonie in den 1960er Jahren in Reiseführern als kleine Sensation genannt.

Von Heraklion nach Lentas

Die Suche beginnt im Sommer 2009 am Flughafen Kazantzakis in Heraklion auf Kreta, mitten in der Hochsaison und mit vielen Touristen. Die meisten parken sich und ihr Gepäck gleich nach ihrer Ankunft in den Hotelburgen im Norden der Insel ein, nicht weit entfernt vom Flughafen.

Mit dem Auto sind es von dort bis zur Südküste zwei knappe, kurvenreiche Stunden. Lentas ist zuerst das Ziel. Es ist eines der kleinen kretischen Fischerdörfer, die hinter einer hohen Bergkette da auftauchen, wo man nichts mehr vermutet.

Drei Kategorien von Bewohnern

Die Landschaft ist karg, der Küstenstreifen schmal. Der „steinerne Löwe“, eine Ansammlung von Felsen, markiert jenen Abschnitt des schmalen Streifens, um den es hier zunächst gehen soll. Dort angekommen, erkennt man – nicht sofort, erst nach und nach -, dass etwas nicht ins Bild passt, denn die Bewohner lassen sich in drei Kategorien einteilen: die Einheimischen, wie Elpida Giannedakis – sie gehört noch zur alten Generation und ließ die erste Taverne hier errichten -, die Touristen und jene Menschen, die dem Bild dieses unauffälligen Touristenortes seine ungewöhnliche Farbe geben.

Die Kreter nehmen ihre ungewöhnlichen Mitbewohner, wie es scheint, nüchtern hin, so wie Elpida das Meer, dem sie auf der Terrasse ihrer Taverne sitzend stets den Rücken kehrt. „Das habe sie genug gesehen“, meint sie. Außerdem haben Höhlen auf Kreta eine mythisch-literarisch-kultische Tradition, und es scheint daher nicht ungewöhnlich, dass Höhlen immer noch ein Reservoir für Unentdecktes sind, bis heute.


Orte der Zuflucht und Ruhe

Zeus fand auf Kreta Schutz in einer Höhle vor dem nach seinem Leben trachtenden Vater Kronos. Die Menschen der Jungsteinzeit bauten sich die Höhlen bei Matala zum Wohnen aus, die Priesterinnen der Minoer benutzten sie als Kultstätten, die ersten Christen als Lager für ihre Toten.

Reisende hinterließen an Höhlenwänden Inschriften, die bis ins frühe 16. Jahrhundert zurückdatieren, die Hippies bewohnten Kretas Höhlen in Matala in den 1960er Jahren, unter ihnen Joni Mitchell und Cat Stevens. Und in einer Höhle bei Lentas soll ein Grieche dem Schriftsteller Nikos Kazantzakis zehn Tage lang seine Geschichte erzählt haben, die unter dem Titel „Alexis Sorbas“ zum bekanntesten Roman Kazantzakis‘ wurde – so weiß es zumindest Elpida. Wer aber sicher im Sommer 1924 in der Höhle des Dichters bei Lentas war, war seine Geliebte und spätere zweite Frau, Eleni Samiou.

Reisende und Verweilende

Noch immer auf der Suche nach Scotty, begegne ich stattdessen in der Trafoula-Bucht bei Lentas der deutschen Künstlerin Stephanie Strassner, bei Dytikos dem belgischen Musiker und Lebenskünstler Joel Grandel, ehemals Kohlenminenarbeiter und Bodybuilder, und, endlich auch in Matala angekommen, dem Weltreisenden Yves Valentin aus Straßburg.

Sie sind vor vielen Jahren als Reisende hierher gekommen – und geblieben, um sich ihr Leben am Strand einzurichten, Joel in seiner an die Felsen gebauten Bambushütte und Stephanie, gemeinsam mit ihrem Mann, in einer Höhle, die sich in drei Etagen in einen Felsen stülpt. Alle drei setzen diese „kretische“ Tradition fort.

Sie leben ein Leben, das andere Maßstäbe setzt, in Behausungen ohne Strom und ohne Türe zum Zusperren. Stephanie hat mit ihrer Höhle das geeignete Setting für ihr künstlerisches Schaffen gefunden, Joel hat begonnen, im kargen Boden bei Lentas Bäume zu pflanzen, und Yves kann in seiner Höhle bei Matala aus seinem Reiseleben Geschichten erzählen, die mehr nach Literatur, nach Erfindung klingen als nach wirklich Erlebtem.

Scotty, so erfahre ich, verbringt, mittlerweile pflegebedürftig geworden, seine Zeit nun in einem Kloster. Nonnen hätten den „letzten Hippie von Matala“ in ihre Obhut genommen.

Außergewöhnliche Wirklichkeit

Einige, die hierher kamen, sind in ihrem eigenen Traum gestrandet, manche setzen 40 Jahre nach dem „Summer of Love“ fernab jeglicher Hippieromantik ihre Entscheidung für ein außergewöhnliches Leben konsequent um.

Aber Elpida geht das alles nichts an. Sie könnte einen tiefen Einblick in das Leben der Menschen hier geben. Doch ihr Blick ist uneinnehmbar. Sie sitzt auf ihrem Stuhl auf der Terrasse ihrer klassisch blau-weiß gestrichenen Taverne, in ihrem Rücken nur das Meer.

Quelle: ORF

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