„Mopeds in Chania“, von Paul Gourgai.

Während wir durch die engen Gassen der Stadt flanierten, beobachteten wir, wie sich ein halbes Dutzend Mopedfahrer damit beschäftigte, sich ihre allabendlichen Rennen – vorzugsweise gegen die Fahrtrichtung von Einbahnstrassen zu liefern, wobei es als Zeichen besonderen Mutes und Geschicklichkeit galt, auch bei rasender Fahrt das Vorderrad in die Höhe zu reißen, um wie ein Zirkusartist nur auf dem hinteren Antriebsrad das Gefährt durch die schmalen Gassen zu treiben.

Nach allem, was wir auf griechischen Straßen schon erlebt hatten, waren wir nicht mehr sonderlich beeindruckt, als wir sahen, wie ein völlig Irrsinniger, der hoch zu Moped alles andere, ohnehin ausreichend entmenscht fahrende Volk wie ein antiker Gott der geistig Entrückten überholte, auf dem von der Nässe aufgeweichten Asphaltbelag schleuderte, dabei nahezu zu Boden ging, sich aber akrobatisch rettete, um mit noch größerer Verbitterung als schon vordem sein Moped wie einen scheuenden Mustang hochzureißen und im wilden Zickzack nach vor zu schnellen.

In den Gassen von Chania.

Als er wieder, ohne die geringste Rücksicht zu nehmen, mehr oder weniger aus dem Liegen heraus wie ein geistig Schwerstgeschädigter volle Fahrt aufgenommen hatte, riss ihm der Fahrtwind die Mütze vom Kopf. Im Versuch, die nach hinten wegfliegende Mütze mit beiden Armen noch aus der Luft zu fangen, geriet das freihändig dahinschießende Gefährt neuerlich ins Schlingern, und zwar so abenteuerlich, dass ein daneben daherbrausender Autofahrer sein Tempo, wenn auch unwesentlich, drosselte, da dessen Lenker ja doch fürchtete, von den ausschlagenden Hufen des irrwitzig gerittenen Mopeds in die Weichteile getroffen zu werden.

Der wahnsinnige Reiter indes riss sein Gefährt herum, raste an die Stelle zurück, an der er die Mütze vermutete, erkannte, dass ein apathisch anmutender junger Mann diese mittlerweile aufgehoben hatte, um sie dem ihm entgegenkommenden Mopedgangster in die Hand zu drücken. Dieser, über die Situation mit einem Blick seiner wütenden Augen sofort im Bilde, raste auf den teilnahmslos bleibenden jungen Mann zu, riss jenem bei andauernder voller Fahrt die Mütze aus der Hand, und jagte, ohne die geringsten Anstalten zu unternehmen, seinen ursprünglichen Kurs wieder aufzunehmen, mit immer größerem Tempo in die entgegengesetzte Richtung davon, in die Richtung also, aus der er ursprünglich gekommen war; weiter und weiter, bis man ihn endlich aus den Augen verlor.

Ob solchen Irrwitzes drängte sich uns die unbezwingbare Erkenntnis auf, dass gewisse isolierte Orte keinem gemeinsamen Maß mit den übrigen zu unterstehen, sondern fast außerhalb der Welt zu existieren scheinen.

In Paleochora geht es etwas ruhiger zu. Thanassis, der Eierlieferant.

Zu all dem passte es schließlich, als wir einen feinen, etwas älteren schmächtigen Herrn beobachteten, der an einer der Straßenecken versuchte, sich durch einige der dort eng nebeneinander abgestellten Mopeds hindurchzuschlängeln, dabei aber die Balance verlor und mit dem Knie heftig gegen den Pneu des Vorderrades einer Maschine stieß. Auf seiner hellbeigen Hose zeichnete sich sogleich kräftig der ölig verschmutzte Abrieb des Gummis ab.

Es schien uns, als ob ihm dies schon öfter zugestoßen wäre, als begnügte er sich nicht, wie sonst vielleicht, wenn er in ruhiger und ausgeglichener Stimmung war, mit einem Fluch, sondern trat diesmal mit Verve gegen das vordere Rad eines dieser Mopeds, das sich ob dieses Tritts unversehens zur Seite neigte, sogleich auf das nächste fiel; jenes wiederum auf das nächste daneben, sodass in weniger als drei Sekunden zehn, zwölf Mopeds auf das Pflaster donnerten. Der feine Herr zog sich, so schnell er konnte, in eine Seitengasse zurück.

Paul Gourgai

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